THE UNIVERSITY OF ILLINOIS LIBRARY 980 Schös OAK ST. HDSF ^ /f SÜDA.Ar Kill KANISCTIE STUDIEN. DREI LEBENS- UND CULTUR- BILDER. . Schul blättern, ei'fuhr, lenkten meine Aufmerk- samkeit auf noch nicht für die Oell'entlichkeit benutzte Manu- scripte, Alihandlungeu, Berichte und Briefe des grossen Gelehrten; die Sternwarte meines Wohnortes Bogota lehrte mich den un- — VI — erinüdliclieii, viol zu IVüli ge.stürl)eiiou Cjüdas «chätzen, dessen Leben und Wirken ausserhalb Südamerikas kaum beachtet ist; ITir Jede i)raktische Frage, l)ei welcher Reise-Routen oder Eisen- bahn -Projecte, Lage von Ortschaften, Grenzen von Ilandels- Gebieten, Staats-Territorien u. s. w. in Betracht kamen, waren Arbeiten von Codazzi zu verwenden. Verwandte und Freunde der (hei von mir Erwählten liesscn mir manche direkte Mitthei- lungen zukommen, namentlich die Kinder Codazzi's. Ich heimste damals Alles ein, was sich darbot, private wie öffentliche Ur- kunden, Briefe, Berechnungen, Bücher, Streitschriften, Zeitungen, Berichte, Bilder und Karten. Der 1875 erfolgte Eintritt in einen neuen Wirkungskreis, der unter stetigem Drange der Geschäfte meine ganze Zeit und Kraft in Anspruch nahm, führte dazu, dass das in Müsse Be- gonnene liegen blieb, wenn nicht gelegentlich einmal ein Anstoss kam, z. B. durch neue Einsendungen meiner südamerikanischen Freunde, (Kirch Ermuthigungen so hochstehender Kenner Süd- amerikas, wie Adolf Bastian, Hermann Karsten, Wilhelm Reiss, Alphons Stübel, oder durch die mannigfachen persönlichen Ver- bindungen und sachlichen Anknüpfungspunkte, welche die grösste Stadt Amerikas mir tagtäglich gewährt hat. So ist das heute abgeschlossene Buch ganz allmalig heran- gewachsen; möge über demselben, wenn die Zeit der Veröffent- lichung da ist, ein guter Stern walten. Die folgenden Blätter geben in der Form von drei Bio- graphien Geschichten aus dem nördlichen Südamerika und aus der Zeit von 1760 l)is 1860. Obwohl versucht ist, allgemein Interessantes in den Vordergrund zu rücken, den Zusammenhang des Kleinen mit dem Grösseren festzuhalten und den Gang der politisch-socialen Entwickelung zu kennzeichnen, so sind jene Geschichten doch vollständig ursprünglichen Quellen entnommen und in kritischer Methode durchforscht worden. Bei der Kritik- losigkeit vieler historischer Veröffentlichungen über Südamerika — \' 1 1 war ein ZiiriiekgolHMi anl' die (^)iu'II('ii geboten, woiiilicr geiKUUMcn Aufscliluss die Anmerkungen gel)en, welche zienilieli nnilangreieli werden mussten, weil sonst ihre Citate l'üi- die Kritik fast un- controlirbar geblieben wären und weil manche l)ereits in die allgemeine Benrtheilung der beziiglichen A^erhältnisse einge- drungene liTthinner \ind Missverständnisse nur durch den Wort- laut der Quelle, ihre Kritik und Interpretation oder durch andere Details beseitigt werden konnten. Uebrigens sind meine Materialien keineswegs ganz vollständig, denn abgesehen von den Archiven Madrids, muss noch manches mir bisher nnzugängig Gebliebene in Hucaramanga, Bogota', Caracas, Cartajena, Quito und Valencia vorhanden sein. In je einer Anmerkung ist mög- lichst Alles hinsichtlich eines bestimmten Gegenstandes Wisseus- werthe zusammengefasst worden, sol'ern nicht Sachen von ganz besonderer Wichtigkeit vorlagen, wie z. U. Kinarinden-Studium, Entwickelung der Isthmiiscaual-Frage , Humboldt's Reise oder der Lebenslauf meiner drei Helden selber. Die ohne weiteren Zusatz im Texte unter Anführungszeichen sich findenden Sätze sind aus den spanischen, französischen oder italienischen Aufzeichnungen Desjenigen übersetzt, dessen Bio- graphie behandelt wird, und zwar möglichst wörtlich, a))er doch unter Kürzungen. Die Lebensbeschreibungen gehen auf alle Details ein, die irgendwie für die Zeitläufte charakteristisch zu sein schienen, auf Familie imd Freundschaft, auf Wohnungen und Reise-Erle) »nisse, Gelehrtenstreit, Projectenmacherei u. s. w. Nur so glaubte ich dem Leben und Treiben in tropischen Ge- genden unter der Colonial-Regierung, während der Unabhängig- keits-Kämpfe in der republikanischen Zeit gerecht werden zu können und zugleich die Eigenarten eines dem europäisch-nord- amerikanischen Wesen so fremdartigen Landes und Volkes an- schaulich zu machen. Die den Hauptfiguren meiner di-ei Bilder zur Seite stehen- den Personen, Nord- und Südamerikaner, Spanier, Deutsche, — vnr — Franzo?(Mi und Engländer, meist hislier wenip; bekannt, scliienen mir die ihnen jcweiliji; gewidmeten Worte zn verdienen. Alle i'il)eri'a2 5(j. llumboldt's Reise durch Neu-Granada (1801) 4(j."» 57. Kin Brief von Mütis an Humboldt 4(j4 58. Jorje Tadeo Lozano 4(U 59. Die Fische der Bogotäer Hochebene 4(55 liO. Spaniens wissenschaftliche See-Expeditionen 4<>5 Ül. Das Giganten-Feld bei Soacha 4(J7 G2. Das Salzwerk von Zipaquirä 4G7 132. Die Bai-ult'.sclR'ii uiul Diaz'.schi'ii Sclirifteri n2'-i 133. Cudazzi's Pari.ser Aiiszeii-hiiunsreii 524 134. Robert Hermann .Seiionilturgk Ö24 135. Das venczuelanist-Iie (ieograpliie-Werk von Cddazzi 525 13G. Die ili'ut.sclie (Kolonie Tovar 527 137. Hermann Karsten . 528 138. Die venezuelaniöfhe i'rovinz Barina.'j 529 139. Anlansie der Literatur iilicr die Isthmus-Frage 530 140. Die Panamä-Ei-senlialni •» • • ^^ 141. Manuel Ancizar 51^1 142. Joai|uim Acosta 5;J2 143. Das neugranadiniselie Geographie- Werk von ('odazzi 5133 144. Jo.se .rerunimo 'l'riaiia 5;{4 145. C'odazzi's Vermes.sungs-Ileisen in Neu-Granada 5;35 145a. Die Zeiehenlelsen im nördlichen Südamerika 5^}(j 14»i. Tropisclie Landscliaftsltilder 537 147. Die Altertliiimer der 'I'unzas 'h]H 148. Pernanisehe Smaragden 539 149. Karl S. de Greifl" '. 540 150. Karl Degenliardt's Andenken 540 151. Projec-te für einen amerikanischen Isthmns-(>aiial 541 152. Edward CuUeii 541 153. Isaae F. Holton 542 154. Frederik .M. Kelley 543 155. Jolni ('. Trautwine 544 15(). Die englisciie Darien-Expedition 545 157. Die erste nordamerikanische Isthmu.s-E.\peditioii 54(1 158. ("odazzi's Kriegsdienste in Neu-Granada 548 159. Die neugranadinische Landesbe.schreibung 548 160. General-Cunsul llesse's Bericht 549 IHl. Codazzi's Sendung an Humboldt 550 162 Alterthiimer der Aymaräes .... 552 163. Jean Jactiues Elisee Reclu.s 553 164. Die zweite nurdamerikaiiische Isthmu.s-Expedition 554 165. Die letzten Schriften von Codazzi 55.5 166. Manuel Villavicencio . . 5.56 167. (.'odazzi's Tod 557 168. Posthume Ausgaben Codazzi'scher Werke (1860 — 1864) .... 557 I. *Tose M^Titis, Schumacher. Slldamprik. Studien. 1. Anfänge in Neugranada. Die amcrikanischeu Heiche Spaniens sind mehr als zwei Jahrhunderte hindurch ohne eigenes Lehen geblielien. Nur wenige dieser grossen, meist durch Wallengewalt erworbenen Gebiete wurden als Fundstätten von Schätzen, denen die alte Welt kein Gegengewicht zu l)ieten vermochte, mehr und mehr unerlässliche Stiitzen des herrschenden, aber wirthschaftlich entnervten euro- päischen Landes: diesem fielen mehrere Theile, da sie nicht so viel einbrachten, wie sie zu eigener Entvvickelung hätten ver- brauchen müssen, dauernd und immer schwerer zur Last. Li der Mitte des 18. Jahrhunderts Avar die daheim noch sehr geachtete Kolonialkraft Spaniens Ijereits in sich zerrissen und verfault. Das romanische Europa hatte in der neuen Welt kein die Arbeit kennendes und förderndes Volk erstehen lassen, wie das ger- manische, dessen Kolonien kraftvoll und stolz sich emporarbeiteten. Nationaleigenthinnlichkeit und Landeseigenthümlichkeit waren für Ersteres ungünstig: in pllanzenähnlichem Dasein schlummerten die Menschen der amerikanischen Tropen von Tag zu Nacht und von Nacht zu Tag. Europäisches Leben gab es dort nicht. Amerika war keine neue lleimath geworden, wenige Hafenplätze ausgenommen, zeigten sich dort bloss Elemente, welche die Ein- bürgerung frischen Blutes erschwerten. Die heimische Regierung verfügte jenseits des Oeeans fast nur über zahlreiche, in Spanien selbst ausgebildete Personen, meist Militärs und Kleriker. Die in Amerika geborenen ^lenschen europäischer Herkunft, die Kreolen, lel)ten Ijeinahe ausschliesslich vom alten Mutterlande, oder sanken atjf die niedrige Kulturstufe ihrer neuen L^'mgebung hinalt: oft in die Schwäche, welche die Anstrengungen eines 1* — 4 — civilisirten Lebens mied, z. B. in Lima und Mexiko, oft in be- diirfnisslose Wildheit, z. B. an den meist öden Küsten und in den Steppen flächen des Innern. Die Nachkommen der ursprüng- lichen Bevölkerung" blieben niedergedrückt, die Mischlinge meist thatenlos. Das Xegerblut förderte physische und geistige Roheit; denn unter dem Einfluss der rohen Rassenkreuzung entartete Generation auf Generation. Zu solcher Gährung im Volkswesen kam, dass Handel und Wandel unselbstständig und unfrei blieben; die Gewerbe konnten keinen Boden erringen; eine Mittelklasse, die ihr Glück nur auf persönliche Arbeit und eigene Thätig- keit setzte, war nicht vorhanden. Die Kaufmanuschaft wurde durch immer neue Steuern und immer klüger ersonnene Auflagen aus den natürlich-freien Geleisen verdrängt; für Technik und für Wissenschaft fehlten alle Hülfsmittel, selbst alle Vorbedingungen. Es bestanden unter den verschiedenen spanischen Kolonialreichen nur spärliche Verbindungen, aber doch mancherlei Gegensätze, die Küstenbevölkerung war den Bewohnern des Hochgebirges, der Städter dem Hinterwäldler, der Kreole baskischer Herkunft dem kastilianischen Geblütes, der Herr dem Sklaven verhasst. Ebensowenig gab es Verbindungen mit dem rasch pulsirenden, in eingehen Formen der Selbstverwaltung kraftvoll weiter sprossenden germanischen Gemeinwesen des schwer arbeitenden, aber der politischen Freiheit entgegensclireitenden Nordens; auch hier nicht bloss Mangel an Verl>indungen, sondern gehässige Gesinnung, galt doch England für Spaniens Erbfeind. Wie gegen 1750 das Volk der amerikanischen Tropen eigenem geistigen Leben nicht gewachsen war. so war das Land, aller Mühen ungeachtet, zu materieller Kultur nicht erhoben worden. Das Land selbst übte einen schweren Bann, wie denn überall die im Scheitel stehende Sonne den Fortschritt menschlicher Kraft gehemmt hat. In Mittel- und in Südamerika hat sich die Besitznahme grosser Gebiete meist in der Form von Einzelbesiedelungen voll- zogen, in dei- Regel nicht durch Einbürgerung von Industrien oder durch umfassende Bebauung der Bergal)hänge und Nie- derungen, der Hochebenen und Flussthäler. Die niederbeugende Gewalt der immer sich an Macht erneuernden tropischen Natur und die Grösse der ungemessenen, kraftstrotzenden Lande : solche Riesenelemente verhöhnten die europäische Arbeit. Dicht nelten — o — den neuen W'olm.-it/en. oft vor den llauslhüren der Kindrin^liniie, unüaltele uralte Wildnis? rrkraft der ^'or\velt. Bei so gi},'anti- scheiu Widerfstaude erlbi-derteii Entwaldung, Entwässerung, An- pflanzung und Saat, Ein/.äuming und Wegbaii nicht bloss Energie und Zeitaufwand, sondern auch Aenderung des gesammten Volks- wesens, Angesichts des wuchernden Urlebcns, des schlangeu- reichen Scheinparadieses, der täglich neuen Schmarotzervegetation, war wirksame Forderung einfältiger wirthschaftlicher Verhältnisse, war die Begründung eines menschenwürdigen Daseins ülteraus sciiwierig. Der Kampf mit den Naturgewalten blieb Jedem, den kein festes System von Genossen unterstützte, geradezu un- möglich. Hätten auch die Pfleger der nach den Tropen ver- l)flanzten europäischen Kultur dagestanden als die höchsten Würdenträger eines mächtigen Reiches oder der einen allein heiligen Kirche, wären sie in eigener Person die besten Vertreter europäischer Tüchtigkeit gewesen, zu den ersten Arbeitsgrössen ihrer Zeit gehörend: nur Generationen von Arbeitsstärke und Entwickelungsvermögen verhiessen in solchen Ländern Fortschritt und Aufschwung. Das spanische Kolonialministerium dachte ganz anders. Eine Folge der stolzen und grossen Traditionen dieser ehrwürdigen Behörde war es, dass die individuelle Kraft gegenül)er der All- gewalt der amerikanischen Tropen zu hoch angeschlagen wurde. Den eifrigen Machthabern, den treuen Dienern der Krone, war immer der Wunsch als Befehl, der Gedanke immer als That erschienen ; stets selbstvertrauend , aber selten ganz sachver- ständig, hegten und pflegten sie immer neue Hoffnungen. Als beim Ilegierungsantritt König Carlos IIT. in Madrid Reforni- strömungen starker Art begannen, sprachen die Indienräthe die feste Zuversicht aus, dass jenseits des Meeres alle aus dem Lande und aus dem 'S'olke sich ergebenden Schwierigkeiten durch die persönliche Energie einiger tüchtiger Statthalter zu beseitigen seien; die fast souveränen Machtljefugnisse, welche spanische Vicekönige, Gouverneure und Generalkapitäne in den verfassungs- |osen Gebieten Amerikas Ijcsassen, mussten unbedingt der Kultur die Bahn brechen können; diese Vertreter der europäischen Majestät mussten, wenn ihnen nicht zu viel von den sicher noch zu steigernden Einkünften ihrer Provinz entzogen würde, vollauf im Stande sein, Städte und Bürgerthum zu heben, kräftig Gewerbe _ 6 — und Handel zu entwickeln, endlicli einmal Ackerwirthsehaft aus- zubreiten, Borg-liau zu fördern, Flüsse befehrbar zu machen, Wege zu schallen, überhaupt Reform nach Reform zu verwirk- lichen. Der Siegeszug- enroi^äischer Energie lag ja zweifelsohne in nalier Zukunft. So hoch flogen die Ideen in den leitenden Kreisen Spaniens ; deshalb wurden von ihnen für die hohen Colonialämter meist tüchtige ]\ränner auserwählt, zwar keine grossen Geister, aber doch leistungsfähige und tüchtige Charaktere. Zu den interessantesten Gebieten des überseeischen Spaniens schien damals das Vicekönigreich Santafö ') zu gehören, welches dem Räume nach mit Mexiko wetteiferte. Das grosse Reich, dessen Kern das neue Königreich Granada bildete, umfasste beinahe den ganzen, oberhalb des Amazonenstromes sich aus- dehnenden Norden von Südamerika: das noch nngemessene Land, welches von ]\faracaibo und Guayana auf der atlantischen Seite bis zu dem Chocö- und dem Quitolande reichte, bis nach der Süd- see, und ausserdem auch noch den Isthmus bis zu den Grenzen von Guatemala. Lediglich die ursprünglich kleine General- kapitanie Caracas besass in diesen Regionen eine zufällig ent- standene, abgesonderte politische Organisation, deren Bestehen jedoch nicht günstig wirkte. Das Vicekönigreich stand wegen überaus schwacher Be^•ölkerung tiefer als die gleichartigen anderen amerikanischen Reiche spanischer Krone; allein M-as galt dies Missverhältniss für den hohen Flug der ^[adrider Ideen. Warum sollte nicht einen energischen Mann der vice- königliche Posten im Herzen Nengranadas dergestalt reizen, dass er europäische Kultur mit allen Leckereien gegen tropische Wildniss mit ihren Sehrecknissen und Nothstäuden eintauschte. Damals hiess es in Spanien allgemein, dass die bisher selten genannte Kolonie mit ihren Nebenländern an ungenutzten Schätzen und natürliclien Gaben reicher sei, als man wisse; von den eigentlich atlantischen Gebieten sei vielleicht wenig zu hoffen, aber das in den Bergen lebende Volk sei sicherlich entwickelungs- fähig; wer die richtigen Hebel anzusetzen verstehe, werde dort Wunder wirken. Die militärisclie Bedeutung, welche das beide Weltmeere berührende Land gerade jetzt liesass, als europäische Kriege ihren Schauplatz bis nach der neuen Welt ausdehnten, — 7 — wai- von Niemaiulem zu verkeuueii , dov auf den anierikaniscluMi Isthmus seine Jilicke richtete. Zum Vieekönige dieses Landes wurde 1760 ein vornehmer Herr des spanischen Hofes ernannt: l'edro Mejia de la Zerda,*) ^farijues de la Xv^^a de Armijo, Generallieutenant der Marine und Comthur des >[alteserordens. Damals hielt sich der ernst- haft einherwandelnde Herr im Interesse jener noch immer einigen Idealen nachgehenden ritterlichen Genossenschaft zu Madrid auf: er war eine fiir grosse Gesichtspunkte empfängliche Natur, die kraftvollem Wirken zu begegnen verstand. Als er für die Reise nach dem fernen Westlande riistete, hielten in Spanien, wie schon friiher, böse Gerüchte über die Gefahren des Tropenklimas ihren Umlauf. Ein tüchtiger Arzt war deshalb doppelt werthvoll: jedoch die ^ledizin allein war für solchen Reisegenossen nicht genügend; der musste auch den weiteren Interessen dienen können, welche an vielleicht einsamer und hülfeloser Stätte, vielleicht inmitten der Wildniss und der Ge- birge, zu verfolgen waren. Für solche Zwecke suchte sich der kluge Marquese einen aus Cadix gebiirtigen Mann aus: Jos^ Bruno Mütis.^) Dieser, Professor der Medizin und Chirurgie, der am 6. April ITüO sein 28. Lebensjahr angetreten hatte, lebte seit etwa drei Jahren in der spanischen Hauptstadt, wohin er seinen akademi- schen Lehrer, Pedro Yirgilio, begleitet hatte; er war dort, Dank der Gunst des ^[inisters Ricardo Wall, beim königlichen Proto- medicat als Arzt und, nach dem Tode von Professor Martin Martinez, l)ei der Universität als ausserordentlicher Lehrer der Anatomie angestellt. Regen Geistes, bewegte er sich in den besten Kreisen der Hauptstadt; so hatte er Clas Alströmer kennen gelernt, jenen schwedischen Botaniker, der für Linnes Zwecke und mit dessen Empfehlungen die pyrenäische Halbinsel bereiste. Im L^mgange mit ihm hatte Mütis den Sinn für all- gemeine Naturwissenschaften weiter entwickelt; er war ausser- dem mit Vicente Rodrigues de Rivas, dem einflussreichsten Mann in den intelligenten hauptstädtischen Kreisen, zusammen- gekommen und gehörte zu den jungen Gelehrten, welche nach Paris, Bologna und Leyden geschickt werden sollten, damit sie dort weiteren Studien behufs fiskaler Verwerthung der Kolonial- schätze sich widmeten. — 8 - Gerade als diese Stiidienaussicht dem jungen Profesrior winkte, IVagte der neuernannte Vicekönig l)ei ihm an. Der Ge- lehrte, aus dem Sitze des Indienhandels stammend, wo damals noch das Alleinrecht des spanisch-amerikanischen Verkehrs alle Verhältnisse l)eherrschte, hatte schon früher seine Blicke nach Amerika hiniibergeleitet; die Idee, eine Reise nach den Kolonien zu unternehmen, den Ländern, wo noch viele Geheimnisse des Forschers harrten, war für Mütis sehr verlockend; er ging auf das Anerbieten von Mejia ein, zumal noch andere Männer von tüchtiger Begabung in das Gefolge des neuen Vicekönigs auf- genommen wurden. Als Adjutanten desselben erschienen Felix de Sala und Pedro de Escovedo, als Beiräthe Manuel Romero und Antonio Escallon, auch ein jüngerer Bruder von Mütis, Manuel, sollte mitziehen. November 1760 erreichten Zerdas Schiffe Cartajena de Tndias. *) Dieser altl)erühmte Mittelpunkt der gesammten spanisch- amerikanischen Kolonialmacht, der noch den Interessen einer halben Welt dienende Festungsplatz l)ildete eine stolze Erscheinung. Die Rücksichten auf die Vertheidigungsstärke waren mächtiger geworden, als die Bedürfnisse des Handels und die Anforderungen des Schiffsverkehrs: man führte jetzt grosse Bastionen an dem schönen Hafen auf, so dass die Mauern der Werke San Fernando und Sau Jose die Einfahrt der Schiffe beherrschten, auch die Binnenseite trug starke Werke; in der Festung hatten Arsenal, Artilleriepark und Pulvermagazin gar trotziges Aussehen, nur hölzerne Brücken fiihrten ins Land, kein ständiger Weg, damit die Festung isolirt bleibe. Marschall Diego Tavares, der den A'icekönig und seine Reise- geuossen geliührend empfing, Avar nicht bloss Festungskomman- dant, sondern auch Gouverneur der zum Vicekönigreiche Santaf^ gehörenden Provinz Cartajena und hielt auf seine Würde; Er- innerungen an den vor etwa zehn Jahren einer mächtigen engli- schen Flotte erfolgreich geleisteten Widerstand hatten sich in üppiger Weise zu Rulimeserhebungen wegen einer Besiegung des protestantischen Teufels ausgebildet und wurden den neuen An- kömmlingen immer wieder vorgetragen. Ihr erster Besuch galt dem Popa geheissenen Berge, der schon den Schiffern als Land- marke gedient hatte; das war ein dicht vor der Stadt belegener Kegel, durch dessen unteres Busch- und Holzwerk ein ziemlich — 9 — rsteiler, an Aus;;ieliti'n reiclier Zickzackwog /n dem luftigen, von ver:>cbiedeuen Bauten gekrönten Gipfel emporfülirte. Dort ge- währte das Dach des Augu.stinerklosters eine weite Rundschau über .Meer und Land; des Wassers satt, suchte das Auge der Europäer die Stätten der Menschen. Da bot sich nun nach dem Delta des Magdalenastromes zu eine öde niedrige Fiäche, welche in duftiger Ferne durch die Schneeberge der Sierra Nevada von Santa Marta abgegrenzt und nach dem Inlande hin von dunkeln Höhenzügen eingerahmt ward; diese schienen l»ei dem Ueberblick höher und höher zu steigen, dann folgte wieder Tiefland bis zu der anderen Seite des Beschauers, l)is zu den düstern am Horizont sich hinziehenden Strichen, welche die stolzen Palmenwälder der Siuümündung andeuteten. Der sich in den Hafen der Festung hinabsenkende Blick weilte gern auf der frisch grünen Insel Tierra Bomba; er ruhte befriedigt bei den vielverzweigten glänzenden Armen der Seebucht und ihrer Umgebungen; er musterte neugierig die weissgrauen, oft kahlen Bollwerke, sowie die dunkeln, geschützbeladenen Wälle; dann kamen die von Kokospalmen überragten Häuser der inneren Stadt, Kirchen, Klöster, Regieruugsgebäude — aber wo waren die BeAvohner? Die unmittelbare Nachbarschaft Cartajenas , das jenseits der Festungswerke sich ausdehnende Gebiet, zeigte wenig Erbauliches; denn gleich hinter dem frisch und voll grünenden Dickicht des Ufers, dem unheilvollen Manglegebüsch, öffnete sich eine glühende Gegend ohne erheblichen Anbau, ohne augenerquickende Felder und Fluren. Vor den Brücken dieser „indischen Metropole" war Nichts von frischer Kraft, Nichts von Mitteln des Fortschritts zu spüren. Gingen die Fremden durch die Stadt, so machte sich innerhalb der Thore bei der Masse des Volkes das Negerblut überall in Erscheinung und Charakter geltend — die Folge der Sklaverei, deren geschäftlicher Mittelpunkt seit vielen Jahrzehnten für den grössten Theil der spanischen Kolonien Cartajena ge- bildet hatte. Die Illusionen der Reisenden verschwanden während des Aufenthalts in der heissen Festung, mehr noch bei dem Be- treten der kleinen Dörfer, in deren aus J5aml>usstäben und Lehm aufgebauten, mit Palmenblättern bedachten Wohnungen die wenigen Menschen hausten, meistens noch immer nach der Väter Weise lebende Calamares-lndianer. In Cartajena hatte der erste Vicekönig von Neugranada. — 10 — Sebastian de Estaba, fa^t neun Jahre lang (1740 — 1749), der zweite, Jose Alfonso Pizarro (1749 — 1753), den grössten Theil seiner vierjährigen Regierung A-erbraeht. Der jetzige Vertreter der spanischen Krone, der dritte, ein junger Herzog von Montel- lano, Josd Solls, derselbe, der von Mejia abgelöst werden sollte, hatte es unternommen, die schwer erreichbare und fast interesse- lose Landeshauptstadt zum ständigen Ausgangspunkt seiner Thätigkeit zu machen. Von ihm erhielt der Marquese.in Cartajena eine wenig er- freuliche üebersicht über die letzten sechs Regierungsjahre; trotz des trüben Eindrucks, den ein so umständlicher, Kirche und Mission, Finanzwesen und Steuererhebung, Rechtspflege, Landesvertheidigung und viele andere Regierungszweige um- fassender Bericht hervorrufen musste, entschloss sich der neue Vicekönig sofort, ebenfalls vom Innern aus seine Wirksamkeit zu versuchen, nicht an der Küste. Mejia verliess Cartajena schon am 5. Januar 1761, freilich ohne von der riesigen Ausdehnung des Binnenlandes einen klaren Begriff zu haben. Er ritt durch die Küsteuebene nach dem Flusshafen ßarrancas, fuhr dann den Magdalenastrom und end- lich den Oponfluss hinauf, erreichte bei Velez eine der Hoch- gebirgsflächen der himmelansteigenden Cordilleren und gelangte endlich am 24. Februar w^ohlbehalten nach Bogota.^) In dieser alten Residenz spanischer Statthalter überlieferte ihm Solls Geheimarchiv und Reichskanzlei in aller Form, um dann zum letzten i\Iale die vicekönigliche Karosse zu besteigen. Der Quälereien in der Wildniss müde, legte er am Tage seiner Er- lösung vom Weltdienste Kleid und Gurt der Franziskaner an, nachdem er sein Vermögen dem Bogotaer Hospital überschrieben hatte. Eine solche Verzweiflung konnte für den neu angekommenen Nachfolger wohl verständlich w^erden, wenn er den Unterschied zwischen dem in Europa so hell scheinenden Glanz der vice- königlichen Würde und der zu Bogota sich zeigenden nackten Wirklichkeit erwog. Schmerzlich hatte er erfahren, dass in Neu- granada Landstrassen gar nicht vorhanden waren: wie auf dem vom Oponfluss nach Völez führenden Gebirgspässe, so fehlten die ersten Anfänge eines Strassenbaues den übrigen Wegstrecken ebenfalls, namentlich den uralten Dickichtpässen der Eingeborenen, - 11 — ^velclle nach den goklrcidien Tliälern von Antio(ini;i und von Choco fiilirten. sowie nach den Stromgebieten des Orinoko nnd Amazonas, wohin nnr ein einziger Sannipfad bestand, der kürz- lich dnreh den spanischen Offizier Enjenio Alvarado behufs Vieh- transports gelichtet ward. Nach Venezuela und nach Quito gingen «'benfalls nur Indianersteige, die vielfach nicht einmal für Maul- thiere benutzliar waren. Was die Landesvertheidigung l»etraf, so lagen, gleicli Cartnjcna. auch alle anderen Wafien])latze au.sserhalb der Konnnandoweite jener Andenstadt, nändich einer- seits Puerto Cabello, Maracaibo, Santamarta und I'ortobello, andererseits Panama' und Guayaquil. Am Meerbusen von Uraba'. in dem Gebiete von Darien, im Osten der Siniimündung, sollte eine neue Festung errichtet werden ; aber in Bogota' kannte man kaum die dafür auf nnwirthlicher Küste ausersehene Stelle. Wie mit. den Bewohnern von Darien und auch mit denen von Chocö, so waren gleichfalls mit manchen anderen noch Avilden Indianern seit langer Zeit erfolglose Kämpfe im Gange: mit den Goajiros, den Motilones und Chimilas; Missionen, denen Militärbedeckungen beigegeben waren, bestanden im Rücken der Hauptstadt, sodann in den unwirthlichen Grassteppen von San ]\rartin und von San Juan, unter der Führung der Franziskaner von Popayan, ferner am ^leta, am Casanare und am Apure unter Leitung der Bogo- tacr Jesuiten. Keiner dieser mühseligen Hinterwäldlerposten hatte bemerkenswerthe Lebenskraft erlangt. Die Finanzen des Alcekönigreiches, deren Hebung die erste Aufgabe des Vice- königs bildete, lagen 1760 vollständig darnieder; die Behörden jener Küstenplätze verzeichneten ebenso, wie die von Quito, Popaj-an, Barbacoas, Cartago, Medellin, Antioquia, Ocana und ^kfonipos, nur sehr geringfügige Einkünfte; die uuregelmässigen Ausgaben der letzten Regierung hatten altvererbte Uebelstände noch vergrössert; dazu war der Umbau der Vertheidigungswerke von Cartajena gekommen und schliesslich der unheilvolle Ver- such, die Grenze des Vicekönigreichs mit Brasilien festzustellen, welche irgendwo in unbekannten Gewässern vorgenommen werden sollte. Schon im Juli 1754 hatten Abgesandte von Spanien, Männer wie Jos^ de Iturriaga, jener Eujenio Alvarado und Jos(? Solano, ihre Grenzuntersuchung mit einer Orinocofahrt be- gonnen und an der Mündung des Guaviare die nicht ganz hoflnungslose Station San Fernando de Atabapo begründet: sie — 12 — gel)oteii damals über einen kostspieligen Stal) von Naturforschern, Mathematikern. Zeichnern und Ingenieuren, sowie über eine Be- deckung von mehr als hnndert Mann; nun war vor Kurzem Alvarado nach dreimonatlicher Reise durch die Wildniss in Bogota' eingetroffen, um Geldmittel und Zufuhren zu erbitten. Etwa zu gleicher Zeit waren die portugiesischen Commissare, Francisco de Mendoza Hurtado, Miguel Antonio Ceyra und Juan Anjelo Bruneli mit einer Begleitung von 200 Mann auf dem Amazonas landeinwärts gedrungen; zwischen den beiden Parteien gab es keine Verständigung; auf spanischer Seite lag die Gefahr nahe, dass viel formell versäumt werden könnte; die Portugiesen dachten nur an den Besitzstand und dessen Erweiterung: alles Abmühen in der Wildniss blieb, so viel Opfer auch zu bringen waren, nutzlos und ohne Gewähr für die Zukunft. Kaum hatte Mejia für diese Unternehmung die ersten neuen Gelder beschafft, als ihm der im Schlosse Pardo am 12. Februar 17G1 abgeschlossene, viele frühere "Vereinbarungen wieder auf- hebende Staatsvertrag zu Gesichte kam; der Professor Mütis, bereits nach Landesart gekleidet, brachte diese wichtige Urkunde am 15. Juni 1761 nebst der ersten neuen nach Bogota gelan- genden Post. Der lebhafte Naturforscher hatte von Cartajena aus einige Monate lang dem Studium der neuen, berauschend auf ihn ein- wirkenden Natur sich hingegeben; der Rand des Tropenwaldes mit seinen Riesenbäumen und Schlingpflanzen, das ßuschdickicht zu Wasser und zu Land, die Seeufer mit Fischen und Muscheln, die Yogelwelt, deren Farben mit denen der Blumen Avetteiferten, all dies bot die wunderbarsten Räthsel, deren Lösung immer Genuss und Erfolg versprach. Als der Gelehrte von den neuen Reizen der Küstenlandschaft sich losgemacht hatte, setzte er seine Forschungen in dem mosquitoumschwärmten Champan des Magdalenastromes wochenlang fort, so gut es ging; das rohe Indianerfahrzeug trug ihn langsam, sehr langsam in ein unge- heueres Land. Nichts als ein einziger Wald, nichts als dichter, dichter Wald, in welchem mächtige Wildströme mit vielen Seiten- armen und grossen Nebenflüssen seit Jahrhunderten breite Betten eingefurcht haben. Das Nachtlager war auf den Sandbänken inmitten der Ströme zu nehmen; die Bootsknechte machten au — 13 — jedem Ulerplatze halt, wo es einen Trunk gal> — sonst ging die Fallit unglaulilioli cintüiiig und eriuiidend von Statten. Gleich Mejia riilir sein i'roressor in eines (h'r wilden Seiten- gewässer hinein, in den Oponfluss; es war die alte Fährte der vor mehr als zwei Jahrhunderten zuerst ins Land vordringenden Europäer: ein Weg, welcher jetzt noch fast ebenso wüst lag, wie ir)36. Auf seinen Seiten hausten im Dunkel des Urwaldes wie damals wilde Indianerstämme, freilich nur jämmerliche, von Fischfang und Jagd lebende Menschen, aber doch gefährliche Bogenschützen, deren lange llohrpfeile ihr Ziel selten verfehlten, angeblich Nachkommen "der tapferen Muzos. Dort lag ringsum ein namenloses Waldgesindel, dessen Ausrottung eine Wohlthat gewesen wäre. Durch Sumpfgebüsch. Röhricht und Felsgerümpel, durch Stachelgewächse, Laubwände und Kletterranken, durch Stämme, Aeste und Wurzeln waren die Rotten vor Angriflen ge- schützt. Limitten des Gewirres der freien Troi)envegetation sah es doch ganz anders aus, als ein europäischer Naturforscher nach Gewächshäusern und Gärten erwarten konnte. Die böse Flussfahrt war endlich zu Ende, unter JJegleitung von Abtheilungen des Rogotäcr Yeteranenkorps. einer im Aeussern halbverwilderten und doch sonst wieder halb europäisch geblie- benen Militärtruppe, begann Miitis den beschwerlichen Bergritt, von dem ei- in der freundlichen Ortschaft Yelez einige Zeit sich erholen durfte. Da wurde iliiii der Gedanke vertraut, dass er an einer Stätte zu leben haben w^erde, wo Anklänge an euro- päische Kulturen nur in wenigen kiiramerlichen Oasen sich finden lassen würden. Am ehesten waren sie natürlich da zu erwarten, wo Mntis seinen Herrn und Gebieter in stolzer Umgebung anzu- t reifen hoffte. Die langersehnte Hauptstadt wurde bald erreicht — welch ein Abstand gegen Cadix oder gar gegen Madrid, ja selbst welch ein L^nterschied zwischen dieser sogenannten Resi- denz und der Meeresfestung. Mütis traf des A^'icekönigs Excellenz, trotz Leibwache und Ilofetiquette. in geradezu dürftigen A"er- hältnissen. Freilich hatte die Lage der von den Entdeckern aus mili- tärischen Rücksichten zu einem Hauptsitz ihrer Macht ausersehenen Stadt Bogota' l'ür einen Naturforscher viel Interessantes; ihr Haii]»tidatz, der vor der Kathedrale befindliche Markt, war unge- fähr 26<^X) ^feter über dem Afeeresspiegel erhaben: ;iuf drei — 14 — Seiten wurde der Ort von etwa 16 geographischen Quadratmeilen flachen Landes umgeben, einer fast baumlosen Hochebene, die ihre Wasser nur an einer Stelle, nämlich bei dem Gehöft Te- ciuendama, nach dem Magdalenathale hinabschüttet. Unmittelbar hinter der Stadt steigen mächtige Gebirge bis zu einer Höhe von 3500 Metern empor: ein wolkenbedeckter Wall zwischen den Gewässern des Orinokos und denen des Magdalenas. Baum- los wie das Tafelland, sind sie doch eigenartig wegen niedriger Vegetation und überall zu Tage tretender kolossaler Felsbildung. Angesichts so grosser, wenngleich öder Natur bot Mejias Resi- denz mit ihren etwa 20 000 Bewohnern als Stadt nichts, gar nichts. Fast ohne hervorragende Gebäude, platt und kahl, zeigte sie in ihren niedrigen Häusern nur die Bauart der alten Land- städte von Südspanien; ohne jeden europäischen Schmuck stand sie da. Kleine Wohnungen lagerten sich um grosse innere Höfe; diese waren wegen der oft'enen Gallerien freundlich, aber bei der dünnen Bergluft und dem häufigen Regen frostig, wegen der glaslosen vergitterten Fensterhöhlungen ungesund, nach Aussen waren sie unscheinbar wegen des bröckelnden Materials, der getrockneten Lehmziegel und wegen der überall herrschenden Unreinlichkeit. Selbst öffentliche Gebäude, wie der Hof des Yice- königs am Markte und der Sitz der königlichen Regierung, der Audiencia, trugen einfachste Bauart. Die geraden, meist menschen- leeren Strassen waren wenig zugänglich. Wenngleich sie an einzelnen Theilen Wagenverkehr ermöglichten , konnten sonst doch nur Lastthiere, wie Pferde, Maulesel oder Rinder, auf ihnen als regelmässige Transportmittel dienen. In den wenigen grösseren Bauten der Stadt zeigten sich noch frische Spuren früherer Erd- beben; bedeutendere Anlagen, wie alte Kirchen und Klöster, lagen in Ruinen, halbvollendet oder früh verlassen; sie waren zugleich redende Zeugen von der E1)be im Kolonialschatz und von der Furcht vor Zerstörung. Ein bürgerliches Element hatte sich in der Bewohnerschaft nicht entwickelt; die Masse des Volks war indianischer Herkunft, sie darbte in Elend und Unwissenheit. Die eingeborene Aristo- kratie war von den öflentlichen Geschäften, namentlich von der Theilnahme an der Regierung, grundsätzlich ausgeschlossen, da- gegen bildete eine kleine Zahl höherer europäischer Beamten dm viceköniglichen Hofstaat, welcher mit heimischer Vornehm- — 15 — heit und grosser öelbstül)erliel)ung den Kreisen der Eingeborenen fremd blieb; die unteren Klassen der Si)anier ahmten solcliem Vorbilde nach. Wollte Miitis etwas über Land und I^eute des Vicekönig- reiches erfahren, so wurde er darauf vertröstet, dass gerade jetzt von Francisco Vergara und Juan ^furcia de Zarratea eine geo- graphisch-statistische Uebersicht ausgearbeitet werden sollte; ein von Mejia befohlenes Werk, welches alles Wissenswerthe von Neu- granada enthalten wiirde. wenn auch nicht iiber die Xelienländer. Suchte er unter seinen mit Staatsämteru bekleideten J3ekannten nach einem Kenner des wilden Innern, so fand er nur in dem Vorsteher der Bogotaer Münzstätte, in .Miguel Santiste'van, ^) einen praktisch erfahrenen heimathkundigen Mann. Dieser hatte 1751, drei Jahre nach seiner Ankunft in Cartajena, einen grossen Theil der Öüdprovinzen des Reiches bereist: er war damals bis an die Grenzen ffesren Peru gekommen und Avusste vorzüglich o^n von den in Europa so wenig bekannten Provinzen Popayan und Quito zu erzählen. In der Geistlichkeit des Bogotäer Erzstiftes gab es mir wenige Personen, welche Landeskunde besassen, ob- wohl seit einiger Zeit Amerikaner zu höheren Kirchen würden gelangt waren. Der damalige Erzbischof, Francisco Javier Araus, aus Quito gebürtig, hatte von europäischem Wesen nur geringe Ahnung; die meisten geistlichen Genossenschaften wurden aus Creolen gebildet, namentlich aus Dominikanermönchen, welche alles Neue wie Teufelswerk hassteu und verfolgten. Die klugen Jesuiten waren meist Europäer; aber sie konnten nur selten in der Hauptstadt sich aufhalten, weil ihr bevorzugtes Arbeitsfeld die abgelegene Lidiauermission war. Zu diesen Jesuiten gehörte ein eifriger, kenntuissreicher Mann, dem Mütis alsljald näher trat; Antonio Julian, ^) dieser in Rom ausgebildete Priester, hatte das Land zuerst betreten, als jener Araus Bischof von Santa- marta geworden war; fünf Jahre später (1754) war er mit ihm nach Bogota' gezogen, da die ^lission unter den Goajiros-Indianern, die mit ausländischen Ketzern verhassten Yerkelir trieV)en, auf- gegeben werden musste. Konnte Öantistcvan von den Südpro- vinzen Neugranadas berichten, so vermochte Julian iil)er die Nordprovinzen, vorzüglich ül)er Paniplona und Santamarta, Inter- essantes beizubringen. Der Mann wusste viel i'iber Land und Leute, viel von IMIanzcn und Mineralien, von Handel und Schiff- — 16 — fahrt; er konnte von den Perlen der Rioliachagegend sprechen und von den 8ilLerlagern bei Pamplona oder bei Mariquita, lerner von den Goldwäschereien bei Jiron, Simitf, Caceres, los Remedios und C'haparral; er interessirte sich für Coca und Zuckerrohr, fiir Indigo, Cacao und Brasilholz, für BauuiAvolle und Tabak, für Pferde- und Rindviehzucht, die Basis aller neu- granadischen Fortschritte; er hatte die Anfänge der Getreide- kultur an vielen Plätzen sel]3st hervorgerufen, er kannte Leben und Treiben mancher noch wilden oder halbwilden Stämme und wusste auch mancherlei aus der in Bogota' ganz vernachlässigten Landesgeschichte. Li Santamarta hatte er eifrig die Chronik von Bischof Piedrahita^) gelesen, deren Berichten er vollen Glauben schenkte, ohne zu fragen, woher sie stammten. Dann hatte er in Bogota die erst vor Kurzem ausgestorbene Sprache der Chibchas, der auch als Muiscas bezeichneten ehemaligen Landesbewohner, ^) mit Literesse studirt. Solche Kenntnisse enthielten für Mütis bei der sonst schläf- rigen Umgebung manches Anregende; er erwarb von Julian ein Wörterbuch der Sprache jeuer Goajiros und Hess sich von ihm allerlei über die Bestattungsweise der Urbewohner auseinander- setzen. Der Vicekönig beorderte aus der Gegend von Ocaiia eine der Mumien von Indianern, welche in kauernder Stellung getrocknet sind; es wurden aus Gräbern stammende thönerne Urnen, in denen Schmucksachen verschiedenster Art sich fanden, in Bogota gesammelt, sowie auch fein gearbeiteter Goldschmuck, der aus Gebirgsseen oder Felsengrüften herriihren sollte. Da es bisher keine Beschreibung von Neugrauada ^'^) gab, geschweige eine geographische oder statistische LTebersicht des ganzen Vice- königreiches, erschien es als etwas Besonderes, dass Basilio Yicente de Oviedo, Pfarrer zu Charalä, eine Beschreibung einzelner Gebietstheile dem neuen Landesherru zur Beglückwünschung übersandt hatte. Mütis besass Lebenskraft genug, um der neuen fremdartigen Umgebung sich anzupassen. Auf der Reise zur Hauptstadt hatte er, trotz seiner Arbeitsamkeit, die Schätze der vollständig neuen Tropenwelt nur oberflächlich mustern können; deshalb war es für ihn keine unerfreuliche Wendung, dass Mejia schon Mitte September 1762 wieder zur Küste reisen musste, da ihm die englische Kriegserklärung vom 4. Januar 1762 grosse Sorgen — 17 - bereitete und die Festnno- rartajoiia auf Jode niöirlielic Weise sicher zu stellen war. Der l'rofcssor begleitete ihn; es ging die Fahrt über den Flusshal'en Honda, so dass auf ihr ein neues, trrosses und reiches Stück vom Innern des Landes zu sehen war. In Cartaiena widmete sich Miitis immer systematischer den l)Otanischen Arbeiten, die ihm nicht bloss jener Alströmer vor der Abreise aus Europa warm ans Herz gelegt liatte, sondern später auch Carl v. Linnt? sell)er. ") Dieser grosse Meister der Naturwissenschaften, dessen maassgebende "Werke von Miitis nach Amerika mitgenommen waren, hatte den Professor schon gleich nach seiner Ankunft in Bogota durch ein Schreiben geehrt, in welchem er ersucht wurde, die naturwissenschaftlichen, nament- lich die botanischen Interessen nach Kräften zu pflegen. Drei- mal hatte Miitis l)ereits dem grossen Schweden geschrieben, zum ersten Male im Juli 17G1; al)er Antwort war ausgel)liel)en, ob- wohl den Bogotäer Briefen allerlei wissenschaftliche Beilagen hinzugefügt waren, wie z. B. Bemerkungen iiljer amerikanische Ameisen, Beschreibungen einzelner Fllanzen und Berichte über neue Reiseunternehmungen. In Cartajena schrieb Mütis noch- mals und übersandte zugleich den Plan für die nach dem vice- königlichen Sitze zu veranstaltende Rückfahrt, sowie das Pro- grannn einer grösseren Forschungsreise, welche noch weiter ins Innere des unbekannten Landes fiihren sollte. Zum grössten Bedauern von Mütis zerschlug sich jenes Projekt, das namentlich dem heissen oberen Magdalenathale und der Timana'gegend u'alt. obwohl er ihm noch im Juli 1763 seine schönsten Hoffnungen zugewendet hatte. Als der mit England geschlossene Friede die Rückkehr ins Innere gestattete, ging die Reise des Vicekönigs und seines Gefolges sofort nach Bogota', wo man nach einjähriger Abwesenheit und öOtägiger beschwerlicher Reise wieder eintraf, so dass Miitis von da aus bereits am 6. October aufs Neue nach Upsala schreiben komite. In der Hauptstadt war nun ein ruhigeres Leben zu erhofifen : allein Mütis erkrankte an den Folgen des Küstenklimas, der Reisestrapazen und des Temperaturwechsels, so dass er erst Anfang 1764 zu weiteren Arljeiten fähig war. Er widmete sich nun am liebsten dem Unterrichte an der ersten Lehranstalt des Ortes, dem Colejio de Nuestra Seüora del Rosario, einer Art Hochschule, welche, unter der Leitung einer eigenen Brüderschaft Scbumacber, Südamerik. Studien. 2 — 18 — steliond, gewisser SelbststäiKlif^keit sich erfreute; dort eiuplingen die besten Elemente des Landes ihre Ausl)ikhuig, vorzugsweise die Söhne des eingeborenen Adels, welche, sofern nur das bis- herige System der Bevornnindung einmal aufhörte und die Landes- kinder selbst fiir Hebung ihrer lleiniath, für eigenen materiellen und geistigen Fortschritt arl)eiten durften, die zunächst I^erufeuen waren. jNIit Genehmigung seines Vicekönigs hatte Mütis diesen Unterricht schon vor der Eeise nach Cartajena für kurze Zeit angefangen, nämlich am 13. März 1762. Er erneute diese Thätig- keit nunmehr mit doppelter Energie. Sein Lehrfach Avar nicht etwa Medicin oder Botanik, sondern Mathematik, Avelcher er jedoch, sobald seine Schüler gereifter waren. Verwandtes an- schliessen wollte;*^) er arbeitete ferner an einer öffentlichen Rede, in der das Newtonsche Weltsystem gegen die veralteten, in Bogota noch immer herrschenden Ansichten vertheidigt werden sollte, und an einem Vorlesungsprogramm für allgemeine Natur- wissenschaften, um die l)isherige Lethargie der Jugend noch kräftiger aufzurütteln. Anfang 1765 trat Mütis mit diesen Neuerungen hervor, gegen welche Geistlichkeit und Mönchthum erfolglos sich zu erheben versuchten; der spanische Professor ward von einem umsichtigen Vicekönige, wenn auch nicht gegen Angriffe, so doch gegen Gewaltthaten geschützt, und gewann den Ruhm, einige der Errungenschaften europäisclici- Wissen- schaft in der Wildniss der südamerikanischen Anden zum ersten Male öÜentlicli verkündet zu lialjen. 2. Briefwechsel mit Linne. D'w IlolViiuiiu'cii. welche Miilis ;iii den <^vistiu'oii N'ci'kclir mit Carl v. JjiiuK^ kniipi"t(\. tiiniroii cr.-^t spät in Krfrilluneginn der .spanischen Kolonialwirthschaft haben von allen Schätzen der neuen Welt die Mineralien, namentlich Edel- metalle und Edelsteine, das Interesse von Regierung und ]}e- vülkerung fast ausschliesslich auf sich gezogen; in Neugranada waren, als Mejia dem Vicekönigreiche vorstand, die Zeiten (.U^^ Gewinnes längst dahin. '^) Mau erzählte zwar noch von ehemals ergiebigen Sillierlagern , erhielt auch noch gelegentlich einzelne mächtige Goldstufeu und kostbare Smaragdstücke, die in der Hauptstadt angestaunt wurden: allein fast im ganzen Lande fehlte Sachkunde, sowohl wissenschaftliche, als auch technische. Der Bei-gbau, dessen Betrieb mehr Menschen verbrauchte, als an den meist abgelegenen Fundstätten sich darboten, war mehr und 2* — 20 - inelir eingeschlafen ; die Goldwäscherei bildete beinahe die einzige Form des Gewinnes. Mejia wollte das Verlorene wiedererlangen, zumal die endlosen Kriege seines Vaterlandes nicht bloss die l>edürfnisse des königlichen Schatzes in Madrid, sondern auch die der viceköniglichen Kasse erheldich steigerten; verlangte doch allein die langdauernde Kriegsbereitschaft Cartajenas grössere Summen, als durch Monopole, Zölle und Steuern stetig im Lande selbst aufgebracht werden konnten. • In Peru war der Bergbau noch nicht so tief gesunken, wie in Neugranada; Mejia erbat sich daher von Lima eine sach- verständige Persönlichkeit, welche zunächst durch Untersuchung der alten Fundstätten, dann durch ^Muthen auf neue Lager und endlich durch Begutachtung der zu wählenden Betriebsweise das Bergwesen wieder in Aufschwung zu bringen helfe. Für solchen Zweck erschien Josö Antonio de Villegas y Avendano in Bogota und empfing Anfang 1765 den Auftrag, die nordwärts von dort l>elegeuen Gebiete zu besuchen, über deren Reichthiimer Julian soviel erzählte. Auf dieser Keise begleitete ihn Professor Mütis, damit so sorgfältig wie möglich nicht nur alle Berichte ange- fertigt, sondern auch alle Arbeiten eingerichtet würden; es sollte die papierene Wirthschaft aufhören. Jenseits Velez kam Mütis in einen ihm noch unbekannten Landstrich, der vieles Literessante darbot; er sah den smaragd- reichen Bezirk von Muzo und die reiche, viele Silbererzgänge enthaltende Umgebung der neuerdings zur Provinzial - Haupt- stadt erhobenen Ortschaft Pamplona. Während Villegas bald zurückkehrte, blieb Mütis in der Umgebung Pamplonas mehrere Jahre lang, namentlich in den vielversprechenden Grubenrevieren von Cacota del Surate und von La Montuosa. Bei ihm waren einige Unterbeamte und Diener, ausserdem ein junger Maler, ein Schüler von Joaquin Gutierrez, der Bogota'er Pablo Antonio Garcia, welcher schon in Muzo seine Zeichnungen von Pflanzen, Insekten und Krystallen begonnen hatte und bald farbige Tafeln herzustellen versuchte, zu welchem Behuf ihm sein Gönner eine französische Schrift über Miniaturmalerei von Anfang l)is zu Ende übersetzte. Die Bergbau- Angelegenheiten nahmen, trotz der Ausdauer von Mütis, nicht den vorausgesagten günstigen Verlauf; dagegen gewälirte die Botanik dem empfänglichen Sinn inuner reicher(Mi — 21 — GoJiii6.s, /.iiinal die BricI'c. die Miitis niiverdro.sseii ;in Liiiiu' ge- richtet hatte, endlich ihren llanptzweck erfiillten, den IJeginn eines wisyenschaftliclien Verkehrs. Dem letzten Schreiben, das Miitis von Bogota' aus an den grossen Schweden abgesendet hatte, dem siebenten, welches vom 24. Sei)tember 17()4 ihitirte, war eine die sogenannte peruanische Kinde betreffende Abliildung nebst einigen getrockneten BliUhen beigelegt gewesen. '^). Der nur im dichtesten Tropenwalde wild vorkommende Kinabaum. dessen Rinde als Heilmittel imnnM- bedeutender geworden war, interessirteljinne ganz ausserordentlich. Freilich war schon viel über ein Jahrhundert verflossen, seitdem die heilende Wirkung der Kina weiteren Kreisen bekannt geworden war: allein die Wissenschaft stand vor dem Arzneimittel noch immer wie vor einem Wunder. Miitis kannte die (Jeschichte dieses fieberverscheuchenden Artikels ziemlich genau. Bereits im Jahre 160Ö erhielten Europäer in ^lalacatos, liezirk Loja, zum ersten Male eine pulverisirte Dosis, welche Tropenfieber vertrieb; durch die Anwendung des- selben genas 1630 der oberste Beamte jenes zur Quito'er Präsi- dentschaft gehörigen Bezirks, Juan Lopez de Canizares; dieser sandte einige Jahre später l'rolten der Substanz nach Lima, wo die Gemahlin des Yicekönigs, die schon bejahrte, infolge ihres langen Aufenthalts im spanischen Amerika allgemein bekannte Gräfin von Chinchoii, schwer krank lag. Die Arzenei war eine angeblich in der Kehuasprache ,,Quinaquina" heissende Baumrinde, welche nicht fern von Loja und besonders in der Gegend von Uritusinga sich finden sollte. Als der mit der Vicekönigin 1()40 heimkehrende Arzt, Juan de A'ega, zuerst in P]uropa das Mittel praktisch verwendete, hatte es besten Erfolg: ihm war bald mehr und mehr Aufmerksamkeit geschenkt Avorden; wie denn 1670 Kardinal de Tiujo das Bindenpulver in einem grossen Theile von Euro](a unter die Jesuiten vertheilen Hess. An der Küste des Stillen Meeres entstand damals schnell ein bedeutender Handel, welcher den Artikel zuerst in Piura und Payta, später in Guaya- quil verschiffte und anfangs den Weg um das Kap Hörn ein- schlug, dann den ül)er die amerikanische Landenge, damit die Rinden nicht zu lange den EinHüssen der Schiffsräume ausgesetzt würden. Obwohl in Europa eine medizinische, die Fieberrinde behandelnde Litteratur sich zu entwickeln begann, herrschte über 22 den JJuiuii. dem sie angehörte, lange Zeit liindiireh nur .■^ehr geringe Kenntniss; diese beschränkte sich auf eine mit zwei Ab- biklungen versehene Al^handbnig, welche Charles Marie de la Coii- daiuine. ^litglicd der 17o5 nach Amerika gegangenen französischen (Jelehrtenkommission, in den Denkschriften der Pariser Akademie der Wissenschaften veröffentlicht hatte, nachdem von ihm im Februar 1737 an Ort und Stelle über J3auni, Kinde und richälung Erkundi- gungen eingezogen und manche wichtige .Thatsachen ermittelt waren, z. B.; dass man beim Sammeln weisse, gelbe und rothe Kina zu unterscheiden pflege. Nach dieser Schrift von 1740 hatte Liund die Beschreibung für seine botanischen Werke an- gefertigt, in "welchen er 1753 der von ihm nie gesehenen Art die Avissenschaftliche Taufe ertheilte durch den Namen Chinchona und den Zusatz officinalis. Auch Mütis hatte die Pflanze, als er von ihr Proben nach Upsala absandte, noch nicht zu Gesicht bekommen; was er einschickte, war ihm von jenem Miguel Santistövan gegeben, dessen grosse Reise nach der Provinz Quito besonders den Zweck gehabt hatte, die Kinagewinnung zu studiren. In einem Berichte am 4. Juni 1753 hatte Santistövan. die Kina von Loja mit Berücksichtigung der Gebrauchsanweisung jenes Juan de la Vega besprochen und als Mittelpunkt des Kina- handels Guayaquil empfohlen; im Uebrigen sprach er in jener Denkschrift auch iiber die Kina von Ayabaca, Gnancabamba, Jaen, Riobamba, Chillanes, A^illopanta, Gualasga und anderen Gegenden. ,, Bäume dieser Art'", setzte er hinzu, ,, linden sich auch auf den die Stadt Quito umgebenden Gebirgen und auf den von ihr nach Bogota führenden Wegen iiberall, wo die Temperatur der von Loja ähnlich ist. Da sind die Berge des Juanambüflusses und die von Berruecos; da ist die ganze Umgegend von Popayan, sowie der Abhang des Guanacasgebirges von dem Orte Corrales an bis zu dem Berge desselben Namens.'' In diesen Worten war der Fieberrindebaum zum ersten Male nördlich vom Aequator nachgewiesen worden; die genainiten Gegenden waren zum Theil so l)elegen, dass nicht Guayaquil, sondern Cartajena den natür- lichen Ausfuhrhafen für die Rinden bildete; Vicekönig Mejia hatte deshalb bereits 1763 die Wichtigkeit der Kina für die Ein- nahmen seines Reiches in amtlichen Berichten hervorgehoben. So lag es Mütis nahe, jene Sendung an Linne' zu machen, dieser erachtete ihre Echtheit iiber jeden Zweifel erhaben; nach - 23 — ihr verliTtigte vv ciiu' iicnc I>oselireil)nii. Mai 17()7 schrieb er einen langen Jjrief an Linne von seinem i^ieblingsauienthalte ans, einem Ge- höfte am Ufer der stillen Lagune von Ca'cota, in deren Wasser machtige Berge und uralte Waldmasseu sich spiegeln: .,lch glaube Ihnen schon mitgetheilt zu haben'', so schrieb er, „dass ich nach Abschluss meiner ersten, die Umgebung Bogotas um- fassenden Reisen hierher zur Erforschung alter Silberlager ge- gangen bin. Seitdem hat sich mir Gelegenheit geboten, eine Menge von Pflanzen anzutreffen, theils iil)erhaupt sehr seltener, theils mir vollständig neuer. Von Vierfiisslern , von Insekten und Mineralien will ich gar nicht reden, geschweige von den Vögeln dieser entzückenden Gegend, welche alles l)isher Beoli- achtete iiberbieten : dagegen sende ich Ihnen die Beschreibung eines neuen Pflanzengeschlechts und einige Bemerkungen iiber bereits bekannte Arten." Linnö erhielt in dieser Zeit die fiir ihn neuen Geschlechter Acaena. Befaria und Trilix, bisher unbe- kannte Arten von Hypericum. Krameria und Tradescantia, eine neue Beschreibung von Brabeium, sowie Mittheilungen iil»er Plumeria. Carica und sonstige Details. Eifrigst spähte Miitis nach einer Chinchona aus und fjuid auch endlich unfern von Jiron einen Baum, den er für eine Chinchona glaubte halten zu dürfen. Der von Mütis entwickelte gelehrte Eifer fand beim A'ice- könige besondere Anerkennung. Dieser musste einen Schritt thun. welcher ihn zwang, die einzigen geistlichen Elemente, die seiner Regierung dienen konnten, verloren zu geben und zum nothdürftigen Ersatz die wenigen weltlichen Kräfte, die ihm zur Verfügung standen, aufs Höchste anzuspannen. Kraft königlicher Verordnung erfolgte am 30. Juli 1767 in ganzen Innern Neu- (iranadas die Vertreibung der Jesuiten. Die mit aller Schärfe durchgeführte Maassregel riss auf den verschiedensten Gebieten des Koloniallebens tiefe Lücken: in der Indianermission, in der Kultur abgelegener Gebiete, in der Förderung höherer Interessen. — 24 — Wie Antonio Julian, so verliessen damals viele andere Mitglieder der Gesellschaft Jesu, die unter den unreifen Verhältnissen des Landes wohl genützt, kaum aber geschadet hatten, das Vice- königrcich auf Nimmerwiedersehen. Der Verlust an mitarbeiten- den Kräften ward schwer empfunden und die Regierung wusste keinen andern Rath, als die Pfade, welche unter den europäischen Verhältnissen vielleicht vorgezeichnet waren, blindlings und rück- sichtslos zu betreten, so sehr sie auch der Kolonialtradition widersprachen. Was den Jesuiten a))genommen war, hatte jetzt zunächst der Volksbildung, dem Massenunterrichte, sodann der Einführung freierer Anschauungen, wie sie Mütis zuerst durch seinen Mathematik-Unterricht, seine Rede über das Newtonsche System und sein Programm über naturwissenschaftliche Vor- lesungen anzubahnen gedachte. Sollte eine derartige Reform ins ganze Volk getragen werden, so Avar ihre Leitung in die Hand eines Eingebornen zu legen , und der spanische Vicekönig scheute sich nicht, Francisco Moreno,^^) einen aus Mariquita gebürtigen, in Spanien erzogenen und bereits zum Fiskal der Audiencia emporgestiegenen Mann, mit dem hohen Amte zu betrauen, die Hinterlassenschaft der Jesuiten nutzbriuo-end und volksthümlich anzulegen. Der Creole gedachte durch ein grosses ; theoretisch vorzügliches, allgemeines System die stetig im Kleinen wirkende Hülfe zu ersetzen, welche der unermüdliche Orden im ganzen Lande bis zur kleinsten Hütte der fernsten Niederlassung, von den Choco -Wildnissen l)is zu den Ebenen des Meta-Flusses ent- faltet hatte. Moreno verlangte überall, wo Jesnitenmissionen bestanden hatten, Staatsschulen, ungestört dadurch, dass diese ständiger Einnahmen bedurften, während jene Hinterwälder-Posten immer neue Unterhaltuugsmittel sich selber geschaffen hatten; er entwarf einen grossen Studienplan , dem Sintis ungetheilten Beifall spendete ; er begründete in der Hauptstadt aus den Büchern der Jesuiten eine öffentliche Biljliothek, welche er selber so zu leiten versprach, dass sie den Bildungsdrang, wenn er vorhanden war, befriedige, wenn er schlummerte, wach rufe. Mütis meinte, dass ein ganz unberechenbarer Fortschritt gemacht werde: die Pforte der Erkenntniss stehe den Eingel)ornen offen. Unterm 3. Mai 1768 wurde jenem Colejio del Rosario, an dem Mütis gelesen hatte, dem ersten Bildungsinstitute des Landes, das auch dem Einfhissc der Geistlichkeit nicht unmittell)ai' unterlag, der 9^ Rang der Universität von Salamanca verliehen, so dass dessen Professoren die Adelsanszeichnung erhielten. Gleich .Mejia nnd Moreno, erldiekte IVofessor Mütis in solcher Wandlnnu- die (Jewiihr besserer Zukunft. Als er Ende 1769 nach der Vcrheirathung seines Bruders Manuel, welchen Ignacia Consuegra in lUicaramanga ehelichte, '") zur aufgeklärten Hauntstadt sich l)egeben konnte, war ei- frohen Muthes. Anfang 1770 versprach ihm Alles riistigen Fortschritt; es schien eine Kunde aus längst iiberwundener Zeit zu sein, als es hiess, der ehemalige Yicekönig Solls sei im Franziskaner-Kloster verstorben. Offenbar gehörten seine Schwäche und die Lethargie des Volkes der Vergangenheit an. So Itegann auch Mütis mit doppelter Freude aufs Neue seinen Mathematik-Unterricht, der jetzt mehr und mehr zu einem Colleg werden sollte, welches alle mit der Mathematik in Verbindung stehenden Wissenschaften umfassen konnte. Er brachte zwei junge Leute aus Jiron mit: einen, welcher schon als Student im Colejio del Rosario Geheim- schreiber von ^lejia wurde, Eloy de Yalenzuela;'^) und einen zweiten, Jose Ruiz,'*^) welcher dem Studium der ]\lineralogie und der praktischen ^letallgewinnung sich widmen wollte. Der ältere Gefährte, Pablo Garcia, ward jetzt in lebhafte Thätigkeit gesetzt, damit eine Reihe von Pflanzenljildern und anderen Tafeln fertig gestellt werde. Dieser ^laler war für Miitis zum fast unentbehr- lichen Arbeitsgenossen geworden; denn er zeigte Sinn und Ver- ständniss für gelehrte Aufgaben und sicherte den trockenen j\Iütis- schen Arbeiten ein frisches glänzendes Aeussere. Eine Sammlung fein gemalter Tafeln sandte Mütis jetzt an Linne, dem er ein unverdrossen treuer Korrespondent verblieben Avar. ,,Die höchst schmeichelhaften Worte'', so schrieb er z. B. am 15. Mai 1770, ..welche Sie meinen Mittheilungen zu zollen belieben, liätte ich nicht zu hoflen gewagt; es gebührt die Anerkennung kaum mir, der ich so glücklich bin, wenn ich alle Ihre Wünsche erfüllen kann, und alle Ihre Weisungen so hoch schätze. Ich erkläre dies um so freudiger, als Sie mich benachrichtigen, dass mein kleines Packet wissenschaftlicher Bemerkungen Ihrer Billigung nicht unwerth erschienen ist und Sie sogar entzückt hat, als wäre es eine Zeichnung der wunderbaren Kanneni)lianze Nepeuthes. Sie wundern sich nicht ohne Grund, dass ieh hier einen sonst nui- am Vorgebirge der guten Hoffnung vorkommenden l'nuni — 20 — gefiiiK-lcii habe: aber ich selber Ijiii höclist erstaunt gewesen, in diesem Lande Gewächse der verschiedensten Klimate zu linden, theils in wilder Natur wuchernd, theils nach einmaliger Ein- fiihrung weithin verbreitet. Zahlreiche europäische Pflanzen ge- deihen jetzt bei uns; die vicekönigliche Tafel schmücken Jahr ein Jahr aus die schönsten Gewächse, wie in Euro})a nur Italien sie spenden könnte; köstliche Erdbeeren besitzen wir seit den letzten zehn Jahren, nachdem sie der Vicekönig auf meinen Rath in Samen getrockneter Früchte einführte. Sie beklagen Sich, meinen früheren Aufenthalt auf der Karte nicht finden zu können. Ja, ein Indianerdorf, wie Cäcota del Surate, steht nicht im Atlas; jetzt treffen mich Ihre durch den schwedischen Konsul in Cadix zu sendenden Briefe hier in Bogota, wohin ich erst kürzlich zurückgekehrt bin. Fast zehn Jahre im Lande, habe ich nach langen, unerfreulichen Reisen eine wirklich überraschende Zahl von Pflanzen gesammelt: vor meiner Hierherkunft schenkte ich den Nachrichten über die ungeheuere Fruchtbarkeit dieser Gebiete kaum Glauben: jetzt ein Augenzeuge solcher Fülle, über die ich mir noch immer keine zusammenhängende Idee bilden kann, l)estätige ich de la Condamines Aussage, dass für einen tüchtigen Botaniker und einen fähigen Zeichner viele Jahre kaum ausreichen würden, um die unendliche Mannigfaltigkeit dieser Pflanzenwelt darzustellen, zu l)eschreiben und systematisch zu ordnen."' Die Korrespondenz erwähnt nun Jac(juinia, Solanum, Begonia. ^fanettia und andere Spezies. Damals al)geschickte Pflanzen] )eschreibungen verwendete Linne später bei den Geschlech- tern: Otractvlis, Cacalia, Erigeron, Ferraria, Hydrocotvle und Urtica;'^) damals abgesendete Sammlungen enthielten nicht bloss getrocknete Pflanzen, sondern auch Zoologisches, namentlich \'ogelbälge. ,, Meine Beschreibungen von Vögeln'^, schreibt Miitis, „sind an Zahl ziemlich beträchtlich. Gern überreichte ich Ihnen einige, welche besonders interessante Arten behandeln; allein ich habe sie noch nach den von Ihnen aufgestellten Grundlehren zu verbessern; Ihr langersehntes Werk über die Thierwelt kenne ich nämlich bis jetzt nur dem Namen nach, da ich es aus Spanien für keinen Preis habe beziehen können. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen nicht verhehlen, wie sehr ich wünsche, zu den Mitgliedern ihrer Gelehrten-Gesellschaft von Upsala zu gehören. '' Eine solche Staffel europäischen Ruhmes zu ersteigen, gab es Liiiiie j:eji:eiiiibc'r aiuli Jetzt iiucli kein geei<^iieti;ivs IIi■lli■^lnittel, als jeiuMi zuerst vor seelis .liiliicii besproehciicn Fielierriiideii- liiiiuii. ,,Sie fragen iiiieli, ob die neuen Arten dei- Chinehona sai'thaltig sind, auf welchem JJoden sie vorkommen, unter weleiiem Wärme- oder Kältegrade: ich gestehe Unkenntniss in dieser Angelegoidieit. l)ie l'rovinz Quito, wo di<; C'iiinchonen zu Hause zu sein scheinen, habe ich nie besucht; die Entfernungen, welclu; C'ajamarca, Loja oder C'uenca von Cartajena, Bogota', Pamjjlona und Jiron trennen, sind gar zu gross; übrigens neige ich mich der Ansicht zu, dass diese Pflanzen auf sehr hohen Gebirgen wachsen; es scheint, dass die Chinchona officinalis nur die Tem- peratur der Provinz Quito verträgt und jenseits des Aequators bis zu ö Grad sikllicher Breite vorkommt. Öantistevan hat mich wiederholt versichert, dass die Chinchona auch noch unter 2 Grad nördlicher Breite bei Popayan sich zeige und dass er selbst in dieser Gegend Chinchonen unter dem Namen Palo de Recpieson gesehen iiabe; er hat mir einige Blätter dieses Baumes gegeben, sie sind aljer zweimal grösser, als die der ofticinalis; die Blüthe habe ich nicht sell)st gesehen, ich füge eine Beschreibung der von mir Chinchona Jironensis genannten Art bei.'' Dieser ersten vermeintlichen Kina-Entdeckung, die schon vor mehreren Jahren erfolgt war, schlössen sich jetzt noch zwei andere an: Miitis machte sie auf seineu Fahrten nacli dem Mag- dalena-Tliale, wo in der Provinz Mariciuita seit Alters Ijeriihmte Gold- und Öilbergrul>en wieder in (Jang gebracht werden sollten. Im Jahre 1771 fand er in Begleitung von Pedro Ugarte eine Kina-Art in der Nachbarschaft von Tena am Wege zwischen Bogota' und La Mesa; im folgenden Jahre traf er wieder eine Chinchona in der Nähe von Honda. Moreno, tler die Minenuntersuchungeu im Bereiche seines Geburtsortes lebhaft zu fördern strebte, that Alles, um dem A'ice- könige die praktische Wichtigkeit derartiger Entdeckungen nahe zu legen. \n einer grossen, die wichtigsten Verwaltungszweige und Wirthschaftsinteressen des Vicekönigreichs betreflenden Denk- schrift sagte er 1772: ..Die liebervertreibende Kraft der Kiiui könnte von grosser Handelsbedeutung werden, wenn der Artikel im Mutterlande nicht bloss fiir die königliche Apotheke und die einheimischen Privaten in engherziger Weise verwendet wiirde, sondern auch für das Ausland, wo er vielfach benutzt und sogar — 28 — mehr verbraucht wird, als von den spanischen Aerzten. Es macht schaun-oth, dass wir bisweilen solch eine Gal)e unseres eigenen Bodens von den Franzosen haben erbetteln müssen. Das freie Wachsthum bisher unbekannter Pflanzen, ihre Verschiedenheit nach Geschlechtern und Arten und mannigfachen Säften, wie sie fiir Erlindungsgeist und Gelehrtenforschung luer ein weites Feld darbieten, so würden sie auch Handel und Wandel Iteleben. Wenn andere Völker werthvolle IMenschen und grosse Kapitalien für Forschungsreisen verwendet haben, so darf unsere Nation nicht zurückbleiben; denn ihr ist in dieser neuen Welt von der verschwenderischen Natur die reichste Fülle und die grösste Mannigfaltigkeit ihrer Wunder gewährt. Wir haben deren Er- forschung begonnen; dafür l)ot sich Josd Mütis dar, über den der Regierung liereits berichtet ist; er hat bisher aus eigenem Antriebe nicht wenige neue Pflanzenarten aufgefunden, welche die Botaniker Europas anstaunen, uns um ein Glück beneidend, das wir selber noch so gering schätzen." Der hierin erwähnte vicekönigliche Bericht betraf die Idee, Mütis zu einer selbststäudigen Untersuchung der neugranadinischen Pflanzenwelt amtlich zu verwenden, ihn von der Linneschen Ab- hängigkeit zu befreien, damit die Schätze nicht mehr nach Upsala, sondern nach Madrid gingen. Als Mejia September 1772 für die Rückfahrt nach Spanien rüstete, hoffte er auf solchen Erfolg. Er forderte freilich höflicher Weise seinen Leibarzt auf, ihn wieder in die Heimath zu begleiten; sah es jedoch sehr gern, dass dieser ablehnte, und versprach ihm als letzte Gunst ein Regierungsamt im Vicekönigreich Santafe. Als Antwort erhielt er von dem Gelehrten die Erklärung: ihm sei es genug, sich selbst und seine Leidenschaften regieren zu können. Am 31. November 1772 verabschiedete Mütis sich von seinem Gönner und Freunde, dessen grossestes Verdienst darin bestand, dass er sowohl Creolen zu Amt und Würden kommen liess, als auch Spanier in der Kolonie festhielt, so dass sie Wurzel fassen und Frucht bringen konnten. Unter mancherlei Sorgen verliess er sein Land und leistete ihm in Cartaiena noch beim Abschied den grossen Dienst, dass er Francisco Requena^") dazu vermochte, gleich Mütis länger in Neu-Granada auszuharren. Dieser that- kräftige und bereits vielfach erprobte Ingenieur sollte im Namen der spanischen Krone die im Ge1)iete des Amazonas-Stromes, — 20 — auf der Südseite Neu-Cirauadas, noch immer unerledigten (Jrenz- fragen zum Abschluss liringen; er folgte der Ueberredung des Yicekönigs. unbekümmert um seine eigene Zukunft. Der Yicekönig hatte kaum in Cartajena sieh cingesehitVt. :ils sein bisheriger Leibarzt, der Reformator der gebildeten Kreise Bogotas, Professor Mütis iu den geistliehen Stand trat; er nannte sich hinfort .Tose Celestino und wurde von dem Erzbischof Agustin Manuel Camacho y Rojas, einem aus Tunja gebürtigen Dominikaner von wenig hervorragendem Charakter, sofort zum llaus])ralalen ernannt. Auf dem bald nach dessen Tode eröftneten ersten Konzil des Bogota'er Erzstiftes, Mai 1774, erschien der Korrespondent von J^inne unter den geistlichen Doctoren, sowie als einer der Notare der Kirchenversammlung. Etwa ein Jahr vor diesem für die ueugranadinische Kirche höchst wiclitigeu Ereignisse übernahm Manuel de Guirior die Regierung.^') Er wurde am 16. April 1773 von den höheren Beamten Bogota's feierlichst am Endpunkte der ]\Iagdalena-Schift- fahrt zu Honda empfangen. Dort stellte auch der Domherr Mütis sich ein und ülierreichte dem neuen Gebieter als sinn- reiches Zeichen der Huldigung und kostbarstes Erzeugniss des Vicekönigreiches einen Idühenden Strauch der Chinchoua. „Der Vicekönig, der vor Kurzem hier aus Spanien eintraf", so schreibt er gleich darauf an Linnt?, „ist ein begeisterter Förderer d<'r Wissenschaften; er kennt unseren Briefwechsel: die Bücher, die Sie ihm mitgegeben haljen, bilden für mich das werthvoUste Ge- schenk, das ich mir denken könnte; ich habe die Bände, die ich so sehnlich begehrte und doch für kein Geld in Spanien zu kaufen vermochte, vor Freuden geküsst. Nach der Tafel redete der Vicekönig über Sie mit mir und lässt mich aus Ihren Briefen Sätze lesen, die ausserordentlich schmeichelhaft für mich sind und ihn selber sehr erfreuen. Neulich nahm dieser wohlwollende Mann mich mit sich in die Berge, wo auch er Erdbeeren säen Hess, um sie weiter durch das ganze Land zu verbreiten; sie bilden jetzt noch unseren grössten Luxus. Nächstens sende ich ihnen ein Verzeichniss meiner jüngsten Arbeiten; heute habe ich keine Zeit dasselbe anzufertigen, denn die Abreise meines Freundes Josd Ruiz steht zu nahe bevor, Sie werden sicherlich einem Fremdlinge, für welchen Ihre Protektion von erster Wichtigkeit ist. Ihre bekannte Güte nicht vorenthalten; mein Umgang mit — 30 — Kuiz hat in ihm doii lel)liaften Wunsch rege gemacht, nach Upsala zu reisen, um Sie zu sehen und kennen zu lernen, nm luit Ihnen zu reden und aus Uiren Rathschlägen Nutzen zu ziehen: er hofi't durcli Sie bei dem gelehrten Wallerius in den metallurgischen Unterricht eingefiihrt zu werden. AVie ich das gl rickliche Loos meines Freundes beneide, so bewundere ich seinen wohlgeleiteten Muth und Eifer." A^icekönig Gnirior, der die Mejiasche Schulreform gegen die Angriffe der Kirche energisch zu sclmtzen verstand und die gelegentlichen ^lütischen A'orlesungen im Colejio del Rosario gerne sah , strebte danach , die Finanzen des Landes durch AV'eiterfiihrung der ^Monopole aufzubessern. Besonders war es dei- Tabak, den er auszunutzen gedachte; daneben verfolgte er auch den Gedanken eines Kinarinden-Monopols, wobei er durch eine eio-enthiimlich rastlose Persönlichkeit unterstützt wurde, durch einen Fananieser, der wenige Jahre jünger war als Mütis: Sebastian Lopez.^^) Ein Mann aus echtem Con(|uistadorenblut, hatte dieser, etwa '20 Jahre alt, die Universität Lima besucht und auf ihr in den Naturwissenschaften sich ausgezeichnet; später war er nach Spanien gegangen, wo er die medizinischen Frü- funo-en bestanden hatte, hu Jahre 1773 kam er mit dem neuen A^'icekönige nach Bogota', um Beamter der viceköniglichen Kanzlei zu werden; seine Liebhabereien l)ildeten immer noch die Natur- wissenschaften, und bald warf er sich auf den Gegenstand, der in Lima und L^mgebung alle AA^elt interessirt hatte: auf die Fieberrinde und deren schon von Santistevan und Moreno befür- wortete fiskalische Ausnutzung. Gnirior lieh ihm willio- Ohr ... . . ' um so mehr, als einige Sachkenntniss vorhanden zu sein schien, hatte Lopez doch einmal in Lima echte Kinaproben von Joseph d(^ Jussieu erhalten. Schnell eingenommen, setzte der Yicekönig gern in Madrid auseinander, dass der Grosshandel in Kina ver- liältnissmässig ebenso gewinnreich sein werde, wie das orientalische Spezereigeschäft der Holländer. Auch Mütis theilte dem Vice- könige seine Ansichten über die Kina des inneren Neugranadas mit, wenngleich er ihr jetzt nur ein gelegentliches Studium zu- gewendet hatte. Eine königliche A^erordnung vom 20. Januar 1776 verfügte die A'orarbeiten für die Einführung des vorge- schlagenen AIono})ols. Als dieser l^efehl eintraf, war Gnirior bereits nach dem — 31 — Hauptlaiide der Kina<^t'wiiimin^, nacli Peru versetzt: sein Nach- folger in Neugranada, Manuel Antonio Flores,*') der in Cartajena am 10. Februar die Hegierung iibernahui, legte jene Vorarbeiten in die Hand von Lopez, welcher derselben mit grosser Energie sich annahm und am 14. August 177G dem Vicekönige eine Denkschrift über zwei verschiedene, unfern von Bogota' vor- vorkommende Kinaarten vorlegte, wobei er ausserdem noch eine dritte Art erwähnte, die er in den etwa 10 Meilen von Bogota' entfernten Wäldern von (Mj^acon gefunden habe. Mütis erklärte die eine Art fiir die gelbe, die nach allen Kennzeichen der aus- irezeichnetsten von Loja sehr ähnlich sei. „Ich verdanke die zwischen Papier bewahrten I>lätter. niiitheii und Früchte dieser PHanze der Güte von Miguel Santist^van. Obwohl ich seit ihrer Erlangung mit lebhaftestem Eifer danach trachtete, diese Gattung auch in hiesiger Gegend zu entdecken, konnte ich das vor 1772 nicht volUn-ingen: damals übergab ich sie dem Vicekönige, kleiner Ueberzeugung nach ist weder die Uebereinstimniung in der äusseren Erscheinung, noch die Identität der l)0tanischen Art ausreichend, um die Wirksamkeit eines nach den verschiedenen Orten des Wachsthums so verschiedenen Arzneimittels zu beur- tlieilen. wie Aehnliches in Europa tausend ^lale bei anderen Medizinalpflanzen beobachtet ist. Deshall) erschien es mir als zweckmässig, mit der praktischen Anwendung dieser als echt fest- stehenden Art zu l)egimien und so durch die Erfahrung meine Ansichten zu erproben. Zu gleichem Zwecke wäre jetzt zu ver- ordnen, dass die gelbe Kina medizinisch angewendet "werde. I)i(^ Zweige des Baumes sind abzunehmen, als würde der Stamm ab- sichtlich beschnitten; die Rinden von Stämmen und Hauptästen, ■wenn sie alt und mit einer fremden Kruste bedeckt sind, müssen an jenem Saft, in dem der Werth des Heilmittels besteht, sehr arm sein: wäre stets beim Sammeln der Rinde Vorsicht beob- achtet worden, so würde niemals der Mangel an Bäumen ein- getreten sein, welcher seit Jahren wegen des vernunftwidrigen Umschlagens derselben sich kundgiel)t; auch wäre der Ruf der Arznei nie so angetastet worden, wie jetzt. Was die andere Kinaprobe betrift't, so gehört sie der rothen Art an. Sie besitzt einige Aeusserlichkeiten, welche sie in eine niedrigere Klasse verweisen könnten: allein die Botaniker werden sie doch stets zu demselben (ieschlecht i'echnen . (h'nn nur weil sie auf weiiiticr — 32 — liohein Boden gewachsen ist, scheint ihr die Natur die edleren Tugenden entzogen zu haben. Dem ungeachtet ist diese Art unter den dici Species der Chinchona, welche ich auf meinen Wanderungen entdeckt hahe, diejenige, die im Aeusseren am meisten der Chinchona ofliciiialis sich nähert, weshalb es ange- messen sein möchte, dass die Regierung auch mit dieser Rinde besondere A^ersuche anstellen lasse." Infolge solcher Aeusserungen berichtete Yicekönig Flores unterm 17. Oktober 1776 günstig iiber die Lopezschen Ent- deckungen und schickte die erste, zum praktischen Gebrauch bestimmte neugranadinische Fieberrinde nach P]uropa. Die Lopez- sche Rotlirinde wurde in Madrid mit grosser Freude aufgenommen; Casimir Gomez Ortega und Antonio Palau, die ersten Autoritäten des Faches, berichteten sehr zufriedengestellt; alsbald erfolgte eine Belobung von Seiten des Königs und der Befehl, grössere Verschiffungen zu macheu. Als Mütis jenes Gutachten schrieb, befand er sich schon einige Zeit im oberen Magdalenathale, in welchem er die nächsten 15 Jahre, von gelegentlichen Unterbrechungen abgesehen, ver- bringen sollte.^*) Zunächst nahm er seinen Wohnsitz in Iljague, einem kleinen, etwa 7000 Einwohner zählenden alten Städtchen, das, 1280 Meter i'i])er dem Meere erhaben, ein gesunderes Klima hatte, als das trockene und heisse Flussthal. Der Ort liegt am Fusse des schneebedeckten, der neugranadinischen Mittel - Cordillere ange- hörenden Tolimagebirges, aus dessen Schluchten kalte Winde von Zeit zu Zeit ins Tiefland hinabweheu, namentlich vom Quindiu- pass herunter, von dem Päramo Herveo und dem Paramo, der Ruiz heisst. Eine Tagereise von Ibague liegen die Minen del Sapo, in denen ein silberhaltiges Schwefelkieslager bearbeitet wurde; dicht dabei, im Thal des San Juanflusses, zeigte sich nati'irlicher Schwefel in grosser Menge. Diese Gruben reizten den Naturforscher, dem Diego und Pedro Ugarte aus Bogota sich beigesellten, zum eigenen Betrieb; auch Antonio Escallon ging mit in die heisse Zone hinab, während Valenzuela in der Hauptstadt verblieb und von dort nur gelegentlich Nachrichten übersandte, meistens keine ftichmässige Mittheilungen, sondern Einzelnheiten über die auswärtigen Begebenheiten, namentlich üben- die Erhebuii"- der enalischen Kolonien in Nordamerika, die — 33 — als eine Scliwäehiing des l'^rlifciiules lel»hart in allen spanischen Kreisen begriisst wnrde. Die Ansltente des Bergbaues l)liel) lange Zeit hindurch nur gering, allein das Interesse l'ür die in Paniplona I>egonnenen Arbeiten war bei Mütis so rege, dass immer neue Versuche gemacht wurden: dazu kam, dass Jose Ruiz nach dreijähriger Aliwesenheit wieder heimkehrte und dem Unternehmen grossen Aufschwung verhiess. „Manchen genuss- reiclien Tag'', schreibt Mntis an Linne, ,,habe ich mit ihm ver- bracht und bin gern sinnen Ei'zählungen iiber Sie, i'ilx'r Ihre Umgebung und Ihren wiirdigen Sohn gefolgt. Vor Kurzem trafen wir zusammen von l>ogot;i hier ein, in den Minen von Ibague, wo er Alles so hei-richten mag, wie er es während seines Auf- enthaltes am Olxn-harz gelernt hat. Die Metall})robe, die er in Zellerfeld studirte, hat er hier schon mit Erfolg bewerkstelligt. Empfangen Sie herzlichsten Dank fiir die grosse Freundlichkeit, mit der Sie ihn aufgenommen halben; er selber griisst Sie, wie auch Antonio Escallon, der eifrig Pflanzen sammelt, und alle meine hiesigen Schüler.'' Der geistige A'erkehr mit Linni* wurde jetzt immer reger; dieser interessirte sich lebhaft für Kautschuk; Mütis hatte den Baum, der in der Choco-Gegend wachsen sollte, nie selber an- getroffen; der Analogie nach hielt er ihn aber für eine amevika- , nische Ficus-Art. Auch den Drachenblut-Baum von Pelir Loefling und Nicolaus Jacquin, eine Pterocarpus-Art, erklärte Mütis nie gesehen zu halten; im Lande kenne man jedoch einen Drachen- baum, der eine Croton-Art sei. Die Jalappa -Winde habe er bisher für so Itekannt gehalten, dass ihrethalb keine näheren Untersuchungen ang(\stellt worden seien; sie werde bei Cartajena gebaut, es kämen aber ihre Wurzeln nach den südamerikanischen Apothek(Mi aus Spanien. Auch Ipecacuanha hatte Mütis nie lebend angetrofTen; ihre Wurzeln würden von Simiti nach dem Magdalena-IIafen Mompos zu Markte geln-acht; eine ähnliche Art glaulte er 17G8 bei Jiron gefunden zu haben. Die vielgenannte Butterpalme, deren nach dem Waschen der Nüsse auf der Ober- fläche schwimmendes Gel in allgemeinem Gebrauch stehe und sehr angenehm sei , scheine von der Jacquin'scheu sich nicht zu unterscheiden. Ueber ilrei Sanunlung(ui, die Linne von Mütis erhalten hatte, theilte Jener eingcdiend seine Ansichten mit, worauf sogleich die •Schamai-Iii'r, Slldamcrik. Studien. o — 34 — Antwort erfolgte; die erste Saminluno- l)estand aus getrockneten Pflanzen und enthielt etwa 140 Species; die zweite wurde von ^falereien und Z(nohnungen gebildet; die dritte war Avieder ein Herbarium und mufasste mindestens 1 Iß Nummern. ]N[utis sprach iiber alle Einzidnheiten sich aus und liat auch, dass Linne manchen Pflanzen diejenigen Namen verleihe, die er vorgeschlagen hatte; er liebte dal)ei die Erinnerung au verdiente Naturforscher; so wiesen seine Pflanzen z. B. hin auf den Edinl)nrger Professor Charles Aiston, auf Miguel Barnadez, der 1767 in Madrid ein botanisches Werk publicirt hatte, auf Domingo Castillejo, einen Cadixer Botaniker, Casimiro Gomez Ortega, jenen Vorsteher des botanischen Gartens in Madrid, Christofler Ternström, den Schiller Linne's, auf Feiice Yalle, den Verfasser einer Florula Corsicae. Linne hatte seinem neugranadinischen Correspondenten bereits die Mutisia Clematis gewidmet und ihn dabei den ersten Bota- niker Amerikas genannt, der ein ausserordentlich schönes Werk iiber die amerikanischen Palmen vorbereitete. Einen Brief vom 8. Felbruar 1777 schloss Miitis mit den Worten: „Ich sende Ihnen zugleich eine Anzahl syngenetischer Pflanzen, welche mir Kopf In-echen machen; bitte, theilen Sie mir Ihre Ansicht iiber dieselben mit. In wenigen Monaten schicke ich Ihnen eine umfangreichere Sammlung. Leben Sie wohl." Dies war der Abschiedsgruss des amerikanischen Gelehrten. Jene erste aus Ibao-ue al)o;ehende Sendung traf den bereits seit Jahren hinsiechenden ]\Ieister von Upsala nicht mehr; Linne, dessen letzte Lebensfrenden im Besuchen seiner Pflanzensammlungen bestanden hatten, verschied am 10. Januar 1778; in der Glitte des Jahres erhi(dt Sintis diese Trauerbotschaft. Der Sohn berichtete kurz iil)er den Verlauf der Krankheit und nahm dann das väterliche Gelehrten-Erbtheil in Besitz. „Nichts vermochte meine schmerzlichen Gefiihle so sehr zu be- sänftigen als die Hinterlassenschaft des Verstorbenen, namentlich auch der Schatz der von Ihnen eingesandten seltenen und schönen Pflanzen. Ich kann Ihnen nicht die Empfindungen beschreiben, mit denen ich während dieses Sommers dem Studium Ihres Fleisses oblag; hoßentlich erhalte ich Gelegenheit, meinen Dank durch Handlungen zu Ijekunden; gliicklich werde ich sein, Avenn Sie mich als den Erl)en Ihrer meinem Vater o-ewidmeten Freund- Schaft anerkennen. Jetzt arbeite ich an einem Naehtrair zu dem — 35 — Werke über das PlIanzpuRystem, in welchem Sie Ihren Namen bei seltenen, neuentdeckten Arten linden werden. Sagen Sie Escallon liesten Dank für die •i'(\sandten schönen l'Hanzen; auch meinem wiii'diu'eii Freunde Kuiz, dem eilVigen Mineralogen, besten Gruss; ich denke oft an unsere angenehmen Uiderhaltungen in U|)sala und nutze jetzt aus, was ich damals von ihm g(dernt habe. ITofVentlirh vergisst er mich nicht und bereichert meine Mineraliensammlung, die noch wenig ans Si'ulamei'ika enthält." So halte sich ein IVeundschaftlicher A^erkehr zwischen Scliwech'n uml Neu-Crranada ausgebildet: ^lütis beantwortete jene Trauerbotschaft von seinem Minenorte aus am 12. Sejdendter 177!^ in aufrichtigster Theilnahme. y,lch erhielt llir Schreilten in dem l>riefe meines in C'adix lebimden Bruders und erkannte nicht sofort, von wem es käme, da die Aufschrift von freimhu- Hand war; aber ich fürchtete gleich eine Nachricht über das theure Leben meines werthen Freundes, des Ritters von Linne, dasR es gefährdet sei oder gar erloschen, denn ich Avusste von seinen Leiden aus den Zeitungen. Nur zu liald las ich, dass der grosse Mann nicht mehr sei. Seit langen Jahren ist es mein höchster Stolz gewesen, mit ihm wahre Freundschaft zu pflegen trotz der grossen Entfernung zwischen Ihrer Polarregion und meinem Ae(iuator. Mein Briefwechsel mit Ihrem A'ater hat sich durch achtzehn Jahre hingezogen; er war vertraulich und meiner- seits allen anderen Personen gegenül)er ausschliesslich; ich wen- dete nüch nicht an Dritte, auch nicht an die eigenen Landsleute ; alle nu'ine Entdeckungen, alle meine Arbeiten widmete ich einzig und allein seinem unsterblichen Genius. Ich werde meine Dank- barkeit für sein Gedächtuiss dadurch beweisen, dass ich den Namen Linnaeus, als den des Ersten aller Naturforscher, auch hier unter dem Aecjuator, predige, wo sicherlich noch einmal in Zu- kunft die Musen ihren Sitz aufschlagen werden. Dessen bin ich gewiss, dass Newtons Verdienste um Philosoi)hie und Mathe- matik aufgewogen werden in der Botanik und in den speciellen Naturwissenschaften durch den unsterljlichen Linnaeus, der vor mir steht als iler unerreichte und getreueste Verkündiger der Wei-k(^ der Natur. Sein Andenken wird von mir, als das eines gelieltten Lehrers, treulich bewahrt werden so lange ich lebe." Miitis beantwortete dann eiiu^ Reihe von Fragen, die Pi-o- fessor Linnc' ihm vorgeh^gt hatte. y,Mein(! Bibliothek, wenngleich 3* — se- in unserem Amerika ohne ihres Gleichen und sehr umfangreich, entbehrt noch immer der neuen Schriften Ihres A'aters. Hin- sichtlich der Arzneimittel, welche ich selber anwende, gestehe ich, dass ihr Kreis sehr klein ist; der Rul". den ich als Arzt geniesse, ist trotzdem so gross, dass ich von Kranken umlagert werde. Ein Europäer könnte hier lernen, wie leicht es sich heilen lassen würde, wenn die Apotheken nicht wären. Was die Chinchona anbelangt, so lebe ich weit von der Gegend entfernt, in welcher die officinalis genannte Art vorkommt und zugleich mit ihr die Mutisia; ich sandte vor meiner Abreise aus Bogota alle Kina-Muster, die ich besass, zusammen mit einer vorzüglichen Zeichnung, an das königliche Museum; eine noch bessere Abbil- dung behielt ich für mich und werde sie nebst einer Probe Ihnen einschicken." Die Fieberrinde beschäftigte Mütis jetzt mehrfach; so sandte derVicekönig im Mai 1778 ihm einige Muster zur Begutachtung; daraufschrieb Mütis am 30. Juni: „Einem Manne, dessen Haupt- studium die Erforschung der hiesigen Pflanzenwelt behufs Her- stellung einer Naturgeschichte von Neu-Granada bildet, konnten die Charaktere der wahren Kina nicht verborgen bleiben; sie sind bekannt gemacht und seit 1767 in dem grössten natur^vissen- schaftlichen Werke des Jahrhunderts, in Linne's Systema, nach meinen Angaben veröflentlicht worden." Die Schrift, die zu dem Resultate gelangt, dass die übersandte Probe der Guayana-Rinde keiner Chinchona angehöre, ereifert sich mehr und mehr, so dass sie in den Ton unangenehmsten Selbstlobes verfällt. Der Grund dieser Erregung lag darin, dass Yicekönig Flöres bei seinen Arbeiten für das Kina-Monopol den Professor nicht befragt oder sonst berücksichtigt hatte; Sebastian Lopez war am 6. Mai 1778 von Bogota mit seinen Rindenproben abgereist, ohne mit Mütis sich verständigt zu halien, und hatte auf dem Wege zum Mag- dalena-Strome in der Nähe von Guaduas und Honda Chinchonen gefunden, el)enso wie früher Mütis. Dieser hatte auf die Sendung an das königliche Museum noch keine Antwort; er empfand deshall) Lopez gegenülier Etwas wie Neid, und nicht mit L'^nrecht, denn sein Nebenbuhler ward in der That daheim bald als der eigentliche Entdecker und Kenner der neugranadinischen Kina- Arten betrachtet; er ward zum Mitgliede der medicinischen Aka- demie von Madrid ernannt, nachdem er selber die Experimente — 37 — mit seinen l)eiflen Sorten, der gelben und der rotln^n Rinde, in den Hospitälern geleitet hatte. Am 21. Novemlier 177H erliiell er das Amt eines neugranadinisclien Commissars für die Aiis- lieutung di'r Kinarinden: er sollte für seine neu zu beginnenilen Forschungsreisen 'JiKKI Dollars Jahresgehalt erhalten und nach ErlTdlung des Auftrages l»is zu andei-er Anstellung die Hälfte. Am 18. Januar 1779 erging an den Vicekönig die Weisung, diese Unternehnmng in jeder Hinsicht zu unterstiitzen. Seit 1779 stellte Lopez zui- Einrichtung der Kina-Erntc in der ganzen Umgel)ung von Bogotii l)is zum Magdalena-Thale hinal) amtliche Reisen an, ohne um ^Iiitis sich zu bekümmern. Je mehr dieser dadurch sich gekränkt fühlte, desto lieber Avar ihm der Verkehr mit Europa, wie er sich denn jetzt auch an John Pringle in London und an Peter Jonas Rergius zu Stockholm mit Fragen und Bitten wendete; nach Upsala sandte er Blätter und Blüthen des sogenannten Peruanischen Balsams, wofür er lebhaften Dank empfing: „Nichts wünschte mein Vater mehr, als die Feststellung der Herkunft dieses Balsams; hierüljer hatte er sich vielfach erkundigt, aber ohne aus den Wildnissen Antwort zu erhalten." Mütis schickte ferner eine neue Beschrei- bung der Begonia und der Cocos butyracea ein; er verfasste Allerlei über seine Hoffnung, dass ein auf der Hochebene von Bogota reichlich vorkommendes Kraut als Thee in den Handel kommen könne; er deutete ^Manches aus seinem Palmen werke an; die Palmen sind ihm die Fürsten der Pflanzenwelt; ihre unvergleichlichen Formen fesseln überall die Phantasie des natur- l)etrachtenden Menschen durch die Schönheit ihrer einfach gi'oss- artigen A^erhältnisse, die Nutzliarkeit ihrer Geweihe und Säfte. Der Nachtrags! land. an dem der jüngere Linne mit Aufgebot aller Ki'äfte wwA uiitci- ileihülfe vieler Gelehrten arl)eitete, Hess länger auf sich warten, als Mütis liel) war; dersell)e erschien erst 1781, als Miitis schon von anderen Interessen in Anspruch genommen wurde; er ward stolz auf die mehrfache Erwähnung seiner Person sowie auf die von ihm selljer verlieluMien Namen. Da war der Edinburger Professor Charles Aiston genannt, Miguel Barnadez, der Botaniker von Madrid, und Donungo Castillejo, der von Cadix, Christoffer Ternström, der Schüler Linne's, Casimiro Gomez Ortega, der Director des Madrider botanischen Gartens, Feiice Valle, der Verfasser einer Flora von Corsica, u. s. w. — 38 — Wie eine Mutisia war auch eine Escallonia da; leider fehlten zwei von Mütis gewünsditc Namen: Davilia sollte eine Pflanze nach Franco Davila, dem g-i-ossen peruanischen Gelehrten, heissen, und Logia eine andere nach Federigo Logie, dem Conchyliologen, den Miitis von der Studienzeit her kannte. Gleich nachdem der letzte Schatz Linn(i'scher Weisheit in Bo^'ota zugängig wurde, starh dessen Bewahrer. Der jüngere Linne verschied schon 1. November 1783. Am selbigen Tage unterzeichnete Carlos IlL, König von Spanien, eine Verordnung, welche den Mütis'schen Arl)eiten neue Gestalt und Bedeutung verlieh. 3. Die botanische Expedition für das nördliche Südamerika. Antonio raltalloro y Günfjova,^^) welcher am 1*2. März 1778 den ei'zltischörik'heu Stuhl von Santafc' l)estieg, hatte nicht liloss in Si)anien, sondern auch iu Amerika eine glänzende Laufbahn hinter sieh; dieser thatkräftige Andahise war verjähren von der Universität Granada graduirt worden; eine Abtei von San Ilde- fonso hatte ihm die erste Anstelhmg gegeben; dann hatte er zunächst als Caplan der königlichen Capelle von Granada, und nach raschem Wechsel der Aemter als Dechant von Cördova dem Hofe nahe gestanden; 1775 war seine amerikanische Wirk- samkeit begonnen worden, zwei Jahre lang war er Bischof von Chiai)a iu M<'Jico, ein Jahr lang Bischof von Merida in Yucatan gewesen. Kr gehörte zu den Männei-n, welche da glaul)ten, im tropischen Amerika unter unreifen Gesellschaftsverhältnissen und inmitten stark wirkender Naturkräfte mit Titanenkraft alle im Lande und im Volke bestehenden Schwierigkeiten beseitigen zu können. Zu starkem AVillen und starker Hand kam (une sehr hohe Auffassung von den Aufgalien des Kirchenregiments. Hie geistliche Autorität hatte in Neu-Granada während der letzten Jahre viel verloren, da die Vertreter der weltlichen Macht ihr immer mit Erfolg entgegengetreten waren; Caballero wollte die alte Gewalt wiedei- hei-stellen und 1 »'nutzte die giinstige Gelegen- heit, Avelcln? dafüi- in der langjährigen Al>wesenheit des Vice- königs von Bogota sich darbot. Flores hatte nur kurze Zeit in der Hauptstadt verweilt und war dann der s])anisch-englischen Wirren wegen nach Gartajena zurückgegangen, während der Bogotäer Audiencia ein .Manu — 40 — vorstand, welehor Idoss auf die Füllung der königlichen Kassen Ijcdaclit Avar und l»ald durch seine rücksichtslosen Finanzniaass- reg(^ln, namentlich durch uner])ittliche I>eiti-eil)ung veraltete)- wie neuerrundener Steuern, (iine seither völlig unbekannte Gährung der Gemüther zum Durchbruch brachte. Im Norden von Bogota, wo verhältnissmässige Wohlhal)enlieit sich fand, namentlich in der Provinz Socorro, kam es 1781 zu Massenbewegungen: Mitte ISlärz erhol» sich dort in der Provinzial-IIauptstadt ein ollener Aufstand, dessen Gefährlichkeit nicht gering zu sein schien, da das zu den Waffen eilende Volk die Hände nach all' den Erb- feinden der spanischen Herrschaft ausstrecken wollte, einerseits nach dem Prätendenten des Inca-Scepters, andererseits nach den Engländern. I)i(^ Erhellung des gedrückten Volkes wuchs schnell zu einer politischen Bewegung heran, welche nicht Idoss die Nordprovinzen Neu -Granadas ergriff — in Bucaramanga war Manuel Miitis Vorsitzer des Aufstands- Comit^s — sondern auch an entlegenen Orten nachwirkte, wie z. B. am Wohnsitze von Miitis selbst. Als die Revolutionäre gegen die fast wehrlose Hauptstadt mit Waffengewalt rückten, brach Erzbischof Caballero ihre Kraft durch ein vermittelndes Abkommen, das in Zipaquirä aufs Feier- lichste geschlossen wurde; er verfuhr in seinen Verhandlungen weise und vorsichtig; aber als die Gefahr beseitigt war, that er nichts, um den Vertragsljruch, den Vertreter des A^'icekönigs begingen, thatsächlich zu verhindern; er setzte vielmehr selber alle Hel)el der Kirche in Thätigkeit, um die gefäludichen Ele- mente zu Ijeseitigen, so gut oder schlecht es el)en ging. Dem vereinten Vorgehen der militärischen und clerikalen Macht ge- lang solch eine Säul^erung sehr leicht, denn die Volksbewegung hatte noch keine feste Gestalt gewonnen ; einige gute Kräfte der arbeitsamen Nordprovinzen wanderten aus, sogar den wilden Meta- Strom hinab bis nach Macuco, wo sie verkamen. Dieser Erzlnschof bestieg 15. Juni 178*2 den viceköniglichen Thronsessel, nachdem wenige Tage zuvor der Nachfolger von Flöres, der l)isherige Gouverneur von Cartajena, soeben an- gekommen, plötzlich gestorben war. Die für den Fall einer unvorhergesehenen Sedisvacanz vorhandenen Madrider Geheim- schreiben wurden geöffnet, und es fand sich, dass Caballero schon seit mehreren Jahren für den Fall der Noth zum Vice- — 41 — köiiig ansorsohen sei. So bostioir /um ersten ^^ale den sillieineii Stattlialtoi'stnlil von I)0^"ot;i ein Mann, der Neu-(Jianada bereits ivannto; zum ersten Male wurde dort das l)iii-gerliehe, militürisehe unil kireldiidie lietriment in Imuc» Hand üelegt. C'aliallero war bereit, alle lortsehrittliclien Anlanj^e /u löi'- dern, unliesorg't darum, ob (.lies mit den Ideen der Madrider Kejiierung iibereinstimmte: er brai'h entschieden mit der alten Lehrweise der Geistlichkeit und lii(dt es für bessei', „l>er<>(' zu messen, als jieripatetischen Unsinn iilier Kns und Qualitas zu verfechten"; er hob das öftentliche Hiicherwesen in Bogota, welches seit Moreno's Schö])run«' nach und nach in Aufschwung kam; er widmete sich den vielen weaIlero verfolgte die bergmännischen Pläne, die in Sapo und Ibaguc^ auftauchten, mit grossem Interesse und erklärte sich liereit, der Ruiz'schen Idee, dass Bergleute aus Deutschland oder Schweden berufen würden, nicht entgegenzutreten, wenn diese Einwanderer Pi-ote- stanten sein sollten. Da er seinen neuen Schöpfungen durchaus Mittel zum Leben und Wachsen verschaflen musste, gedachte er — 42 — die ^[otalliiewiimuno; in Neii-Graiiada g-anz anders zn l)ctreil)en, als l>it>lier geschelien war, iiändicli im (rrcssen und nach einem umfasfjenden System; eine Denkschrift, die er hierüber am 14. Oktober 1782 unterzeichnete, fand in Madrid Billigung-; iu der unterm 31. December erlassenen zustimmenden Antwort hiess es, um für eine Reform des neugranadinischen Minenwesens ge- eignete Personen zu finden, sei es keineswegs nöthig, an das Ausland sich zu wenden; die Entsendung von Josö d'Elhuyar*^) lasse sich ermöglichen; dieser habe zuerst in Paris auf eigene Kosten MathematiK, Physik, Chemie und Naturgeschichte ge- trielien und dann vom Könige für die Studien der mineralogischen Wissenschaften Unterstützung empfangen, so dass er l)esonders der Metallurgie sich hal)e widmen können. „Dafür besuchte er das metallurgische Institut in Freiberg im Kurfürstenthum Sachsen di'ei Jahre lang und nahm während dieser Zeit auch praktisch alle einschlagenden Arbeiten vor, namentlich das Schmelzen von Silber, Kupfer, Blei, Zink und anderen Metallen; dann ging er nach Böhmen, wo er die wichtigsten Gruben kennen lernte sowie die Schmelz einrichtungen; dasselbe that er später in Ungarn für Bearbeitung des Goldes, Silbers und Kupfers; er war dann auch am Harz mit ähnlichen Arbeiten l)eschäftigt. Später unternahm er eine Reise durch Schweden und Norwegen, um auch dort Zechen und Schmelzöfen, Hütten und Fabriken kennen zu lernen. Ihm wird Angel Diaz sich anschliessen, welcher Mathematik, Physik, Chemie und Mineralogie studirt hat, ausserdem trockene wie nasse Metallproduction." So sollte die Helnnig des Bergi»aues, die einst Ruiz an- gestrebt hatte, echt spanischen und echt katholischen Händen anvertraut werden. D'Elhuyar war für die fragliche Aufgabe wirk- lich befähigt; er besass sehr viel gründlichere Durch) jildung als jener Bogataer und hatte im Jahre seiner Ernennung dm-ch die gemeinsam mit seinem Bruder gemachte Entdeckung des Wolfram- ^Metalles in Europa die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. An welchem Orte Neu-Granadas er verwendet werden sollte, war in Madrid nicht l)estimmt; der Vicekönig verfügte indess am 4. Mai 1784, dass in der Provinz Mariquita, deren Metall- reich thum er selber kenne, der Anfang zu machen sei. Diese Gegend war damals bereits zum Schau])latz eines andern Unter- — 43 — nehmoiis ausorsoluMi. w^^-Wlios Caballero etwa vor Jalircslrist ins Werk «icsctzt hatte. Als in ^ladrul das miinlttclliarstc Interesse der Staatskasse, das selireieiide nedürfiiiss iU'n llaiidels und der laute Wnnseli euro}»äischer Wisseuscliaft die Fordenm^ zur Gel- tung" Iti'aeliten. dass die. modernen, die \vis.sensclial"tli('lien l']nt- deekun«rsarlieitm Ehrgeiz und gal> seinem Gebieter Alles an die iraiid. was für ihre A'^erwirklichung erwünscht sein mochte; er arbeitete ein vollständiges wissenschaftliches Progi'amm aus, ohne zu )iedenk(Mi, welch ein grosser Schritt es sei, aus Linne'scher lleeresfolge auszutreten und ein eigenes Lager zu begründen. Caballero begann bereits am 1. .März 17s;), seinen Plan aul" eigene Hand zur Ausführung zu bringen. ^Bisher waren", so schreibt er, „Botanik, Chemie und Metallurgie in diesem König- reiche fast ganz unbekannt: sie wären unbekannt geblieben, wenn ich nicht aus den von Madrid hierher gelangten Befehlen ersehen hätte, dass deutsche Reisende hier zu erwarten n\u\ bei ihrem I)urchganu-<' zu fördern seien: ich errieth die Al>siclit — 44 — solcher ^rittlieilimp; und liabo dor Deinntliignnir vorgol)eiip:t, dass Fremdlinge zu un^ oekommen wären, um uns die vor den eigenen Augen liegenden Naturschätze zu zeigen. Unter ])ersönlicher Yer- antwortung habe ich die Errichtung einer botanischen Expedition v(M-fügt, welche aus einem ersten Director, einem ZAveiten Vor- steher und einem Zeichner gebildet werden soll. Für das Amt des Directors suchte ich ]\Iutis aus; das ist ein Priester, welcher, um die Xaturproducte zu sammeln, mehr als zwanzig Jahre lang einen grossen Theil des Vicekönigreichs durchzogen hat und wegen seines gelehrten Briefwechsels auch drül)en den wissen- schaftlichen Männern bekannt ist." Caliallero's Grandenstolz wollte, dass der Schüler Linnd's als spanischer Gelehrter dem National-Ehrgeiz diene, und jenes Hervorheben der räuberischen Begierden des Auslandes verfehlte daheim die Wirkung keineswegs. Hocherfreut schrieb der Indien- Minister unterm 29. September 1783: „Der König will, dass die durch Mütis zu liildende botanische Expedition ohne Zeitverlust sich vollziehe; es sollen dieserhalb die nöthigen Geldmittel und Beihülfen sofort zur Verfügung gestellt werden. Anbei zur Prü- fung von Mütis die A^orschriften , welche den nach Peru ge- gangenen Naturforschern ertheilt worden sind. Das Werk soll vollständig durchgeführt werden; bevor es aber l)egonnen wird, sind die bereits von Mütis verfassteii Schriften einzuschicken, damit sie im Anschluss an die amtlich herauszugebenden Werke von Hernandez zum Besten und zur Ehre der Nation veröfiFent- licht werden, wie auch die Arbeiten und Entdeckungen der peruanischen Expedition gedruckt werden sollen, ebenso Ijisher unbekannte Schriften von Historikern und von Naturforschern, welche die an die Entdeckung und Eroberung sich anschliessende Zeit betreJBfen. Hernach Anrd der Welt nicht der geringste Zweifel darüljer bleiben, dass alle zur Unehre unserer Nation im Auslande veröffentlichten neuen Entdeckungen Nichts be- deuten als lediglich Sammlungen einzelner Notizen und Neuig- keiten, die ihren wirklichen Eigenthümern längst ])ekannt waren." So gedachte man in Spanien 1783 ein grosses wissenschaftliches Sammelwerk ül)er die amerikanischen Colonien zu veranstalten. Gleich nach der ersten Anzeige von der Genehmigung seines Planes empfing Caballero eine ausführliche königliche Verord- nung, die vom 1. November 1783 datirte. Die katholische — 45 — Majestät sei von den licrvorrajiciKlcii Kciiiiluisscii, die Mulis in IJutanik, Natiu'j^cschii-litc, IMiysik und Mathematik l)e«itze, sowie von seiner Ijielte und Ti-ene zur köni^liehen Person unterrichtet, ebenso auch von seinem <'- hdirt und verltreitet seien; deshalli wer(h' er /.um k()nifi:lichen Botaniker und zmu Asti'onomen einer Expedition itir das nörd- liche Sinlanu'rika ernannt, welche unter der Ohei-leitung des Erzllischol"-^'il■(>koni<2:s stehen werde. Er sollte eine einmaliue A'<'rgi'itun,«i' von 'itKIO Duhlonen erhalten, damit er die letzte A'oU- endun»i- uml Vervollständigung; seiner bisherigen, sofort einzu- sendenden Schriften ^^) bestreiten könne; während des neuen Unternehmens und bis auf weitere A'erfiig-ung geniesse er einen Jahrgehalt von 'J(HK) Pesos; auf Rechnung des königlichen Schatzes solle er mit all" den botanischen und astronomischen JJüchern und Instrumenten versehen werden, die er fi'ir die Aus- führung seines Auftrages verlange: im Uel)rigen sei der Fort- schritt der Botanik, der Naturgeschichte, der Geographie und Astronomie anzustreben, sowie aller der Gegenstände und der wichtigen Zwecke, welche der von Mütis selljst aufgestellte Plan enthalte. Zu gleicher Zeit trafen auch andere Schreiben ein; der Vice- könig ül)ersandte an Mütis die Allerhöchste Ernennung zum Mitgliede des Madri(h'r botanischen Gartens und legte einen von Ortega, dem Vorsteher dieses Instituts, herrührenden schmeichel- haften Brief bei. Mütis empfing jetzt alle in Madrid vorschrifts. mässigen Auszeichnungen, wie denn auch zwei Spanier, ]5runo Laudate und Jose Camblor, ihm zugeschickt werden sollten, Jener als Botaniker, Dieser als Geogra])h. Caballero ernannte seinerseits zum zweitem Vorsteher der Expedition einen Creolen, jenen Eloy de ^'alenzuela, den Mütis von Jiron mit sich nach Bogota gebracht hatte; er war seitdem in den geistlichen Stand getreten und nüt seinem Gönner immer inniger l)efreundet worden. Mütis schrieb ihm, als er die erste vorläufige Nachricht von der l"]rfüllung seiner Hoflnungen erhielt, am 31. December 1783: „Ich schicke Dir den Brief von Ortega, damit Du nicht lange eines Genusses entbehrst, an (h-ni Du ilen gleichen Antlu'il hast wi(! ich; j«'d(^s Schreiben, das ich von Dir erhalte, ist mir so — 46 — lieb, wie nieiiie llrici'e dem gj'osseii Jjiiine liel) waren, Avelclier, wenn er noch lebte, einen IJriefweehsel mit Dir nicht weniger schätzen wiirde als den mit niii- get'ührten." Mütis war (;s freigestellt, den Sitz des ihm anvertrauten ünternehnums auszusuchen, der aber jedenfalls in der heissen Zone liegen musste. Er Avählte Mariquita, eine kleine Stadt im oberen ^Magdalena-Thale unfo,<>ot;i und lliai«;ne weiter,<;el)ildet und wurde th^shall» von Miitis zum Zeichner seiner ^Expedition'' ernannt, liald kamen nach Mariipiita auch euro- ])äisch ü;escludte Malvirtuosen; zuerst Paldo Caballero aus Car- lajeua. der auf Zureden lU'!^ Viceköni}2;s ins Innere sich Iteiral), alter der doi'tiu'en Arbeit ni(dit «icwachsen war; dann traf auch ein ^faler direkt ans Spanien ein; Sebastian Mendez. aus Peru ircbiirtii»:, der in Madrid Farbenreilx'r von Anton Rafacd Menj^s i>;ewesen sein wollte; auch er war zum Miuiaturmal(Mi nnji'eschickt und g^inp; nach JJofjota, wo er sich (hucli Porträtiren ernährte. Diese Personen waren sänimtlich Creolen; die beiden sjianischen Gelehrten trafen nicht ein, wohl aber zwei spanische Kiinstler, Zöjilinjjje der Cadixer Akademie San Fernando, an deren Stelle aber bald ^fariano ITinojosa, sowie Antonio, Nicolas und Javier Cortez traten; sie kamen aus Quito, einer ihrer Malgcschicklicdi- keit wegiMi seit Alters Iteri'dimten Stadt. Fast alle diese Anst(d- lunjitMi waren nur vorüljerg'ehend; Garcia war in Maripiita der Einziildung von einheitlich organisirten Bergliehörtlen veriasst hatte. Caliallero lierief in diesen Ausschuss Mütis, die beiden neu angekommenen Gelehrten und den Ingenieur-Oftizier Domingo Esquiaqui, tler nächstens — 53 — von Cai'tajona ins Innere reisen werde, einen in Mathematik, Metallurgie und Architektur luMvanderten Neapolitaner. Als Prä- sident erhielt Miitis das Recht, den Orl für die Commissions- Sitzungen zu Itestiiunien. und wählte dalTir natürlich sein Mari- quita. wo (leim auch l>al(l ein cil'riges Ueratheu auiioli. Itei dem nicht l)loss der von dKlhuyar vorgelegte Plan, soudeiii auch das viceknnigliche Organisadous-I'rogrannn von 1782 in IJetracht gezogen wurde; ausserdem wai* noch eine andere, specielle Frage zu lösen, welche die Bearbeitung der Sil))ergi-ul)en betraf und sehr vei"schiedene Beurtheilung erfuhr. D'Elhuvar hatte die Er- richtung eines Amalgamationswerkes nach dem durch Ignaz von Born eingelTdirten Muster vorgeschlagen. In diese Neuerung konnte Miitis sich nicht finden. „Ich bin überrascht", schreil>t er Juli 1785 nach Santana. „durch das, was die neuen Zeitungen über die Born'sche Amalgamationsweise melden; diese soll in 24 Stunden so viel Silbers ausziehen wie die bishei-ige Methode in 6 Wochen? Ihr Bruder wird wohlthun, an Herrn von Born sich persönlich zu wenden. W ie ich von der Unbrauchbai'keit des Amalgamations-Verfahi-ens a priori ülierzeugt Itin — liisweilen muss ich doch der sonst veral)scheuten scholastischen Ausdrücke mich bedienen — , so kann ich mir auch nicht einreden, dass diese Sache bisher ein Geheimniss gewesen sein soll: ein Ge- heimniss, welches einem Manne vorbehalten geblieben sei, dessen einziger Antrieb die Neugierde war." Derartige Bedenken fanden in Madrid, wo Colonial- Ausgaben zur Zeit sehr gern vermieden wurden, williges Gehör; noch unterm 12. Mai 1787 erklärte das Ministerium, dass ziu* Zeit Fausto d'p]lliuyar in Deutschland ver- weile, um die dortige Erzscheide-^Iethode zu studiren; dieser werde auch nach Wien gehen, um mit Baron Born iiber die Amalgamation zu verhandeln: erst wenn das Richtige entdeckt sei, würden geeignete Personen nach Neu-Granada kommen, um jiraktische Unterweisung zu ertheilen." So zogen sich die Yor- fragen wegen des Silberbaues durch Jahre hindurch. Obwohl Mütis und dElhuvar oft verschiedener Ansicht waren, gedieh doch zwischen ihnen ein freundschaftliches A'erhältniss, zumal dei- .lungere dem Aelteren sich unterordnete. Der geistige Verkehr mit dem fernen Euro])a brachte liisweilen Luftzug in ihr einsames liCben: in Madrid war man bestrebt, den geistigen Interessen der Einsiedler Rechnung zu tragen; der Minister — 54 — schriel) z. ß. 1785; y,Am 22. ^Nlärz liabo ich den Abgang der für Mütis l)estimiuten Büoliei- nnd Tiif^tiumente angezeigt; weil ich die in London angefertigten astronomischen Uhren friiher nicht erhalten konnte, sende ich sie am 2. April in der Hoft'nnng, dass mit ihnen die l»etreftenden Beol)achtungen sicherer und ge- nauer gemacht werden können." Aus Schweden kamen nur noch kärgliche Nachrichten; am 30. August 1785 meldete Miitis jedoch dem Collegen: „Mit dieser Post erhielt ich das Mitglieds-Diplom der Stockholmer Akademie; sie nahm mich am 17. November vorigen Jahres auf; die Urkunde ist in lateinischer Sprache ein- fach, aber majestätisch geschrieben. Ich erhielt auch die letzten Werke der beiden Linnd's, Schreiben von I'eter Jonas IJergius, Karl Pehr Thunl)erg und von einem Pavkull, welcher, wiewohl noch jung, wegen seiner Insekten-Kunde einen Namen sich erworben haben soll und mich wegen meiner Entdeckungen be- glückwünscht." Diese Ernennung verdankte Mütis nicht so sehr der früheren Verbindung mit Linne, als der P]insendung einer kleinen in ^lariquita verfassten Schrift ül)er Pera arliorea, welche in den Verhandlungen der Schwedischen Akademie vom Jahre 1 784 abgedruckt war. „Heute, 12. Juli, 7'> 45"^", schreibt^ Mütis seinem Freunde 1785, „spürte man hier ein grosses Erdbelten, das über drei Minuten dauerte; 9'' 50" ein anderes, schwächeres; die Stösse wurden, wie mir der Bote sagt, auch in Honda wahrgenommen. Bei Ihren Arbeiten werden Sie dieselben wohl nicht sjemerkt haben", setzt Mütis hinzu, obwohl auch er selber keine weiteren Nachrichten über dies schreckensvolle Naturereigniss sammelte: das zweite grossartige seiner Art in dieser Gegend und diesem Jahrhundert; er stand solchen Erscheinungen, der ICi-gründung grosser physikalischer Fragen, fern, wenngleich er Ijis weilen ül)er atmosphärische Strömungen, Einflüsse des ]\Iondlichtes , Schlaf der Pflanzen und Derartiges nachdachte. Bald nach dem Erd- bel^entage sagt Mütis: „Machen Sie doch eine kleine Pause in Ihren Arbeiten, um unserem Diego de Ugarte nach Bogota zu schreiben, der Ihnen Grüsse sendet, al)er keine Briefe, da er sehr in Kummer ist wegen seines vom Erdl)e])en arg mitgenommenen Hauses; ich schicke Ihnen auch eine Zeitungsnummer und wünschte, selber den Sie betreflenden Artikel verfasst zu hal)en, um mich noch mehr in gerechten Lobsprüchen über Sie zu ergehen. — 55 — Schreiten wir beliarrlirli fort, mein Freunotanische P^xpeditioii wurde mehr und mehr auf Gegenstände von tiscalischem Wertli liingewiesen. und Müti? ge- wann ])ersönlich l)ald ein lebhaftes Interesse für alh; diejenigen Gegenstände des Pflanzenreichs, welche vielleicht als Finan?artikel zu verwertheu sein möchten. Hatte er 1781 dem Jüngeren Linne nur schüchtern den Gedanken anvertraut, dass die Alstonia theaeformi& ein Kraut sei, dessen Aufguss als Getränk l)enutzt werden könnte, so verfiel er jetzt auf den Gedanken, dass der Bogota'er Thee^^) l^erufen sei, dem chinesischen Concurrenz zu machen; knüpften sich damals doch ähnliche Hoffnungen an manche andere thei'nhaltige und tonisch wirkende Pflanzen- arten. Proljen jenes Krautes gingen nach Madrid; unterm 4. August 1786 erfolgte die Antwort, nel)en dem Flora- Werke sei so rasch wie möglich eine die neue Thee-Sorte ))ehandelnde Denkschrift abzufassen. Am 8. September wird eine Sendung der Thee- blätter, die vorzüglich seien, anbefohlen, am '2. October dem grossen Botaniker königlicher Dank ausgesprochen; Ortega habe günstigen Bericht erstattet. Caballero gab sich, gleich Mütis, der höchsten Hofinung hin; er setzte auseinander, wie theuer der chinesische Thee den Engländern zu stehen komme; ,iwir haben im Thal von Bogota unfern der Hauptstadt Thee im Ueberfluss; der Anbau lässt sich so weit ausdehnen, wie man will, und die Versendung ist kürzer als die von Ostindien. Die Regierung kann dem Producte vom Beginn seines Anbaues bis zum Verkauf nach dem Auslande jeden Schutz lueten; so wird der Thee von Bogota mit der Zeit der wichtigste Ausfuhrartikel dieses König- reiches werden; dazu gehört aber, dass die Vorbei le für den chinesischen Thee besiegt wird. Ich habe deshall» den Artikel, obwohl von ihm Ueberfluss vorhanden ist, nur in niedlichen Kästchen, in Flaschen und Büchsen von möglichst nettem Aeusseren versenden lassen; diese Sachen können zu Geschenken an Aus- länder benutzt werden, was zwar nur langsam, a])er doch sicher wirkt." Der Bogotaer Thee machte Mütis zum ]\Iitgliede der könig- lichen medicinischeu Akademie in Madi'id; daheim stand sein Ruhm, namentlich infolge der viceköuiglichen Loljeserhebungen, — 57 — im Zeiiitlic. wcmi^h'icli «lic AiilVajre, die 17S6 an iliir o^}2:ill^^ ol» er heimkehren und einen Lelirt^tuhl jeiiei- ikmk-ii MadiidiT Aii>t;ill iilternehnicii wollr. Uauin mehr als <'iii<' hol'lirhe Khrenliezeu- g^ing war. Noch h'hhaftere IlotVnun«i-eM als IJeigbau, Queeksillier und Theehanch'l rief das Kina-MonoiioP'^) hervor. Bei dci' Regifin- dung (h'r liotanisclien K-xpedition wai- die Fielx'rrindc licsondei-s hetont worden, obwohl die Krone ihre Ausl)eutun<>- bereits vor fiinf Jahren einem eigenen Cominissär übei-wiesen hatte: jenem Lopez, wek'Iier schon 17H1 dazu liestimmt worden war, bei der nächsten Vacanz einen dci- höheren Verwaltnngsposten am vice- königlichen Sitze zu bekleiden. ^lan hatte sicli damals gedacht. da«s Mütis die wisscnscliartliclH', Lopez die praktische Seite dei- RindiMigewinnnng beti'eil)en könne, alicr die Liitdecker-Rivalität Hess kein Zusamnicnaibcilcn zu. Im Jahi-e ITSo war bestimmt worden. Lopez sei wegen der oiVenkuudigen Falschheit, mit der er die Lntdeckung der Bogota'er Kina sich anmaasse, sofort ab- zusetzen: weitere Bestrafung unterbleil)e nur aus königlicher Milde; iinu sei keine L"^nterstützung zu gewähren, auch nicht zu gestatten, nach Spanien zu konnnen. Diese Verfügung wurde schon nach zwei Monaten abgeschwächt; man meinte iniNovemlier jenen Jahres, dass Lopez docli fcnu'rliin wold noch verwendet werden müsse: zur Erledigung von allerlei Aufträgen und zur Berichterstattung über allerlei Fragen sei es immerhin angenehm, Männer von einigen Kenntnissen zur Hand zu halten. Sebastian Jose Lopez dachte über seine Fähigkeiten und Leistungen anders. Als er von dem neuen wissenschaftlichen Unternehmen in Mai'iquita die erste Nachricht erhielt, waren von ihm gerade selir beschwerliche Reisen beendigt worden, welche er in den bisher fast unbekannten, jenseits der Ost-Cordillere belegenen Gebieten der Andaqui-Indianer gemacht hatte; auf seinen wilden Fahrten im fast unl)ekannten Flussgebiet des Ama- zonas glaulite er sogar bis zum Orinoco gekommen zu sein; er legte zwei Karten vor, welche sehr detaillirte Angaben über Kina- Bäume, weisses Bienenwachs und wilden Zimmet enthielten, be- richtete Übel- das eigenartige Fielien der von ihm besuchten Wilden und über das Vordringen der Portugiesen, welches trotz der noch immer im (Jaiige lielindlichen (Jrenzverhandlungen fort- dauerte, ja um sich grill". Auf dem Felde, welches er als Spe- — 58 — cialität sioli erkoren hatte, dem der Ausnutzung dei- natürlichen Waklproduc'te, fand er nun jenen Andern vor, der keine derartigen Reisen unternommen, keine ähnlichen Stra])azen ausgestanden, längst nicht so viele mühsam eri'ungene Beol»ai'htungen gemacht hatte; trotzdem ging er von Bogota den Kiua-Bänmen weiter nach; ülter die Wälder des Fusagasnga-Thales berichtete er am 14. April 1784 uad beschriel) dal)oi liesonders den Stand der Bäume, die er schon 1776 und 1780 abgeschält hahe. Die Ge- lehrten-Eifersucht ärgerte den praktischen Mann so, dass er eine am 20. Mai 1784 unterzeichnete Streitschrift verfasste, welche „Chronologie der Aufündung dei- Kina von Bogota" hiess und energisch dagegen protestirte, dass seine der Regiei-ung anzu- bietenden Sachen erst dann aljgesendet werden sollten, wenn Mütis sie für gut befunden hal)e. Letzterer drang mit dem Ver- langen solcher Oberaufsicht durch und Lopez wurde, da er sich nicht fügen wollte, am 19. August 1784 als Kina-Inspector ab- gesetzt. Er arl leitete aber mit halbem Gehalte unverdrossen weiter, durchstreifte die Gebiete von Ocana, von Valle d'Upar, von Riohacha und Santa Marta, sowie die Provinz Cartajena, drang auch in die Darien-Gebiete vor, auf die Caliallero's Augen so unverdrossen gerichtet waren, und meldete am 5. Felu'uar 1785, dass er bei Cartajena, namentlich in der Provinz Guamocö, und bei Santa Marta, vorzüglich in der Sierra Nevada, neue Kina- Sorten gefunden lialje. Dann sandte er zum zweiten Male Proben von neugranadinischen Fieberrinden — darunter auch solche der weissen Sorte — und Muster aus der Gegend von Santa Marta nach jMadrid, und zwar von Cartajena aus, ohne um die Behörde sich zu kümmern. Erst ein Madrider Schreiljcn lienachrichtigte diese, dass achtzehn Kisten mit Rinde und zwei Säcke mit Zimmet empfangen seien, dass die Kina für gut liefunden werde, weshall) die Lopez'schen Roth-, Weiss- und Gelb-Rinden eifrigst gesammelt werden sollten. Demungeachtet hiess es gleich darauf, Lopez geniesse kein genügendes Vertrauen, wenn er auch viele Muster von Balsamen, Hölzern und Rinden aus der Nähe von Bogota eingesandt, wichtige Salj)eterfunde gemeldet und Sraaragdgruben, die von Cuevas, Carroque und Melgar, angegeben habe; Lopez gedenke solcher Leistungen wegen wieder nach Spanien zu kommen und das wolle — so wurde wiederholt — der König auf keinen Fall. — 59 — I>al(l \v(Mi(leto sich das Blatt; os kamen Bolehle, die Loi»Pz'sc'h(^- erhel)unogot:i unter- stellt. Die Lf)])('z'scli('n Kriolge dauerten nur kurze Zeit. Die Arlteitcii in Mari(|uita gingen ihren Weg weiter; es sollte su viel Both-liinde wie nur nniglich gesendet werden, al>er nach sorgtalliger Auswahl und guter Verpackung. Schon am 'ifi. .Januar 17S7 wurde derVicekönig ^^^eder zum Chef der Kina-Oewinnung gemacht und erhielt zugleich den Auftrag, dem Minister iiliei- die Aushildung des Monopols zu l)erichten. Dies that Caliallero in einer Henkschrift vom 1(). \\n\\ 1787: „Der lieriihmte Natur- forscher, dessen Wei-th Euer Excellenz so gerecht zu schätzen wissen, dessen Kenntnisse aber nicht auf seine Vtcsondere Wissen- schaft sich beschränken, sondern auch auf wirthschaftliche Fragen ausdehnen, hat die Kina von Neu-Granada entdeckt und seitdem ihren A^m-1 »rauch in Eui'oi)a und ihre medicinische Yerwerthliar- keit studiit; er hat iiber die Xothwendigkeit nachgedacht, der ordnungslosen Gewinnung ein Ziel zu setzen; seine Vorschläge sind durch die Erfahrung liestätigt und gerade jetzt doi)pelt wichtig geworden, da die ehedem iil)erschwenglich i-eiciien (Ge- birge von Loja nicht einmal mehr die königliche Apotheke in Macbid zu versorgen im Stande sind. Um dies Institut v.w er- halten, erging an Miitis, mit dem ich schon früher iil)er di(^ Sache verhandelt hatte, mcinJ3efehl, ein Administi'ations-Programm anzufertigen. Dieser Mann, als Politiker, Philosoph, Staatsmann uml (Jidehrter gleich Itedeutend, entwarf (Mnen eingehenden Plan, liii die Kina auszunutzen, gielit es nur zwei Wege: den des freien Handels oder den des königlichen ^fonopols. Anderthalb .lahrhunderte lang hatten einige in Lima und Cadix angesessene Geschäftshäuser den Rindenhandel ausschliesslich in 1 landen; der hauptsächlichste Productionsort war Loja, wo die ausgedehnten Wälder iibcrall reit-h an Kina-Bäumen und die Zugänge zu den Siidsee-FIäfen nicht allzu schwierig sind; der Itlidiende Verkehr hätte au die Erhaltung der Stäninn^ mahnen und ihrei- Lrschö])fung vorbeugen sollen. Fast zui" selben Zeit, in der die Börse von (\adix (las Kina-Geschäl't ei'grift", macht(^ die liollämlische Compagnie — 60 — die grössten Anstrengungen, um die Portugiecjen aus dem asia- tischen Spezerei-Geschäfte zu verdrängen. Millionen Pfund von Zimmet hat darauf die ostindische Compagnie gewonnen und mit der einen Ilaud die Zimmet-Bäume von Cochinchina und Mala1)ar niedergeschlagen, mit der andern Hand aher so viel wieder ge- pflanzt, dass stets genug für die Nachfrage vorhanden ist. Diese wirthschaftliclie Vorsicht vergleiche man uiit unserem Zustande, mit der Thatsache, dass die Loja-Rinde jetzt kaum noch die für die königliche Apotheke nothwendigen neunzig Centner liefert. Der Grund, weshall) der Zimmet empor und die Kina herunter- kam, liegt nahe: die Holländer l)rachten alle Spezereien und Droguen unter ihr Staatsmonopol und regelten die Gewinnung durch olu'igkeitliche Vorschriften. Von den Holländern müssen wir lernen. Ihr System wird ])ei uns dazu führen, dass nicht mehr schlechte Rinden auf den Markt kommen; nicht so viel werthvolles Product wird beim Transpoi't nach Europa verderben; der Preis des Artikels wird nicht mehr so hin und her schwanken; der Wissenschaft wird die wirksamste Arznei gesichert und da- durch der Menschheit ein Dienst erwiesen." Sitz des zu errichtenden neugranadinischen Kina-Amtes sollte Honda werden, denn dieser Hafen des oberen Magdalena-Stroms schien im Herzen der Kina-Region zu liegen; dort besass die Krone ein eigenes Gebäude, dorthin sollten die Sammler das Product schaffen und dafür zu festen Preisen, je nach den zurückgelegten Wegstrecken, bezahlt werden. Mütis meinte, der Verljrauch an Rinde beziffere sich zur Zeit auf 400 Centner für das Jahr, wofür 300 000 Bäume jährlich geschält werden müssten, deren Gesammtzahl in der neugranadinischen Region auf 6272 Mil- lionen Stämme sich schätzen lasse; er berechnete, dass der Ver- kauf der Kina an das Ausland dem königlichen Schatze jährlich etwa 400 000 Dollars einbringen würde. „Dadurch könnte dies l)isher ganz unfruchtbare Königreich endlich der Krone einen Gegenwerth für alle Sorgen und Bemühungen verschaffen." Die zur Ausführung des Projectes nöthigen Maassregeln hätten aus- zugehen von dem Verbot, dass Private Kina-Bäume fällen oder schälen oder Rinde verschiffen, nnter besonderer Ausnahme der Register-Fahrer von Callao; dies Verbot sollte wegen der in- folge des Krieges in Cadix aufgesta]>elten Vorräthe erst mit dem Jahre 1701 ])eginnen; der Schleichhandel mit Kina, so alt wie — 61 — das legitime Geschiil't , lasse sich in rartajcna iiiid Saiila Maria bei geni'igeiulei- Waelisainkeit sein- wohl vriliiiHlcni. Nachdeiii die Venvaltungsweise in der Deiiksclii itt weiter dargestellt ist, ■wird die Verbesserung der .Magdalcna-ScliinTahrt ^') li<'Iiaiidald darauf entsetzte iliii der Yicekönig gänzlich seines Amtes, an- geblich weil er den Untersuchnngen auf dei- Darien-Lamlenge sich nicht wieder angeschlossen liabe. Unterm 30. Juni 1789 schi-ieb der gemisshandelte Mann: „Mütis hat es empfohlen, dass ich in die J)arien -Wildnisse entsendet würde; ali(>r ich konnte dies mit Fng und Recht ablehnen, denn ich wollte dort nicht sterben, weder am Fieber noch an Pfeilgift." Die Mutis'schen Rinden fielen bald wieder S(dn' schlecht aus. Unterm 12. Mai 1788 schi-ieb das Ministerium, Mütis möge doch einmal selber an Ort und Stelle sich begeben; gehe das nicht, so solle er kenntnissreiche Leute auswählen und sie namentlich auch über Zeit der Schälung unterweisen; ausserdem sei für bessere Verpackung zu sorgen, für genaue Trennung der Sorten unter Angahe der Standorte; eine l)esondere Liste möge für die Präsi- dentschaft Quito n(!bst einer Abschrift der zu ertheilenden In- struction eingesendet werden. Dieser ausführlichen Madrider Anweisung lag Alischrift eines Erlasses Ijei, welcher dem Präsi- denten von Quito l>efahl, Mütis bei seinen Kina-Reisen in jeder Hinsicht zu unterstützen; der Minister erwartete wirklich von ilim ausgedehnte Forschungsfahrten, dieser aber verbliel) nach wie vor ruhig in Mariquita. Er passte für derartige praktische Arbeiten überhaujjt nicht und musste sich deshalb, seitdem er Kina-Export im Grossen betreiben sollte, eine Hülfe suchen. Diese fand er in Pedro Värgas, einem Mediciner aus Socorro, den auch der Vicekönig für eine Persönlichkeit von ausserordentlichen Talenten und Kenntnissen erachtete.^^) Dieser Creole war ein charakter- voller, entschlossener Mann, der Erste des Miitis'sehen Kreises, der in Europa ausserhall) Spaniens sich bekannt machte. Von ihm rührt eine vielbesprochene Entdeckung her. ,,Mütis erzählte mir", so berichtet Vargas selbst, „dass die Neger, nicht die Indianer, in der Umgegend von Mariquita giftige Schlangen sorg- los, und ohne gebissen zu werden, anfassten; dem Vogel, der Guaco heisse, hätten sie es abgesehen, dass er ein Kraut fresse, welches gegen die Wirkungen des Schlangengiftes schütze. So — n3 — brachte eines Tafj;<'s ein Ne«rei- eine Tava mit allen ilir<'n (lift- zähnen, ohne dass sie ihn hiss. Am 3(.>. Mai 1 7ss wui'dcii mit diesem Thiei-e A'ersnehe an<>;estellt; naehdem der Neger niii- v(»n einem Anl^rnss jenes Gnaeo-Krantes /wci lOssloll'el jj^egelien hatte, liess er die Hchlanir«' mich sechsmal lieissen: die liliiteiuien Wunden wischte er mii Jenem Safte ans und rieh sie nnt den Blättern (h's Krautes. Ich vers)iürte keine Folu(>n des Jiisses; der Neuer versicherte, ich sei «i'eticn den Schlan<>:enl)iss sicher, so nahm ich denn sellisl das 'I'hier in die Ilaiul; es war uni'uhiu,-, hiss mich alicr nicht. Zni»'e<>;en waren die (lenossen der Ivxjie- dition, wie Dr. Mütis, Francisco Javier Matiz und Francisco Zaharaiu. der Schreiher, auch die als Gäste in Mari(juita sich auf- ' haltenden Dieiro de Tuarte und Anselmo Alvarez. I)i(^ UmstehciKlcn hatten nach jcucin .Vu»i'enl>lick die Angst verloren n\\i\ liciührten ebenfalls die Schlange: da liiss sie Alatiz in die rechte Hand, was Alle entsetzttstadt; Früchte des Mandel-Baumes, in Rinden gewickelt und mit Blättern des Zimmet- Baumes von Anda(iui bedeckt, Rinden des Tachuela- Baumes behufs Versuche, ob aus ihnen gelbe Farbe sich gewinnen lasse, für die Professoren dei' Botanik iiiid Chemie sowie für die land- wirthschaftliche Gesellschaft in Madrid; Stangen der rothen Kina, welclu' in ilcv Umgegend von Maricjuita wächst, damit in (h'ii öfl'entlichen Lazarethen erneute Proben angestfdlt werden können; eine Sammlung von Fellen und Vogelliälgen für tlas königliche Cabinet mit Zetteln über Nanu'u und (Jeschlecht.'^ Solche Scn — CA — düngen Lewiesen, wie wenig die })raktisclie Ausnutzung der Co- lonialschätze bisher bedeutete; aber die theoretische A^orarbeit erschien in Aladrid als ausreichend, da ein Verständniss ffir den Waarenhandel iehlt*;; so schickte das Ministerium z. B. eine Kiste mit Holzprolx'u an den Yicekönig, damit zum Dienste des Kron- prinzen eine gleiche Mustersannnlung unter Angal)e der Stand- orte und der wissenschaftlichen Namen in Neu-Granada angelegt Averden möge. Es ging in Mariquita von einer gelehrten Arbeit in die andere. Da sollte nach den Anga])en von JjO})ez ein Wachs existiren, welches die Indianer der Llanos von San ^lartin und die Audaqui-Stämme ])enutzten; A^orschläge waren gemacht, das- selbe zum Besten von Handel und Industrie; in brauchbaren Zustand zu setzen. Anfang 1785 liegaun Miitis dies Problem zu verfolgen, indem er aus den Andaqui -Wäldern wie aus der Timana- Gegend bezogene Bienen züchtete, welche wirklich alsltald ein weisses Wachs lieferten, das mit dem l)esten Amerikas, dem von Trinidad, das Wettgeljot zu bestehen schien. Aus den Andaqui- Regionen stammten noch manche andere wichtige Producte, so namentlich der Zimmet, welchem Miitis sowohl wie Lopez Auf- merksamkeit zuAvandte. Ersterer baute den Baum in Mariquita an; nach spanischer Auffassung sollte auch der Wuchs junger Pflanzen mit Zauberschritten vorangehen, denn schon Mitte 1785 wurde man in Madrid unruhig, weil noch keine Resultate der neuen Cultnr angezeigt seien; am 18. Septemljer 1786 meldet Miitis, dass elf Sträucher unter seiner besonderen Aufsicht ge- diehen; Caballero antwortete: „Unseren Wünschen Averden sicher- lich diese Bäumchen, welche Ihnen das Lel)en verdanken und von so vielen glücklichen Händen bedient werden, vollständig entsprechen." Die projectenreiche Regierung des Erzljischof -A'icekönigs schloss am 8. Januar 1789. Mütis Avusste von dem Ende schon vor einigen Monaten. Den Scheidel)ericht, den der tüchtige Creole Tgnacio Cavero ausgearbeitet hatte, unterzeichnete Caballero, als Bischof des spanischen Cordova, erst am 20. Februar jenes Jahres in Turbaco. Gleich darauf reiste er mit seinem zweiten Secretär Zenon de Alonso ab, ohne die Hauptstadt wiedergesehen oder je die von ihm gegründeten Arbeitsstätten in Mariquita und Santana besucht zu haben. Nach Spanien brachte er keine neugranadinischen Silber- — 65 — schätze, denn (rKlhuyar hatte in der kui/.cn Zeil noi-h Nichts /u leisten vermocht — keine Fioi'a l>n<>()taiia. (h'un die Sanmdinig von Bildern nnd riolicn. die er ndt sich l'idirte, konnte das so gross geplante Wei'k nicht vertreten — kciine Resultate der Darien-Kxpeditionen, (h'ini was u-alteu den Iriiheren Iloll'ninigen gegenül»er einzelne Raritäten. Allein au Wnv^l des /.in- lleiniath lahrenih'n Schilles fanden sich iloch nicht Idoss die gewohnlichen Ausstattungen der iiulischen Hrgisterfahrer; Caballero hesass auch eine wichtige wissenschaftliche Samndung.^^) Vor zwei Jahren hatte er an ^^ntis ein IJücherverzeichniss nebst einer Liste von verschie- dcMUMi Wörtern geschickt und gelteten, die vei'zeichneten Si-lniften zu suchen und die Rechtschrtnbimg sowie die Uebersetzung der aufgelTdirten Vocabeln l'estzustellen. Seltsamer Auftrag in wildem Lande; allein es war die Kaiserin von Russland Katharina IL, von welcher in Madrid di(>se iJeihülfe zum Studium indianischer Dialecte fiir das grosse in Angrill" genommene L'nivei'sal-Lexicon, lui- die Sj)i'ach<'n-Bil)el. erbeten worden war. Sofort hatte Miitis seine alten Schätze wieder hervorgesucht; zu Bogota ward in jenem Freunde Diego de L'^garte ein guter Oehülfe fiir neue Sannnlungen gewonnen; Itald fand sich ein stattliches ^[aterial beisanunen. So besass sein scheidender Gönner zunächst eine Grammatik und zwei Vocal)ulare der Ghil)clia-S))rache; das Oi-i- ginal der Grammatik und des einen Yocal)ulais, dem ein Beicht- buch als Anhang folgte, war die Zusammenstellung des grossen Indianerfreundes Jose Dadey. Ferner war da: eine Grammatik und ein Yocabular der Acliagua-Si)rache, eine Sammlung der J(»suiten])at-en und Schulden diT doiti<^('n He<>iei'un,u" Anlanu' 17l^*> lorniell iiheniahni. wai' ein .Marine-Ot'lizier von vieler Welteil'ahi'unt;": Francisco Jil v Lenins;^') allein schon hei seiner Ankunft in ('ai'tajena hiess en, dass Hoish(!rigen (Njlonial- Haues zu rütteln, ohne jedoch die neueren IJewegungen des wirtli- si-hat"tlicluMi Lebens zu verstelu'u o(h'r auch nur zu kennen. Miitis sieht ihn Ende Februar 178U bei dei- Landung in Honda nnd ist über dessen Arbeitsamkeit erstaunt; (u- eiinalinl d'IOlhuyar, ja eingehende Berichte zu schreiben, weil der hohe lleir All(»s wissen wolle und last neuerungssüchtig sei. In der Thal nii>>liel das unpi'oductive (Jelelirtenlelien Mari([uitas dem an sliammen Dienst gewöhnten und noch nnt eiiroiiäischer Ki'al't versehenen Manne, w(dcher zu seinem Schrecken ei-kannte, dass das A'ice- königreich mit zwei Millionen Pesos Schulden Ixdastet war luid tleslialb unverzüglich Kina-Sendung wie Daiien-Cohunsation ein- sttdlen liess. \'on der Hauptstadt ging er sol'ort nach dem — 68 — Magdaloua-Tliah^ zurück, so dass im April 1789 zum ersten Male ein AHceköuig l»ei eleu Gelehrten von Santana und ^fariquita erschien. l)"I']lliuyar war krank und al »gearbeitet, aher doch noch geistig lühi'ig; er hatte alle Anträge, dass er nach Lima üIxm'- siedeln möge, abgewiesen, selbst die mündlichen, die ihm kürzlich von Gabriel Urciuiza überbracht woiden waren. Seit Ende 178H hatte er dcnitsche Bergleute*^) um sich. Ein Amalgamationswei-k war in Santana errichtet, arbeitete jedoch noch ohne wesentlichen Erfolg. In jeder der l)eiden Silber-Gruben, in Santana wie Monta, hätten GO — 70 Manu thätig werden können, allein die Mittel waren so knap]), dass kaum 15 davon ständig auf dem Erze lagen. l)i(^ unter den tropischen Krankheiten schwer leidenden Deutschen waren aus dem })rotestantischen Theile Sachsens ge- kommen und wnrden bald als „Hugenotten" verschrieen; die Geistlichkeit verlangte den Uebertritt der Ketzer und machte dafür kein weiteres Zugeständniss, als dass die Kirche sich mit milderer Form der Bekehrung zufrieden geben wollte. Die grosse Bergwerks-Direction hatte, aller Mühen ungeachtet, so wenig geleistet, dass ein neuer, billigei'er Oi'ganisationsplan ausgearbeitet werden musste, der ü))rigens nur auf dem Papier blieli. Der neue Vicekönig versagte der bewiesenen Energie seine Anei-ken- nung nicht, hoffte auch Erfolg von der Zukunft und jjestätigte schliesslich alles in Santana Geschehene. Anders in Mariquita; da hatte jahrelange Arbeitsseligkeit nur wenig )>raktisch Werthvolles gefördert; es schien noth wendig zu sein, den kränkelnden Mütis in eine mehr anregende Umge- Itung zu l>ringen und dem ganzen Unternehmen grössere Kraft einznflöss(Mi. Aus solchen Rücksichten wuixle Miitis vom Yice- könige mit zur Hauptstadt genommen. Dort begann er, gleich nach seinem 58. Gel)urtstage, gemüthlich mit dem alten Fi'eunde Valenzuela verkehrend, ein neues Leben. „Mein bisheriges Still- schweigen", so schrei) >t er d"P]lhuvar, „erklärt sich aus den Be- suchen, die wir liei Hofe machen mussten, und aus dem Hervor- treten eines ganz neuen, für mich sehr eindrucksvollen Tempe- i'aments. Ich freue mich, ja ich bin glücklich, dass ich mich entschlossen hal)e, in Begleitung unseres so liebenswürdigen A^or- gesetzten hierher zu reisen; der neue Vicekönig arbeitet viel und wünscht den Fortschrilt, aber er hat nur Weniü-e. die ihm helfen — 69 ^ koiiiion. Kr IVciil sich iilirr die Milien ilc- .Maii(|iiita-lM'zirks; filier sie j^eht mit gegenwärtiger Post ein giinsliger Heiielit naeli Madrid; den Bericht hat Va'rgas ausgearbeitet, ich iialte gebeten, uiisern neuen Dan für die Heigliau-A'erwaitUMg wieth'r lieivoi-- zusucIkmi, alter Ins Jetzt nichts erreicht. Sie können d(Uiken, wie wir Jetzt (h'r (Jleichgiiltigkeit gegeni'iher in I''ianimen stellen; aber es ist wirklich eine Masse laufender CTeschatte zu erlediiren. Ueber Kina trat" ein neuer Befehl von Madrid ein, welchei' bei der Einstellung der Sentlungeii beharrt; ich antwortete in einem umfangreiciien Bei'icht. Was Jliren Fortgang nach Lima anbe- langt, so geben Sie sich keiner Täuschung hin: so lange ich lobe, werden Sie sich in diesem Königreiche ab(|u;ileii. Mit mir sprach der Vicekönig von lliici- Vei-setzung und ich erklärte, wenn er sie gestatte, werde er (h'in jjande, dem (m* AVohithaten erweisen solle, den grössten Schaden zufiigen. Das öftnete die Augen und wir beläcludten Jene Jdee. Sie, mein Freund, miissen einsehen, dass für Sie nicht Peru, nicht Mexico voihanden ist, sondern einzig und allein Neu-Granada und die liebenswürdige Doüa .Josefa: deshalb kein Wort melii" davon. Ich bclinde mich etwas besser, vielleicht weil ich ein Faullenzer geworden bin und ausser d«Mi Posttagen weder schi-eibe noch lese. Dazu lassen niii- hier die guten Leute keine Zeit. Alles geht niiiiidiicli ab; ich mach(! meine Beobachtungen und stecke sie in den (^uersack, um sie dort unten bei unseren Bespi-echungeu mit Buhe wieder aiis- Ijackeii zu können. Wahrhaftig, dieser Hof ist doch winzig klein, obwohl er den Nachgeschmack eines grossen hat." Miitis wirkte in F^ogotä getreulich l'ür die Interessen, die ihm näher lagen; namentlich wai' seine Anwesenheit für Jenen Va'rgas sehr anregend, der schon vor seinen Mariquita-Studien eine umfangreiche Arbeit über Ackerbau, naiidel und Bergwesen Neu-Crianadas angefangen hatte. Der intelligente Creole schloss jetzt, da dei- Mütis'sche Verkehr mit der Beamten- ITieraivhie ihm die Regierungskreisc als leicht zug;ingli(;h erscheinen Hess, das lang geplante Werk ab und überreichte es dem neuen Vica- köiiige, der so kraftvoll auftrat. Die Schi'ift von Värgas übertraf als nationalökonomische Arbeit die von Moreno sehr erheblich. .lener umfassti^ über- sichtlich und unter kluger Heranziehung (Miropäischer Wissenschaft fast die ganze wirthschaftliche Sphäre seines Vaterlaiules; er — 70 — rodete von Lauthvirthseliaft und von den Mitteln, diesen in seiner Eleimath noch fast unl>ekannten Cultnrzweig zu lieben, vom Ein- fluss eines geordneten Ackerljauwesens auf den National-Cliarakter, von der Begri'indung einer landwirthscliaftlichen Gesellscliaft in Bogota nach dem Muster von Bei'n, Dublin oder Madrid, von einer Ackerliau und A'iehzucht betreffenden Studienreise durch die oftenl)ar schnell aufblühenden Vereinigten Staaten und von dem grossen Vorbilde, das England auf diesem Felde diesseits und jenseits des Oceans darbiete. Dann bespricht Vargas den Handel und zuvörderst das Fehlen von Wegen; was Bogota be- treffe, so habe schon A^icekönig Solis umsonst für die Carare- Strasse gearl)eitet, die einzig richtige, welcher jetzt der Weg nach Honda vorgezogen werde, obgleich er immer noch unpassir- bar sei; das Cauca-Thal müsse durch den Guanacas-Pass zugängig gemacht werden, der günstiger liege als der lebensgefährliche Weg über den Quindiu; die wilde Chocö-Gegend lasse sich durch einen bei Ita zu beginnenden Weg eröffnen; im Innern sei dort eine Süsswasser-Verl)indung zwischen den beiden Oceanen herzu- stellen; die Atrato-Schifffahrt müsse freigegeben werden, damit das Meer sich von den Bergen und Hochthälern erreichen lasse; zum Rio Zulia halje von San Faustino aus ein Weg zu führen, nach dem Meta ein anderer von Sagomoso aus. „Wider die gesunde Vernunft ist es, dass jetzt alle Einfuhr in dies Land über Cartajena geht; das heisst unser grosses Reich dem Älonopol und der Tyrannei jener Kaufleute unterwerfen, welche ihm gerade so gegeniiberstehen , wie ehedem die von Cadix dem gesammten spanischen Amerika." Für Wege solle man die ganze Bergwerks- Rente verwenden, welche an eine grosse Privatgesellschaft zu vergeben wäre; wenn man dies nicht wolle, müsse man dafür die Einnahmen aus Thee und Kina l»enutzen; endlich könne auch Privaten die Weggelderhelnmg zugestanden werden; übrigens sei der Staat selber im Stande zu helfen. „Die Römer l)auten ihre Weltstrassen durch Soldaten, warum thun wir in unseren menschen- armen Gebieten nicht desgleichen?'' Ferner bespricht der vice- königliche Rathgeber die Handelsartikel seiner Heimath: Gel, Mehl, Wolle, Baumwolle, Flachs, Hanf, den neuerdings mit gutem Erfolg angeljauten Indigo, ferner jene beiden Mütis'schen Sjjecia- litäten: Thee und Kina, mehrere feine Holzarten, Droguen, wie Zimmet und Muskatnuss, Cacao und Cochenille, sodann Tabak, — 71 — dessen Monopol au(/,uht'l)en sei, und Petroleum, das einen (reff- lit'ben Sehift'stheei- liefern Verde. Naclideni er noeli die Errich- tung eiiiei' rajjierlahrik in l)o<;ot;i eniplolilfii hat, wendet sich Vargas dem IJerghauc zu. Vom pliilosopliischen Standpunkte aus müsste man wiinsclien, dass der l)ergl)au ITii- immer abgescliairt werde; der Staat ist nut dem. was der Betrieb einträgt, nicht zufrieden und betrachtet ihn nur unter gewissen Voraussetzungen als vortheilliaft: die jetzige (Joldgewinnung bringt nicht bloss die Bevölkerung herunter, sie entzieht auch dem Ackerbau zu viel Arbeitskräfte. Das an Ausfuhriiroilucten gar zu arme Land nniss aller trotzdem, nach Ansicht von Vargas, zur Zeit noch Mineralien suchen; dafi'ir sollte man indess, wie schon (rElhiiyar IJH'i cm- jtfohlen habe, ein eigenes Ingenieur-Corps einrichten. Die Denk- schrift redet eingehend von Gold, Silber und IMatina, von Kupfer, Quecksilber und von Eisen, das werth voller sei als Gold, aber bis jetzt gar nicht gewonnen werde. Zum Schluss kommen die Edel- steine daran; die Smaragden von ^luzo, welche den einzigen Artikel bilden, der direct in den königlichen Schatz fliesst, so dass die Vicekönigc; wenig Acht auf ihn gegel)en haben; die Amethysten von Timana und die dunkelvioletten Steine von Susa. Auch das Geschäft mit diesen Schätzen des Bodens sollte frei sein. Miitis stand dieser umfassenden Arbeit nicht fern, so wenig er die allen bisherigen Regierungsprincipien Aviderstreitenden Ansichten liilligte; er verfolgte die Schrift fast argwöhnisch, aber mit grösstem Interesse. Um den l)ereits angekiuidigten Nachfolger des fast neuerungs- süchtigen A^icekönigs noch zu sprechen, blieb er in Bogota' länger und länger. Am 15. Juni 1780 schriel) er d'Elhuyar: „Ich habe über meine Rückkehr noch nichts beschlossen; vor Cartajena war nändich beim Abgang dortiger Post eine Fregatte in Sicht, und es ist möglich, dass diese den neuen Statthalter an Bord hat, so dass wir in Kurzem durch Eill)oten Nachricht erhalten können. Mir gelallt das Bogotäer Klima ausserordentlich, mehr noch dieses träge Leben, das übrigens in tausend zudringliclien Besuchen seine Schattenseiten hat." Einen Monat später sagt Mütis: „Ich denke mir, dass Sie jetzt in Honda sind und dem neuen Vicekönig sich voi-stellen; <'s wird kein LTmsturz statt- finden." Am 31. Juli 1789 meldet er; „Gestern, fünf L^hr Nach- — 72 — mittag's, traf der neue Vicekönig ein; heute hat er sein Amt iiltciiiommen." Marschall Jusr de Esiteleta*^) kam von Cuba, wo er drei Jahre lang General-C^apitän gewesen war; er war also ])ereits mit den (^olonial-Vei-hältnissen vertraut und hatte sich an das tropische Amerika gewöhnt, in seiner Umgehung befanden sich gewandte Männer wie Jose Ramon de Leiva und Manuel Socorro Rodriguez; sein Leibarzt Louis de Rieux, ein Franzose, war in halli abenteuernder Weise nach Ilavana gekommen;''*) das Reise- gefolge, in dem auch Loi)ez, der Kina-Entdecker, sich befand, erschien wie eine fremdartige Caravane. Ende August war INIütis wieder im Magdalena-Thalc Das dortige Leben, das nur noch kurze Zeit dauern sollte, war nun nicht mehr so akademisch frei wie friiher, als der Yicekönig in Cartajena weilte. Auch Espeleta griff dort Itei jeder Gelegenheit ein. Vargas l»lieb in Eogota; von den alten Getreuen schied aus dem Kreise von Mari(|uita auch Garcia, der bewährte Vormann dei- ^laler, an dessen Stelle der ]\[ajordomus Salvador Rizo trat, der bei natürlichem Geschick seine Custodenstelle benutzt hatte, um viclei'h'i zu lernen. Am 4. Januar 1790 schreibt Miitis an d'Elhuyar im Minenorte Bocaneme: „Ich habe vom Vicekönig Aufti"ag erhalten, ihm den besten Kiinstler meiner Expedition zu senden, damit er für unsere Es(piiaqui den Wasserfall von Tequendama male; ich schicke ihm den ausgezeichneten Akade- miker von San Fernando, der dassell)e leisten wird wie Garcia, al)er man nimmt mir doch für vier liis sechs Monate den besten meiner Maler; wie soll ich nun den Tag ausnutzen? Ja! die Zeiten sind anders geworden und ich denke auch anders." Lopez, der damals zum dritten Male in Bogota war, hatte bisher immer in unverdrossener Thätigkeit gestanden und in ]\Iadrid mehr als einmal Aufsehen erregt; er war, während Sintis höchstens die nähere Umgebung seines Sitzes durchforscht hatte, immer weiter in den Küstengebieten herumgeschweift. So wichtig der Theil des Linern sein mochte, in dem jener Gelehrte wohnte: Alles, was der See nahe lag, reizte die pi-aktische Aufmerksamkeit doppelt und hatte auch in Wirklichkeit grösseren Werth, da es leichter für commerzielle und iiscale Zwecke sich ausnutzen Hess. Der frühere General-Capitän von Cuba war solchen Interessen jiicht abgeneigt; somit begann Lopez Ende 1789 von Bogotjü aus — 73 — abermals' eine grosse Ex|te(liti(ni, «^riiidr al- wieder einiiiri! die Kina-Kiitde('kuiii'ii llaii|it- zweck der luMien Heise Itildele die Fortsetzung drr Istliunis- Studien. Srlion am H. I)ei'('ndier 17)^0 landete liOi»«-/, in INnlo- lielo: von' Panama' ati> sandte er am Lduni IT'.M) ciiicMi ansITdir- lielien Bericht an den N'icekonig; daliri sct/le rr in bissigster Form die AngrilVe gegen Miitis fort. .let/t, da rr in IJogota' wieder (Jehör laud, l)eleidigto er den Mann von Mariipiita auf y\U' nnr möglielie Weise, so besonders in rint-m lang<'n Aufsatz ülicr das selibu'lite Medicinalwcsen der Hauptstadt. VW liekleid(?te wie(ler das Amt eines ]\ina-lns])ect()rs und iKiclitc darauf r-rst recht, als er im Februar 1791 naeli IJogota' zurüekkelirte und viele Schätze juit sieh führte, z. 15. Flaschen voll C^)uecksillier. Miitis hatte (Jnind. liedcnkliche Frfolge seines Gegners zu fiirchlen, wenn er nicht selber in der Nähe Fs])eleta*s verblieb. I)i(>seiii wollte er aber nicht gern mit leeren Händen entgegen- treten, deshalb suchte er noch die letzte Müsse in Mari(|iiita zu benutzen, um von seinen gelehrten Arbeiten mindestens eine zum Abschluss zu bringen: eine Art Vorläufer für ein grosses ("hin- chonen-Werk, mit dem er schon lange sich trug. In (Miier medi- eiuischen Abhandlung ülter ^das Geheiinniss der Kiiia"*'"') sollle das ITaujttresultat seiner Studien, die Lehre von den sieben Chinchona-Arten, den vier ofliciiialen und den (hei nichtol'fici- naleii, niedergelegt werden. In solche Arbeit vertieft, wollte Miitis gern seinen Aufenthalt in Mari(|uita zeitw^eilig noch mög- lichst veriängern; diesem Wunsche stand aber der feste Wille von Espeleta gegenüber, der (\s nicht liel)te, dass unten im heissen Magdalena-Thale immer gearbeitet und Nichts geleistet wurde. Mütis musste aus seiner Einsiedelei befreit werden, um- somehr, als Valenzuela, durch den bisher scheinbar eine Verbin- bindung mit den Miitis'schen Studien hergestellt war, den Kreis der Expedition und sogar i>ogota' verliess. Er war für eine kurze Zeit Lehrer der viceköniglichen Kinder gewesen, musste aber seiner Gesundheit halber Anfang 17*.>1 in das heisse Klima seines Geburtslandes zurückkehren; er ging dahin als Pfarrer von Bucaramanga; seitdem wusste man in der Hanjitstadt von jener arbeitsseligen Colonie im Magdalena-Thale nichts mehr; sie hatte überdies zeitweilig einen ihrer wichtigsten Zwecke, die K ina-Saminlung, verloren. — 74 — Das Hauptmotiv, eine Ue))er.siedeliing nach Bogota zu ver- langen, liildeten die Erfabrungini, welche seit einigen Jahren mit einem, dem Mütis'schen analogen Unternehmen im Vicekönigreiche Mejico gemacht waren. Der peruanischen Expedition von 1776 und der neugranadinischcn von 1783 wai- im Jahre 1786 eine mejicanische gefolgt, die dort von Anfang an einen festen Sitz in der Hauptstadt Ijezogen und von diesem aus systematisch ge- regelte Forschungsreisen veranstaltet hatte; ihre Directoren, ^lartin de Sese y Lacasta und Jose Mariano Mocino, hatten bereits, friihere Anfänge benutzend, Grosses geleistet; mithin war voraus- zusehen, dass die Flora Mexicana eher erscheinen würde als die lang erwartete Flora Bogotana. In Mejico war ausserdem Vicente Cervantes Vorsteher eines botanischen Gartens geworden, der die besten Fortschritte machte; warum sollte Bogota ohne solche Anlage bleiben, die das Klima der Hochebene so sehr begünstigen Avürde? Die Universität von Mejico schien wegen ihrer natur- wissenschaftlichen Vorlesungen Ausserordentliches zu versprechen ; warum konnte nicht ein Gleiches in Bogota geschehen, wo so l)edeutpnde Anfänge vorhanden waren? Unter solchen Erwägungen hatte P]speleta, dem schon in Havana die mejicanischen Fortschritte l)ekainit geworden waren, gleich nach seiner Ernennung Mütis aufgefordert, zur Hauptstadt zu kommen, um dort über alle seine Beschäftigungen zu berichten und Vorschläge zu machen, wie dieselben am besten zu Ende gefördert werden könnten. Das Madrider Ministerium ertheilte den bestimmten Auftrag, Mütis und seine Angestellten zur Vollendung ihrer Arbeiten anzutreiben, auch jede Fürsorge zu treffen, dass von den Sammlungen Nichts sich verliere, wenn ein Unglück einträte, wie die schwächliche Gesundheit, das Alter und das arbeitsame Leben von Mütis be- sorgen lasse. Auf die Idee einer ständigen Uebersiedelung ging Mütis natürlich ein, aber hinsichtlich der Zeit konnte er sich nicht entschliessen; er entschuldigte sein bisheriges Stillschweigen nur durch Hinweis auf die Zukunft. In Madrid erfuhr man mit Genugthuung den vielversprechen- den Zustand der Flora von Bogota.*^) Man hoffte bald auch Früchte der Ar])eiten und der Talente des gelehrten Botanikers zu sehen; je fester die Zuversicht begründet sei, dass Mütis in vollkommenster Weise seinen Auftrag erfüllt habe, desto lel)hafter wurden die Wünsche für die Veröffentlichung des Werkes rege. — 75 — So rüstete luaii eiHllicli in .Mari(|iiit.'i zum Uinzii<^e. Miitis scliliig am '27. Octolici- 17SH vor, dass ilmi, um (ler Flora die crwüufjclite Vollciuluiiji' 7A\ gelten, ein JuiiLicr l*()|)a:en Miitis, auch nocli Juan IJautista Acpiiai' l)ei, den bisherigen I^rivatgehiiU'eii il^:^ Directors, so dass dieser von einem nicht geringen Stal» angeblicher (Jehdirten be- gleitet Avurde, als er in der Hauptstadt des Königreiches Neu- Granada seinen ständigen Wohnsitz nahm. 6. Das botanische Haus von Bogota. Dachte Miitis Ende 1791 bei seinem Einziige in Bogota an die erste Ankunft zuiäick, so musste er erkennen, dass in den letzten dreissig Jahren gar Vieles sich geändert hal)e. Die einsame vicekönigliche Residenz war nicht mehr todt; iil)erall regte es sich, wenn auch nicht immer in frisch wirkender Kraft, doch in Wollen und Denken. Während der aus Peru kommende neue Erzl)isc]iof Baltazar Jaime Martinez CompaSon, obwohl in Europa als lilicrnl bezeichnet, den alten, jedem Fortschritt feindlichen Ideen sicli hingal), ging Espeleta auf alles Neue, was ])olitisch ungefährlich zu sein schien, l)ereitwillig ein. Da wurde die Er- richtung einer grossen Haudels-Gesellschaft geplant, welche unter Regierungsschutz P]infuhr und Ausfuhr des ganzen Landes über- nehmen sollte; das Geschäftsiel )en der Stadt Ijeruhte zum Theil auf der Verfeinerung des äusseren Lebens; es zeigte sich sogar selltst europäischer Luxus französischen Stils. Die jungen Leute bildeten sogenannte Casinos, Vereine, in denen lel)haft discutirt, ja im Geheimen auch politisirt wurde; kiirzlich hatten zwei Quitenser, Eujenio Espejo und Juan Pio Montüfar, öffentlich dafür gewirkt, dass eine den Fortschritt anstre])ende Genosseu- schaft unter dem Namen „Schule der Eintracht" üljer das ganze Land sich ausdehne. Ein viceköniglicher Secretär, jener Manuel Socorro Rodriguez, war Vorsteher der Bogotäer ßildiothek ge- worden und gab seit Anfang des Jahres eine Zeitung heraus, welche über Literatur und Philosophie berichtete. Geographische Arbeiten*^) waren begonnen worden; der Ligenieur-Offizier Carlos Cal)rer, der nach der Provinz Tunja geschickt wai-, fertigte Karten an; jener Esquiaqui, der seit dem Erdl)el)en von 1785 stark mit — 77 — liauarbciton licsclüirtifi;! war, v:'\u'j:. »Ifni (Jctlaiikcii nach, eine Geogi-aiiliie Neu-Oranadas lieraus/u<;-elien. her l>an eines Tlieaters war unlernoMiuien, mit tlem Seliiit/.e des Viceküni«i:s und Hotz des Widerspruchs der kiiche. Die natMr\vi.>;ew»'seu, so liätte Manches in dieser «i'eisliucn l>ew(\- ihn hdiliafl an- «resprochen , alh'in er war in der lieissen Zone an Ideen und an Ki-äften alt «rewoi-den. Ksiiuiaqui richtete l'ür ilni ein «icräumiges , an di'r llanjit- strasse lieh''emäcli- lich aufstellen: die Mineralien, Hölzer, aus'rössert; zu den vier Malei'u aus Quito, die schon in Mariiputa gearlieitet hatten, zu Matiz und Rizo, kamen in Bofi'ota noch acht l*ersonen hinzu, die auch aus Quito stammten; neben diesen standen noch die von Garcia heran- ü-ebi bieten neugranadinischeu Maler zur Verfiigung. Es wurde nun eine Zeichenschule errichtet, d(n'en Leiter Salvador Rizo wurde, schon seit drei Jahren als Rechnungsführer tler Expedition anerkannt. Die neue Anstalt stieg liald bis auf 32 Schüler, welche bereits Morgens um 4 l.'hi- sich einstellen mussten: eine selbst für das frühaufstehende Bogota liesondere Strenge. Um f) riir hörten die Zöglinge gemeinsam die Messe in den dicht beim botanischen Haus(? belegenen Kirchen der h(41igen Glara und (Jertrude, in denen Mütis nunmehr seinen jtriesterlichen Yov- richtungen ol)lag; dann frühstückten sie und begannen um ü Uhr die Arbeit; sie ei-hielten in dem Unterrichtsraum nicht iiui- alles zum Zeichnen und Malen Nöthig(;, sondern auch Kost. Zu diesen Schülei'u gehörten l)ald die Söhne der angesehensten Familien, wie z. I>. zwei Lozanos und dHlhuyars Sohn .Ios(' Luciano. J>ui'ch die Arbeiten einer solduMi Schule empliiig ilie Flora Bogotana reichenZuwachs an Bildern; diese wurden aber auch immer luxuriöser uiul minutiöser. Einen grossen Theil seiner Einnahmen vei-wen(h'te Miitis auf die A'ergrö.sserung s«'iner Bibliothek. Da — 78 — er jetzt die Ordnung und Ausarlieitung seiner Sammlungen, die Bescbreil)ung und Bestimmung seiner Schätze systematisch vor- nehmen sollte, Hess er grosse Mengen literarischer Materialien aus Europa kommen und schuf so eine ansehnliche naturwissen- schaftliche Fundquelle: ein Wunder in den gesammten Anden Südamerikas. Mit Stolz zeigte (m- in seinem Bücherschatz das neue grosse Flora-Werk von Antonio Jos(^ Cavanilles,^") dessen Pflanzen! »ilder er durch die seinigen noch zu überljieten gedachte; der erste Folioband dieser Compilation des hochgeschätzten Madrider Hofbotanikus verkündete sofort auf den ersten Seiten den Ruhm von Sintis. Wissenschaftliche Schüler hatte dieser, trotz Escallon und Ruiz, nicht herangebildet; die Arbeitsgenossen, die in Bogota zu treffen waren, standen meist sehr viel tiefer als er. Der älteste unter den drei Brüdern, welche, aus Quito gekommen, seit 1787 l)ei Mütis l)esehäftigt waren, Antonio Cortes, versprach eine tüch- tige Kraft zu werden; er erschien in Bogota wie eine ganz aussergewöhnlich l^egabte Natur. Schon von Mariquita aus zeit- weilig l)eurlauljt, hatte er im Unterrichte von Joaquin Comacho die üblichen Rechtsstudien durchgemacht; bereits im Juli 1791 war er als ein Musterzögling von der Regierungspresse gepriesen worden; wie er ein Jahr später gar einen Vortrag über den göttlichen Ursprung der Königswürde und über ihre Unabhängig- keit von der Kirche hielt, richtete sich auf ihn die Aufmerksam- keit des vicekönigiichen Hofes. Als die Krone daheim, im spanischen Granada, eine „Akademie edler Amerikaner" stiftete, um durch heimische Liberalität in den Colonien den drohenden Fortschritten der Freigeisterei möglichst vorzubeugen, war es Antonio Cortes, der in Bogota zum Mitglied dieser Genossen- schaft vorgeschlagen wurde; der junge Mann war zweifelsohne zu grossen Würden ausersehen und musste, um sich weiter auszu- bilden, durchaus nach Spanien reisen, so dass Mütis schon 1794 seine Hülfe verlor. Ebenso wenig wie dieser hoffnungsvolle Jüngling war sein Genosse ein Bogotiier. Jener Zea war freilich schon 1788, erst achtzehn Jahre alt, von Popayan nach Bogota gekommen; er hatte aber noch immer etwas. Fremdes liehalten. Sein rastlos flüchtiger Geist war den verschiedensten Bestrebungen gefolgt; die Nachrichten ülter die revolutionären Vorgänge in Frankreich, so spät sie auch in die Gebirge von Südamerika — 79 — gelaujjtcii, hatten aufs Lei »haftest« die Gemüther (1(M' dortigen Juy-eiul errey-t und naiuentlich die Leidenseliaften \rurii Studenten, d«M- ein eifi-iger Casinogänger war. Zea hatte 17iK) unter dem Titel „Heliophylos oder •Jugendfreund*' eine originelle Arheit (hucken lassen, in welcher er für dieselben l'rincipien und gegen dieselben F(nnde stritt wie Mütis in jüngeren Jahren. Diese Schrift verfocht ilen Unterricht in den Naturwissenschaften und befehdetem den alten Scholasticisnius, der ganz unausrottliar zu sein schien, sie ])redigt«i ein kräftig(\-^ (Jelehilen-Studiuni und verfolgte nutzlose, entnervende Katheder-Weisheit. y,I)ieses Königreich, trotz seiner Ungeheuern Ausdehnung von nur anderthalb Millionen jammervoller Menschen liewohnt, ohne Ackerbau und Handel, ohne Wissenschaft und Kunst — seines Elends ungeachtet ist es der Liebling der Natur. Sie zeigt sich hier in voller Herrlichkeit; hier gründete sie ihren Garten, ihr Prachtgemach, hier olVenbart sie selbst den gleich- gültigen und wenig sinnigen Augen das Schausinel ihrer AVunder. Könnte ich doch mit euch unsere fruchtfjaren (icbiete durch- wandern, euch überall die schönen Erzeugnisse der Erd(> zeigen, ihre schwellenden Reichthümer, so viele Vollkonnnenheiten, die nachdenkende Betrachtung verdienen. Eure AValdungen voll von aromatischen und meilicinalen l*flanzen, bei jedem Schritt Bal- same, Safte, ausgezeichnete Oele und Harze. Während der stolze Schulgelehrte ausschweifenden Phantasien sich hingielit, öftnet bei uns vi(dhncht irgend eine ununteri-ichtete Hand der schlafenden Industrie den Weg, erforscht ein Ungebildeter die Natur auf seine Art. ]5eide erreichen ihr Ziel nicht. Schon d'w Thierwelt allein könnte für viele Jahre unsere künftigen Naturforscher be- schäftigen und eine segeusvolle Quelle von Reichthümern werden, sobald Avir nur unsere wahren Interessen erkennen wollten. Im Mineralreich besitzen wir einige späi-liche Kenntnisse, aber sie gingen nicht aus Schulen hervor, sind vielmehr das Werk der piaktischen Arbeit roher und ungelehrter Hände; würde doch der fähigste einheimische Bergmann kein einziges Wort, ül)er das man in Sclnveden und in Deutschland längst einig ist, richtig zu treffen vermögen. Wir Ijesitzen Marmor und Diamanten, Blei, Gold, das edelste der Metalle, unil die noch ungel)ändigte Piatina. Wie; anders wäre das Loos luiserer Heimath, wenn ihr von unseren Vät(n-n ein Studium zugewendet wäre! Wir hätten Idühenden Landbau und die Gewerbe lägen nicht in den Windeln." — 80 — Nicht 1)1()88 die Naturwissenschaft fesselte diesen schwärme- rischen Geist, auch durch die Geschichte wollte er sein Ziel erreichen; er begann damals „Al)handlunjj;-en zui- Geschichte des neuen Königreiclis Granada". „Es ist nicht wahr", sagt er in der Vorrede, „dass unser siklamerikanischer lioden es ist, der die Menschen hat vei-derben lassen; ejnst wird kommen der Tag, da die Wissenschaften bei uns Wolmung machen: ein Tag, der hell hineinsclKMut in die Neliel, dass sie weichen vor dem Lichte dei- l'hilosopliie. Seit dreissig Jahren ist die Erkenntniss uns ge- naht; Bogota wäre die erste Stadt unseres Amerikas, wenn wir ihre Lehren benutzt hätten. Damit man die A^ergangenheit kenne, wenn eine neue Zeit kommt, die vielleicht nicht mehr um ein Jahi-hundert fern liegt, habe ich diese Al)handlungen geschrieben. Unsere Enk(d, Avissbegieriger als wir, werden Alles erfahi-en wollen, was früher war; es werden unsere Ansichten, die richtigen wi(^ die falschen, dazu Ijeitragen, sie verständig und kundig zu machen. Wie werden sie staunen, wenn sie Männer sehen, die noch nach einem Jahrhundei't hätten wirken können. Dank]»ar deni Vater unserer Literatur, dem ersten Philosophen, der unser Land lietrat, werden sie für Jose Celestino Alütis Denkmale er- richten und, den Lorbeer der Grabstätte mit Thränen netzend, das Loos der grossen Männer beklagen, die erst erkannt werden, wenn sie aufgehört haben zu sein." Für solche Huldigungen der Jugend war Miitis nicht unem- })fänglich; er suchte Zea in jeder Hinsicht zu fördern und bestimmte ihn liesonders zur Erweiterung seines Lie))lingsstudiums, So sandte er ihn schon im Jahre 1792 nach dem sonnio-en Thale von Fusagasuga', um die dortigen Chinchonen zu sammeln und zu untersuchen; er sah den jungen Freund während fast zweier Jahre gern l^ei so einsamer Beschäftigung ausserhall) Bogotas, da er ihn in der freien Natur vor manchen immer deutlicher auftreten- den hauptstädtischen Gefahren bewahrt glaubte. Wegen körperlicher Leiden wurde Miitis in Bogota wenig umgänglich; er war in dem Hof kreise und in der Geistlichkeit fremd geworden; von den in ihrem Einfluss imm(ir mehr wach- senden städtischen Familien kannte er nur wenige, nicht die Camachos, Torres, Gutierrez, Herreras, Caicedos, Rodriguez, uud wie diese A"orn(>hmen des heimischiui Bürgerstandes sonst hiessen. — 81 — Zu der Al>,n('sclilosr<(Mih<'it, in welcher Miitis lebte, kam iiuch eine Verstinnuuiig- ganz besonderer Art. Er mnsste sieh ent- schliessen, mit seinen Kinarinden-Studieii an die OelVcnlliehkeit /M treten; Sebastian Lopez, der seit 17!t'i wieder in Si)anien war. hatte abermals Erfolg; von des Königs ^rajestiil war er liuld- reiehst empfangen; der Stern dieses Gegneis befand sich zweifel- los in stetigem Steigern. Es Hess sich voi-aussehen, dass nrur Angriffe erfolgen wiirden: am 17. Febi-uar 17iK-5 (>rging in der That (h^i- Hefehl. Lopez im Hogotaer Finanzde])artement anzu- stellen, und am 18. August 17!>4 foi'derte die Krone sou'ai" ue- nauen ßericht iiber die Lopez'schen A'erdienste. Dazu kam, dass auch die Oelehi-ten der für Peru entsandten botanischen Expe- ilition, mit denen Mütis während ihrei- Anwesenheit in Ameiika brieflich verkehrt hatte, nach Madrid zuiückgekeliii waren und trotz der grossen Verluste, die ihre Samndungen lieim Seetrans- port erlitten hatten, mit der Herausgalie ihrer Arbeiten rasche Fortschritte machten; schrieb doch llipolito Ruiz eifrigst an Abhandlungen iil»er die Kina-Rinde.-''') Freilich wollte Miitis ITir sein grosses Werk derartige Arl>eiten benutzen; allein bevor sie da waren, musste er von Bogota aus ein Lel»enszeichen senden, auf das er später hinweisen konnte. So entscliloss er sich, seine letzte Mariquita-Arbeit, die ursprünglich nur für handschriftliche Mittheilung bestimmt gewesen war, drucken zu lassen. Der Redacteur der Bogotäer Zeitung, Manuel de Socorro Rodriguez, sagt in der Nummer vom 1(1. ^lai 17'.t.'>; „Welche Lobeserhebungen man auch machen wollte, die vorliegende kost- bare Schrift von Mütis zu empfehlen, sie wären müssig, denn das Verdienst ilieses Werkes und der Ruhm seines Verfassers be- dürfen keiner Befürwortung. Wir können die Freude nicht bezeichnen, mit der wir dies der Menschheit so nützliche Studium ans Licht befördei-n." Die Arbeit trägt di(; schon in ]\rari(juita beli(;l)te Ueberschrift: „Das Geheinmiss der Kina" luit dem Zu- sätze: „entschhdert zum Segen der Menschheit; eine Aldiandlung, welche den medicinischen Theil der Qninologia Bogotana enthält und die Irrthümer darlegt, die in der ärztlichen Anwendung un- verschuldeter Weise begangen sind, weil die vier oflicinalen Ai-tcui der fraglichen IMlanzengattung nicht Itekaniit waren, weder ihre inneren Eigenschaften noch ihre richtige iJehandliing'* u. s. w. Der erste Theil dieser Arbeit redete „von den Irrthümern. die Seil u iiiacluT, SlMaiiiiTik. StuiUcn /• — 8^ — unvermeidlich waren, so lauge mau die Species nicht kannte oder verwechselte". „Bis vor Kurzem wusste man in Europa nichts Genaues iil)er die Art, welche die Botaniker seit dem unsterblichen Linne die Chinchona ofticinalis, Aerzte, Ai)otheker und Kaufleute Kina oder Cascarilla lu'nnen. Siebzehn lange Jahre habe ich mich der Entdeckung der sieljen Kina-Arten und der Ergriindung ihrer zvveckmässigsten Anwendung gcAvidmet." !^^ütis geht nun gar um dreissig Jahi-e zuriick; er S})richt von seinem Zusammentreilen mit Hantistevau, dann von den immer erneuten Anfragen Linnes, von dem Plan, ein königliches Kina-Monopol einzurichten, von den falschen Handelsai-ten und von den Irrthü- uuMii euro})äischer Gelehrten. „Da sich iniu eine Gelegenheit darbietet, vor der Zeit die besonderen Entdeckungen mitzutheilen, zu deucu mein Studium mich geführt hat, so werde ich dai'legen, was ich während meines langen hiesigen Aufenthaltes gesammelt halje; die wirklichen Specieu und Varietäten werde ich von anderen nahestehenden, ebenfalls neuen Arten unterscheiden und als Arzt die medicinischen von anderen, weniger tauglichen, wenn auch echten Arten trennen. Nie ist mit einem Handelsartikel tumultuarischer verfahren! Gelehrte und Händler glaubten, es gäbe nur Eine Kina-Art; was die unverständigen Rindensammler aus Amerika einsendeten, galt als echte, wii'kliche Kina. Früher kannten die Indianer diese ganz genau; als sie seltener und seltener wurde, nahm man, meist gutgläuljig, andere Sorten und bald kam es dahin, dass Niemand mehr die ursi)rüngliche Art kannte, weder in Euroi)a noch in Amerika. Als de la Condamine iu Loja war, bestand schon eine derartige A^erwirrung; er folgte den Erzählungen eines alten Eiudensammlers und vergrösserte die Verwirrung. Santistevan fand 1752 eine Rinde vor, die ihm die beste zu sein schien, aber nichts war als die gelbe; heim- kehrend von Loja, fand er l)ei Popayan die rothe, den Palo de Requeson, und diese Sorte l)rach sich in wunderbarer Weise Bahn seit dem Jahre 1780. Da man die vier medicinischen Specieu ebenso wenig kannte wie die drei Specien, welche bei der gewöhnlichen Anwendung in der Medicin weniger Wirkung besitzen, so konnte Niemand den Unterschied in den P]igenschaften erforschen. Man schrieb die grössere oder geringere Wirkung nui- der Güte der Rinde l)ei, ohne zu erkennen, worin diese Güte eigtMillicli IxM'uhc; man glaublc, ilass die einzig pxistir(Mule Kina, — m — woiin si(^ mir von l»(>stt'r Sortc! sei, <2^oei d<'n hiesigen Sannnlern hei-rschte die Ansicht, sie wiii'den driihen als Färbeuuttel benutzt." Im zweiten Theil handelte Miitis „von den wesentlichen A^or- theilen lieiin (Jelirancli der Kina, welche ans der rnterscheidunu; der SjKH'ies heivorgehen . sowie aus der Kenntniss ihi'er innei-en l'> igen seh alten inid aus ihrei- neuen Bereitung. " Ohne eine bota- nische Heschreiltung zu gehen, setzt Miitis die Charaktere seiner vier medicinischen Arten auseinander: der orangefarbenen, der rotheu. dei" gelben und (h'r weissen; er giebt nach dieser Be- 8chreil)ung dei- \ ici- Medicinalarten eine Tabelle eigenthümlicher Art. die ei- als ^Uebersicht der Namen und Eigenscharten der vier ol'licinalen Kina-ArtiMi" l)ezeichnet. Diese Averden lateinisch nach den Blättern benannt, die nichtoi'ticinalen nach den Blüthen. Dann vertlieidigt die Schrift fast gereizt und hartnäckig solche Classification unter Beriicksichtigung von zahlreichen älteren europäischen Schi-iften. „(Gegenüber der dreisten Anmaassung, mit der ein alienteuernder Professor unsere Bescheidenheit und unsei- Stillschweigen benutzt hat, um den Ruhm der ersten Ent- deckung der Kina des Königreiches vom ,Iahre 1770 her sich zuzusehreiben, halten wir uns die Original-Entdeckung vorzu- behalten und diesen Protest so lange fortzusetzen, bis die Quino- logia Bogotana V(dlendet ist, deren prächtige Tafeln ihren Ab- schluss noch nicht finden konnten wegen Abspannung dei- Kräfte und Erschütterung der Gesundheit." Der dritte Theil der vobi- miuösen Schrift nennt sich: „Niitzliche Fi'agmente aus der (ie- si-hichte der neueren Anwendung der Kina" und beschäftigt sich mit den ^^ethoden der Benutzung der FielieniiKh', den verschie- ilenen Krankheiten, gegen die sie gebraucht worden, und nüt verwandten Fragen. „A'^icdeu wird es Bedauein, Anderen in kommender Zeit Lächeln vei'ursachen, wenn die Geschichte unseres liandelsartik«ds gesehrieben ist. Die ausgezeichnete rothe Rinde ist durch den letzten königlichen Befeid zur Gerberei verdammt (»der zum N'erbrennen — bloss weil man ihre iMgenschaften nicjit kennt. Wären die Auseinamlei'setzungen dieser Abhandlung i'ccht- zeitig geknnnnen. nui den \'erlusl dei- in Cadix und liier für Ü* ^ 84 -- köuigliche Recliiumg lagernden Partien zu vermeiden, so waren dem Verfasser die widerfahrenen Anfeindungen minder schmerz- haft gewesen; die unentschuUlliare Achtlosigkeit der jüngst mit einer neuen Untersuchung der Rothrinde beauftragien Gehihrten war die nothwendige Folge der bereits herrschenden Vorurtheile und der vollständigen Ignoranz." Gekränkt erinnert Miitis so an seine Idee, Kinamonopol- Director zu werden; er kämpfte für seine rothe Rinde sowie für die l)eiden anderen „indirect fieljervertreiljenden" Sorten, redet über deren angebliche Handelseigenthümlichkeiten und wieder- holt die verschiedenen medicinischen Anwendungen für eine Reihe von Krankheiten ins Endlose. Immer mehr verliert die so schwer zu Tage geförderte Abhandlung Ruhe und Klarheit; immer mehr wird sie zu einer kleinlichen medicinischen Streitschrift. Für den Nichteingeweihten mochte es deshall) als ganz natürlich er- scheinen, dass Socorro Rodriguez am 14. Januar 1794 seinen Lesern erklärte, er könne die Miitis'sche Abhandlung nicht weiter drucken lassen, ein patriotischer Freund werde sie wohl in einer besonderen Ausgaljc veröffentlichen; deshalb reiche er von nun an Gegenstände allgemeineren Interesses dar. Somit wurde selbst der medicinische Theil des „Geheimniss der Kina" betitelten Werkes noch nicht vollständig veröfientlicht. Miitis maass dem Zeitungsal^druck wenig mehr Bedeutung bei als die einer Rechtfertigung beim Publikum; er wollte mit dieser Schrift nicht gegen Hipolito Ruiz in die Schranken treten, dessen Quinologie vom Jahre 1792 gleich zu Anfang seiner in freund- lichster Weise gedachte. Trotz zunehmender Kränklichkeit verfolgte Miitis immer noch den Gedanken an eine neue Systematisirung der gesammten Pflanzenwelt. Einst der bescheidene Gehülfe von Linne, ar])eitete er, seine Kräfte vollständig überschätzend, hartnäckig daran, jene neue Classification zu schafien, die nach dem Linne'schen Vor- bilde „Genera plantarum" heissen sollte. Mehr und mehr ver- schwanden für ihn wieder die praktischen Gesichtspunkte, die Cal)allero's Zudringlichkeit ihm aufgenöthigt hatte; er wurde in seinem Wesen immer verschlossener, zumal Familiensorgen ihn (.Irückten. Nach dem 1792 erfolgten Tode seines Bruders hatte Mütis der Erziehung seiner Nefien und Nichten sich anzunehmen. — 85 — .Maiuu'l Miitis liattr in Bucaraiiiaiifia drei Söliiic und vici- 'J'öclilt'r hinterlassen. Die Nichten kainattirt werden. Da hatte natürlich das einzige amtliche Organ von anderen Dingen zu reden als von Kina-Rinde und Gelehrten-Streit; solche Artikel entsprachen alter wenig den Ideen der Jugend, diese dachte und fühlte ganz anders als der vicekönigiiche Hof. Antonio Nariiio,^^) ein Beamter des Finanzdepartements, gehörte zu den Casino-Kreisen und besass eine Druckei-presse; er schickte sich nun an, systematisch und regelmässig die Casino- Ansichten im Volke zu verbreiten; geistige Aufrührerei war oflFen- bar vorhanden und die jungen INfitglieder des botanischen Hauses waren nicht die einzigen Revolutionäre; es geschah das Unge- — 87 — heiit'rlii'ho, da.ss am Sitze (miu\s Vicekönifrs von SaiitaIV' die Pariser Meusclienrechte von ITS'.i vtM'öftontlii'lit wiinlcn, während ihre Vorfrän^ror, die Griuuh-echte der Nordaiueiikaner \()nl776, glück- lich lern gehalten waren. Trotz aller Ueberwachung der Seehälen hatte die^^ Gift meinen Weg in die stillen siidanierikanischen Wal- dungen gefunden: man nannle .Miguel Calml in l'ogayan als den I'iinsehwärzer des französisehen Original-Textes; nun war dieser verdohnetselit , die Uebersetzung von Nariüo gedruckt und ohne obrigkeitliche Ki-laubniss in den Händen Vielei-, ja sie erschien, um alles >[aass /.u ii bertreffen, bloss als einzelner Abschnitt aus einer „Geschichte der constituirenden Versammlung Frankreichs", nur als Bruchstiick aus einem dritten Bande eines offenbar revo- lutionären Werkes. Derartige Greuel gegen die Legitimität will und darf Espeleta nicht dulden; es 1)eginnt also der Hochver- rathsprocess gegen die Genossen des freigeisterischen Kreises; in die am "20. August 1704 eingeleitete Criminal-Untersuchung ist bald der gesammte literarische Cirkel, ja ganz Jung-Bogota' ver- wickelt; die Polizei wittert Volkserhebung, Verschwörung, ge- waltthätige Anschläge; Narino schreil)t aus dem Gefängniss der hauptstädtischen Cavallerie-Caserne: „Enrique de Umaüa hat erklärt, er habe mich nennen hören als Einen, der an dem ge- planten Aufstande Theil nehmen werde; drei Viertel der Stadt sollen zu diesem Attentate bereit gewesen sein, wie Sinforoso Miitis vernommen halben will: Josd Äfaiia Lozaiio soll mit mir im Bündniss sein; man forscht nach meinen Beziehungen zu Miguel Calial — Alles ist Erfindung." Nel)en Narino, dem Bo- gota'er, erschien als einer der ersten Anzettler der neuen })oli- tischen Umtriebe Louis de Rieux; auf ihn, den Franzosen, con- centrirte sich der Zorn der Regierenden; er ward in Honda verhaftet und, gefesselt wie ein gemeiner A'erbrecher, nach Car- tajena gebiacht, um dort processirt zu werden. Nariiio wui-de in Bogota zu Gefängniss und Verbannung verurtheilt und nach Cadix geschafft; sein Loos theilten viele Andere, namentlich Jose Maria Cabal, Francisco Zea und Sinforoso ^hltis. So räumte Espelata 1705 energisch mit der Freigeisterei auf, welche für eine Colonie durchaus nicht passend zu sein schien, und führte damit gegen die besten Elemente seiner Han])t- stadt einen entscheidenden Schlag; das altgewordene Mutterland verstand gar nicht mehr das Aufstreben der jüngeren Elemente. — 88 — Schwerer noch als die Deportation einzehier Aufriihrei" wog es, dass der weltliche Arm nunmehr dem Dränucu der Kirche nach- g-a1i, indem Compaüon dem Vicekönig klar zn machen wusste, dass hauptsächlich der seit der Vertreibung der Jesuiten ein- geführte neue Unterricht an so revolutionären Ideen schuld sei: das unerhörte Studium der physikalischen Wissenschaften, die oflene Verkiindigung des Copernicanischen Systems und Aehnliches. Companon sprach aufs Neue das kirchliche Verdammungsurtheil ül»er dieses Unwesen aus und der Yicekönig verbot wirklich die „neue Philosophie". Das Martyrium der jungen Leute, die nach Europa gebracht wurden, war, abgesehen von de Rieux undNariüo, ziemlich billig. Dem alten Miitis ging sogar das Schicksal seines Neffen nicht sonderlich nahe; so schi'ieb er z. B. am 11. Februar 1795 der lietrübten Mutter: „Ich mache mu- keine Gedanken über das traurige Loos eines Undankbaren; zu Deiner Beruhigung kann ich sagen, dass kein derartiger Aufstand existirt hat, Avie die Richter zuerst nach der Aussage eines schlechten und falschen Angel^ers glaubten; die Gefangenen Ijezahlen theuer einige unbe- dachte Schwätzereien, welche am Ende doch nur als Thorheiten betrachtet werden können. Herrn Dr. Yalenzuela meine Hoch- achtung und dass ich die Gefangennahme seines Bruders Crisanto el)enso liedauere wie die meines Neffen, ich könnte fast sagen noch mehr, da ich die Tüchtigkeit des jungen Mannes kenne, den ich meinen Freunden gern empfohlen ha])e." Nicht bloss ül)er Crisanto Yalenzuela urtheilte Mütis _ so milde, auch ül)er Francesco Zea, seinen hoffnungsvollen Jünger; er liehandelte ihn hinfort nui* als einen abwesenden Genossen des l)otanischen Hauses, der zu irgend einer günstigen Stunde aus Europa heimkehren werde; deshal)) ernannte er auch für ihn keinen Nachfolger. Selbst der weiseste und energischste Mann hätte dem Yoran- schreiten neuer politischer und socialer Anschauungen, Avie sie der Blick auf Frankreich in den spanischen Colonien hervorrief, Stillstand nicht gebieten können. Rechtzeitiges Einlenken ver- sprach wohl Aussicht auf momentanen Erfolg, vorsichtige Yer- mittelung der Kirche konnte manchem Unheil vorbeugen, die Yorl)edingung Itestand aber darin, dass die höchsten Beamten selber an die Spitze der noch leitsamen Bewegung sich stellten, — 89 — welche leicht aus dem glänzeiRlen Yorbilde der VercM'iiigten Staaten, die kiirzlich vom Muttei-laiidc als selliststäiidigc Nation anerkannt waren, getalirliche Kraft schöijrcu konnte Fi'ii- eine solclic Icilrndc Aufgabe eignete steh weih'r der riickhaltslose I^spclcta noch der besoi'gte Pedro Mendinueta,^^) der am '2. djiiiuar 17*.l7 die Regie- rung ül»(M-nahm. denn dieser j)ersönlich wohlwidh-ndc Mann war als Spanier alten Stils auf joden Zoll seiiuM- Wiirdc cifei-süchtig und kannte nichts Schrecklicheres als die Entwicke, da ieli seine fj;e,snn(len Anlajicn /iir IMiillie kenne, da ii-li die Ursache seines DarniedtMlie^ens s(»he, so schlaj^o ich mit iriiten Absichten die Mittel vor. das Uehel an dei- Wniz«d zu tödten. Zu solchem Zweck lialti' ich es iTii- notiii^-, dass zu Vicekönii-uch der Colonialmacht anzurufen, das Vicekönigreich in eine Rejtublik zu verwandeln, ein vollständig neues jtolitisches und wirthschaftliches Wesen zu beginnen. Viel gemässigter benahm sich Nariüo, der am 17. November 1707 eine grosse Denkschrift über Reform der neugranadinischen Staatsverwaltung an Mendinueta von Pai-is aus einschickte, wo er in dem General Napole'on Bonaparte, dem Eroberer Italiens, ein Ideal gefunden hatte. Der für die zukunftsreiche Fortentwicke- lung des arbeitenden Amerikas verständnisslose Mann, dov nur nach französischen Mustern geschulte Revolutionär vertheidigtci in Jener Schrift die Ilanptgrundlagen der alten Colonial-Wirth- schaft, namentlich den Monopol-Handel der Kione. „Betrachten — 92 — AS'ir ein Beispiel", sagte Narino; „die Kina von Bogota Avar noch vor ungerahi" zwanzig Jahren unhekannt, bis Miitis, dessen An- denken die Nachwelt mit Freude und BeA\iinderung erfüllen wird, sie dem Chaos entriss; als die königliche Ausnutzung begann, wurde die Kenntniss ihrer Vorzüge überall verbreitet für den Preis, den die Krone von den Privaten nahm; die Kina von Bogota 1>egann ein grosser Quell des Reichthums zu werden. Nehmen wir an, dass die königliche Niederlage fortgesetzt worden sei, so hätte sie nicht nur ihre Kosten l)ezahlt, sie wäre in Kurzem sehr fruchtlningend geworden. Wir wollen in unseren reichen Besitzungen leider keine Geduld haben und keine Wirthschaftlichkeit lernen; so hat die Kina, die wir nach Cadix sandten, das Schicksal erfahren, Avelches alle Dinge in ihren Anfängen hal)en: ungenügendes A^erständniss und falsche Behand- lung. Selbst Mütis vermochte nicht an einem Tage aus Wilden intelligente Menschen zu schaffen." Emjifahl Narifio von Paris aus für die wirthschaftliche Hel)ung seines Landes die Regierungsweisheit bis zum Monopol, so rieth dagegen der schwergeprüfte d'Elhuyar von Santana aus zum Gegentheil. Die Amalgamations -Vorrichtungen schienen zu kost- spielig zu sein, da sie höchstens die Ausgal:)en deckten, aber noch immer Nichts einbrachten; deshall) war von ihm, Ijald nachdem Mütis das Magdalena-Thal verlassen hatte, eine auf Rechnung der Krone vorzunehmende Neger-Einfuhr ]>efürwortet worden. Als diese Idee nicht gel)illigt wurde, vertheidigte d'Elhuyar voll- ständige Freige])ung des Bergliaues, Aufhebung des Goldfünften und jeglicher Staatseinwirkung; er l)ehauptete, das Actienwesen, das in Mejico nach des Bruders Briefen sich bewähre, sei auch in Neu-Granada einfühi-bar; alle Capitalien müsse man heran- ziehen, selbst die von Beamten und Priestern; für die reichste Production sei das Amalgamationswerk gross genug und das Volk werde mehr erreichen als der König. Am 26. Juni 1795 wiu'de die Bearbeitung der Silbergrul»en eingestellt; als einige Jahre später d'Elhuyar starb, stand Afütis, der in seinem l)otanischen Hause von dem neuen Treiben gar nicht berührt wurde, völlig vereinsamt da; er verkehrte fast ausschliesslich mit Salvador Rizo und mit seinem neuen Secretär Jos^ Maria Carl)onel. Ihn tröstete nur zweierlei: die persönliche Gunst des Vicekönigs und die Anerkennung in der Heimath. — 93 - Meiulinueta sclionkte den können. Die von mir vorgeschlagene Organisation will nicht nur neue Ar))eiten untei-nehmen, sondern auch die bisherigen vci'werthen. Die Botanik, durch die Chemie unterstützt, ist für ein von der Natur begünstigtes Land eine pi-aktische Wissen- schaft; sie lehrt ja die ()j-te bestimmen, avo gewisse Plianzen am besten gedeihen: dahin sollen die «icein-neten Samen mit (Jeliraiiciis- — 96 -^ anweisnngen gesandt werdon; sie findet neue Balsampflanzen, neue Gewürze, neue Rinden, Fasern, Früchte und "Wurzeln; die 15otanik soll dieselben dem Handel weisen. Sie achtet auf die Nutzhölzer, Nelken- und ZinuiKstbäume, auf Pfefier, Brotliaum, Zuckcii-olii-, auC die zur Essigbereitung- und Gewinnung von Arze- n«nen g(U'igneten Producte; sie soll den Anbau aller Culturpflanzen und anderer, wie Baumwolle und Taltak, fördern helfen und die Physiologie dieser GeAvächse l)esonders studiren. Alles, was die rein wissenschaftliche Seite betrift't, mag Sache des Directors ld(üben. Die Erfahrungen und Kenntnisse von Mütis lassen es als wünschenswerth erscheinen, dass er seine werthvollen Ge- danken iib(U' di(^ Helmng der Pflanzenkunde alischliesse und ganz d(M- Pliilosophie, seiner Wissenschaft, sich widme; um aber eine praktische Verwendung der Botanik zu ermöglichen, genügt nicht die Absendung von Samen und Proben nach Madi'id; es muss in der Nähe von Bogota ein eigener Landsitz vorhaiulen sein, etwa bei Lamesa oder l)ei Fusagasuga, wo die verschie- densten Klimate sich berühren: dort müsste stets einer der bis- herigen Botaniker, sei es Francisco Zea oder Sinforoso Mütis, seinen Aufenthalt nehmen, um Musteranliau zu lehren und die Cultivirung neuer Pflanzen auszuprobiren; in der Hauptstadt wär(^ ein botanischer Garten anzulegen, in dem der Director Unterricht ertheilen könnte; Entdeckungen im Gebiete des Pflanzen- reiches sollten vom Yicekönig mit Ehrenpreisen belohnt werden. Die Mitglieder des Instituts müssten, nöthigenfalls von eigenen Lehrern unterstützt, im Lande durch Unterricht die naturwissen- schaftlichen Kenntnisse nutzbar machen; eine Gesellschaft für Anbau und LTandel sollte sich bilden, deren Grundzüge Mütis im Einvernehmen mit dem Vicekönig zu entwerfen hätte. Die Ar- beiten des Listituts sollten nicht Idoss für wissenschaftliche Zwecke veröflentlicht werden, sondern auch, um im Lande an geeignete Personen von praktischer Tüchtigkeit zur Yertheilung zu gelangen. Für die Herausgabe der Flora müssten jetzt, nach- dem die Maler oder Zeichner fertig sind, die Graveure ihre Arbeit sofort beginnen, da die Tafeln sich niclit anhäufen dürfen, sonst kann das grosse Werk von Mütis, nach dem ganz Europa sich sehnt, nicht in zwanzig Jahren veröflentlicht werden, es sei denn mit grossen Unkosten; man muss füi- zwei bis vier Jahre sechs Graveurf» nacli IJogota senden, damit si<^ dort eine grössere A nzahl — 97 — junger Louto in ihrer Kunst unterweisen, denn Miitis kann liei seinem hohen Alter und scMuer Kränkliclikeit wegen der Heraus- gabe nicht nach Spanien kommen; unter seiner Leitung müssen aber die Graveur-Arbeiten für die Flora Bogotana vorgenommen werden." Für derartige Fortschritts-Projecte fand der Vicekönig bei den Strömungen der imnuM- mehr sich aufregenden Zeit keine ruhige Stätte; ^lendinueta wurde täglich argwöhnischer. Freilich kam er Nariüo, als dieser })lötzlicli in l>ogot;i wieder erschien, persönlich freundlich entgegen, aber er sorgte doch dafür, dass von Madrid aus die Gefangenhaltung des anscheinend sehr ge- rährlichen Mannes l)efühlen wurde. Die Gegensätze waren scharf genug, um alles Andere zu zerreiben, namentlich Pläne wissen- schaftlicher Art. Diese entsprachen auch nicht dem Zustande der Staatskasse; ebenso wenig harmonirten sie mit der Art und Weise des alten Mütis, Avelcher ganz zufrieden war, wcnin er, seinen eigenen Weg noch weiter gehend, bald Sinforoso wieder an seiner Seite hatte, der in Europa so schnell und erfreulich gebessert worden war. Die Leistungen des jetzt vierzig Jahre lang in Nen-Granada sich abmühenden S])aniers erschienen im Lande selbst mehr und mehr wie Lielilial)ereien ohne J^edentung, vorzüglich der jungen Generation. Mütis vertrat in den Augen fast aller Creolen eine Zeit, die sich fruchtlos ausgelel)t hatte und der Gegenwart ebenso fremd war wie er selber ihnen. Eines mächtigen Anstosses be- durfte es, um in alle die unausgeführten Vorsätze und in alle die unreifen Anfänge Fortgang zu In-ingen. Solch ein Anstoss kam bald durch Einen, der grösser war denn Linnt^. SehnniHfli IT, SUdiiiiifi-ik. Studien. 7. Besuch Alexander von Humboldts. Der Erzbischof-Yiceköuig von Santafe, der A'ertheidiger einer bis ins Einzelnste gebenden spanischen Allein-Herrscbaft in den Colonial-Eeichen, war nicht grundlos darüber aufgeregt gewesen, dass Ausländer von allerlei Zungen zu den Schätzen des tropischen Amerikas Zutritt erhalten sollten. Wenig mehr als ein Jahrzehnt war seit seinem Abschied von Cartajena verflossen, als solche Sorgen bereits gerechtfertigt zu sein schienen. Ueberall zeigten sich Leute fremder Nation. In mehreren Häfen Südamerikas hatte die frühere Al)geschlossenheit aufgehört und einem freieren Verkehre die Bahn offen gelassen; trotz aller Zurückhaltung war das Volk überall mit nichtspanischen Elementen in Verbindung getreten. In den Küstenplätzen waren ausländische Abenteurer angesammelt, namentlich in Cartajena viele Nordamerikaner, welche ein Insher ganz unl)ekamites Element in die spanische Weltanschauung trugen, einen neuen, al»er durchaus unsympa- thischen Geist des Aufruhi'S, Ein Ausländer nach dem andern ging ins Innere des Landes, so dass man selljst in kleineren Orten fremde, nicht einmal der spanischen Sprache kundige Menschen treffen konnte: offenbar Störer der landesüblichen Ruhe. Von Jamaica kamen Personen herüber, die als besonders gefähr- lich erschienen, da dort, ausser jenem A^'ärgas, noch manche andere Justizflüchtige sich aufhielten, mit denen es nicht geheuer war. Schon gab es in der doch so entlegenen Hauptstadt Ein- dringlinge unerfreulicher Art. Da hatte jener französische Leib- arzt die Hochverrätherei angestiftet und zudem fremde Leute als Helfershelfer gehabt: missvergnügte Schotten und böse Nord- amei-ikaner. Ein anderer Franzose, Jean l>a])tiste Leblond,^^) — 99 — hatte jenseits des Oceans Allerlei iil»er Xeu-Granada drucken lassen, als könne das Ausland Anlass oder Recht behaupten, in die Geheimnisse einer unter der sj)anischen Krone ruhiMiden amerikanischen Colonie neugiei'ige Blicke zu werfen. Die Zeiten waren schneller anders g-eworden, als der Be- gri'mder der botanischen Expedition für Neu-Granaila ahnte; daheim hatte sich nicht bloss ein inniges Verhältniss zu dem Norden Amerikas entwickelt, auch der Süih^n war aus seiner Ruhe erlöst worden: daheim t'iddte man sich in Amerika völlig sicher und geschlitzt, den C'olonien wurden Freiheiten gewährt, die es in Spanien nicht uab; man verlieh sogar Pässe an die wenigen Männer, welche das romanische Amerika bereisen wollten, selbst wenn sie nicht roiuanischer Herkunft waren. Im Mai 1799 erhielt zu Mailrid ein Deutscher solch eine Reise-Erlaubniss, ein Gelehrter von bereits euro}iäischem Ruf; er erlangte sogar ein ministerielles Reisei)ai)ier, da er sich verpflichtet hatte, den spa- nischen J>ehörden über seine Studien Bericht zu erstatten und den wissenschaftlichen Sammlungen iu ^ladrid Beiträge zu liefern; dasselbe Schriftstück nannte auch einen Franzosen als den Se- cretär und Begleiter des Passinhai lers, einen geschulten Botaniker. p]s waren Alexander von Humboldt und Aime Boni)land.^*') Sie verliessen am 5. Juni 1 799 Euroj^a, um eine Weltumsegelung zu unternehmen; bevor sie nach Neu-Granada kamen' hatten sie das Studium der amerikanischen Tro]>en in der General-Ca]>itanie Cara'cas viele Monate himUirch betrieben; sie hatte ausgedehnte Fahrten auf dem Orinoco gemacht, dann Cuba besucht und })lötzlich l)ei der Ueberfahrt nach dem Isthmus den Schifiscurs verloren, so dass sie nicht vor der Chagres-]3ucht, sondern im Darien-Golfe den Continent vor sich sahen. Von dort fuhren sie die Küste entlang nach Cartajena, fassten da auf Anrathen des gegen sie sehr gastfreundlichen Pombo den Entschluss, ihre Reise nach Guayaquil, wo sie nach den Philij)i)inen sich ein- schiffen wollten, nicht zur See, sondern über Land zu machen, und zwar auf dem Wege Bogota', Popayan und Quito. Fünfundvierzig langeTage dauerte dieFahrt auf dem einförmigen Magdalena-Strom, l»is Honda erreicht war. „Unsei-i^ Magdalena- Reise'', schreibt HumI)oldt, y, bildete eine schreckliche Tragötlie; von den zwanzig dunklen Ruderknechten Hessen wir acht auf dem Wege zurück, ebenso viel langten bleich und mit stinkenden 7* — 100 — Geschwüren liedeckt in ITonda an. Unsere Begleiter, Louis de Rieux und sein Sohn, lagen in Fiebern; desgleichen die Maitresse des Ersteren; desgleichen Mariano Montenegro und sein kleiner NeiTe Gregorito, ein Sohn des unglücklichen Nariüo; desgleichen Jose de la Cruz, unser seit der Landung zu Cumana erprobter Begleiter; desgleichen .... Welch glücklicher Zufall, dass meine Natur allen Fiebern so wunderbar widersteht. In den 272 Jahren, bei so vielen Reisen durch dichte Wälder, auf Sümpfen und Flüssen, unter den ansteckendsten Krankheiten: immer blieb ich vom Fieber frei." Auch ]>onpland war in Honda reisetüchtig; beide Gelehrte konnten von dort Ausflüge nach Mariquita und Santana unter- nehmen und am 22. Juni 1801 den Gelnrgsritt antreten. Schon auf der zweiten Station dieses Weges, schon in Guaduas, erkrankte Bonpland und lag acht Tage lang in dem Hause von Jose Acosta an ernsten Fiebern darnieder; dort musste Gregorio Narino der Krankheit wegen zurückgelassen werden. Erst am 6. Juli 1801 war die Bogotaer Hochel)ene erklettert. „Ist die letzte Höhe des Gebirges erstiegen, dann übersieht man alsl)ald eine weite Fläche, deren Ende das Auge kaum er- reicht. So sehr ich auch auf diese Naturscene vorbereitet war, erstaunte ich doch nicht wenig, in solcher Höhe eine meeres- ähnliche Ebene zu treffen. Vier Tage lang war ich in Hohl- wegen eingeschlossen gewesen, in denen kaum der Körper des Maulthieres Platz fand; mein Auge war an des Waldes Dickicht, an Allgründe und Felsklippen gewöhnt: plötzlich sehe ich nun fast grenzenlose Felder in leerer Fläche vor mir. Gerade hier, also in der Höhe der Pyi-enäen-Gipfel (Schneekoppe plus Brocken), in dieser luftdünnen Atmosphäre, haben die Conquistadoren eine Stadt angelegt! So freundlich auch den Europäer Weizenäcker anlächeln, dieser flache Boden eines alten al)gelaufenen Sees hat doch wegen der gänzlichen Baumlosigkeit und der Reinheit der Luft einen einförmigen, einen ernsten, ja traurigen Charakter." In der am Rande dieser Ebene, am Fusse ihrer Wasser- scheide sich befindenden Stadt lebte Mütis, auf dessen Bekannt- schaft die Fremden sehr gespainit waren. Er stand in dem Ruf eines mürrisch gewordenen und abgeschlossen lebenden Gelehrten, deshalb entwickelte Humboldt, ihn zu behandeln, ein wenig Diplomatie. „Schon von Turbaco aus schrieb ich au Mütis und — 101 — sagte ihm in oinciu sehr kiinstlich(Mi Uriefc, dass nur diu jotzt zehnjälin<>:e Bogiorde, ihn zu sehen und seine Werke zu bewun- dern, niieli veranlasst hal)e, den Landweg naeh (}uaya(|uil der unendlich kiirzeren Reise über Panama' vorzuziehen. Als Ant- wort erhielten wir in Honda sehr artige Schreil)en, in denen Miitis meldete, dass er uns gutes Quartier bereitet habe und alle seine Schätze gern zeigen wolle. ^^) Die Miitis dargel »rächte Huldigung wiederholte ich in einem Hriele an den A'icekönig und verfehlte meinen Zweck nicht. Für den einsam lel)enden Gelehrten war es viel, dass seine MitV)ürger einen Menschen aus dem fernen europäischen Norden kommen sahen, um ilin zu Ije- suchen: ihn, ilen ein grosser Theil des BogotJier Pulilicums mit aftectirter Gleichgültigkeit behandelte; wurde er doch in Nare zur Freude von Rieux todt gesagt. Wir hatten die Silljerminen von Mariquitä und Santana, die ehemaligen Wohnsitze von Mütis, besichtigt; dort ist er reich geworden, dort starl> der arme d'Elhuvar; solch ein Besuch gal) wieder Gelegenheit, gefällige Briefe zu schreiben. Sodann kündigte ich ihm manche Pflanzen- arten von Schreber oder Swartz an, welche wir im Magdaleua- Thale gesehen hatten und er, wie ich berechnen konnte, kaum dem Namen nach kannte. Das waren gute Mittel, auch seine wissenschaftliche Neugierde zu spannen und den einsilbig(Mi Mann zu einem wissenschaftlichen Verkehr mit uns gleichsam zu zwingen. Ich musste dem alten Herrn mich nähern mit Freundschaft für Cavanilles, mit Hass gegen Ortega und mit Missachtung der Flora Peruana, deren Herausgeber er beneidete; ich nannte diese Flora denn auch einen Staatskalender, da in ihr die Namen aller Minister und Staatsräthe paradiren. Mein Vorgehen glückte; Alle, die wir auf dem Gebirgsritte trafen, versicherten, der alte Mütis laufe wie toll durch die Strassen, um den hohen Besuch zu verkünden und Anstalten zum Empfang zu treffen; er sei geradezu vei-jüngt. Wirklich hegte er, ehe er uns noch gesehen, so gütige Gesinnungen für uns, dass er ernstlich daran dachte, wenn Bonplands Fieber dauernder würde, mit seinem alten Freunde Escallon den gefährlichen Geliirgsritt bis nach Guaduas hinab zu unternehmen: für einen kränklichen Greis geradezu ein Wagestück." D^r erste nennenswerthe Ort, den man, von Guaduas kom- mend, auf der Hochebene erreicht, lieisst Facatativä, „ein indisches — 102 — Dorf", iu dem die Maultlii(!re von 1 'leiden aiiji-elöst werden. Hier verkündete Nichts die Nähe einer vicekönig-lichen Hauptstadt. Vor den „aus Bambusrohr und lAdim zusammengekleisterten Häusern" sah Humltoldt ül)erall Stücke jener Kinarinde trocknen, welche ihn, trotz des grossen Interesses, das sie darbot, bisher noch nicht eingehender beschäftigt hatte. „In diesem Orte erwarteten uns zwei Partien von Bogota'ei-n: sämmtlich nach Landessitte in wollene Ruanas gekleidet; man glaubte lauter Bettler zu sehen, deren Köpfe aus Säcken hervor- ragten. Die eine Partie, von der Pedro Groot der Angesehenste war, wollte eigentlich nur unsern Reisegenossen Mariano Monte- negro l)egriissen, indem seine Frau eine ]Montenegro war; er suchte al)er, da er mit dem Mütis'schen Kreise in geheimer Feindschaft lebte, mich für sich zu gewinnen. Zu solchem Zwecke hatten diese Leute einen schändlich stockernden Wagen nach Facatativa kommen lassen, ausserdem auch schöne Reitzeuge und Reitpferde. Als Al^gesandter von Mütis war dort Carlionel, sein Secretär, nebst einigen der l)erühmten Pflanzenmaler, sowie der junge Rublas, der Sohn jenes dicken und reichen Herrn, den wir zu Nare, am Ufer des Magdalena-Flusses, getroffen hatten. Diese Abgesandten verkündeten mir, dass der siel)zigiährige Herr mich durch seine Freunde einholen lassen werde, und zwar so feier- lich wie möglich. Ich lehnte daher jenen Wagen al), al»er auch das Ansinnen, Uniform anzulegen." „Nach einer Nacht, in der das Thermometer auf 3° R. sank und die Dünne der Luft uns sehr l)eschwerlich wurde, ritten wir trotz der Kälte ohne Winterkleidung nach Fontibon, der letzten Station vor der Hauptstadt." „Der Weg geht immer durch die 1)aumlose Ebene voll Kar- toffeln, Weizen und Hafer, An der Landstrasse überall die Datura arljorea, deren weisse Blüthen am Abend einen herrlichen Geruch verl)reiten; es ist die gefähi-liche Borachera, aus deren Samen ein Zaubergetränk gegohren wird, nicht Idoss um ^Mädchen willenlos einzuschläfern, sondern auch um die Guacas, die Schätze bergenden Grabstätten der Vorfahren, leuchten zu sehen." „In Fontil)on wies auch noch Nichts auf die ganz nahe Residenz hin; wir fanden aljer glänzende Aufnahme. Die Vor- nehmsten Bogotas hatten sich hier versammelt, um uns nach spanischer Sitte zu liewillkommnen. Da war vom A^icekönige ein — 103 — Assossor oiitsondfl und vom l^rzliiscliol' «»in Soci'ctär: sodann traten wir den Rcctor tlcr ISogot.fcr llodisidmlc, F(M'nand(i de A'crgaia y Caiccdo, und den nachntcn Frcnnd von Miitis, Kscallon. Ferner waren da: derMar(|uis von San .lorje, .Tose Maria liozano, reich, in Spanien eiv.o^'en, hesclieideii und sehr unlerrichlet, so- wie dessen i>ru(hM' .lorje Tatleo Lozano, in Naturwissensi li.ilt wuhl l)ewandert, namentlieh ein Sehider von l'i'oust in atdi])lih)f!:istischer Chemie. ^*') Nun liielt man \(»n aHen Seiten schöne Rech'u iilter das Interesse (Um- ^fenschheit und IiImt die Aufoprerun^- für (h'e Wissensdiaft: Complimente (M'loljiten im Namen von Vicekönig' und Kr/.I)is('hol'. AHes khinii: unendlich j^ross. nur fand man mich sell>st selir klein und sehr junu". Man hatte slatl eines (h'eissi^-- i;dn'if;:en einen runrzii>;iähri<>en Menschen sich gedacht, einen steifen und unln'holfenen. Ausserdem wai'en die widersjtrei'hendsten Nachrichten von Cartajena aus v(M-hreitet worden: idi könnte nicht frei spanisch reden, l)eol»achtet(^ die Sterne stets in tiefen Brunnen, hätte einen Caplan und eine Maitresse in meiner B(;- gleitung — jener war iJonpland im schwarzen Rock mit abge- schnittenem Haar, diese die Gefährtin von Rieux, welche den aiMuen Miitis, der so stolz auf unsere Aidvunft war, etwas ausser Fassung geljracht hat, bis das Räthsel sich löste. Alles lief gut ab, aber unendlich förmlich. Wir assen im Hause des Pfarrers und be- wunderten naciri'iscii beim Spazierengehen die scltsameA^egetation.'^ „Der dann folgende, in Bogota lang erwartete P]inzug war sonderbar, fast possierlich. Ich mit den I^ozanos und dem geist- lichen Rector im ersten sechsspännigen Wagen, einer in London verfertigten, mit Ressorts versehenen Kutsche, Boujiland in dem zweiten, ebenfalls sechsspännigen Gefährte; um uns Ikm' ein Schwärm von Reitern, der noch durch die von Bogota Entgegen- kommenden sich vermehrte. In der Stadt die Fenster voll Köpfe; Gassenbuben und Schulknaben liefen schreiend und mit Fingern auf mich weisend eine Yiertelmeile weit nelxm den Kutschen her; Alles versicherte, dass in der todten Stadt seit langen Jahren nicht solch eine Bewegung und solch ein Aufstand stattgefunden habe. Wir sintl ja Ausländer und sogar wunderliare Ketzer: Leute, welche die Welt durchlaufen, um l'llanzen zu suchen, und ihr Heu nun mit dem des alten Mütis vergleichen Avollen; musste das nicht die Neugierde reizen? Dazu der Umstand, dass der Yicekönig unsere Ankunft als einen Act von Wichtigkeit betrachtet — 10-4 — und befohlen hatte, uns aufs Feinste zu behandeln. Mütis hatte die Wittwe seines Bruders, die seit einiger Zeit von Bucaramanga hiei'her gekommen ist und von seiner Gnade lel)t, ausziehen lassen; wir trafen daher ein eigenes Haus mit Hof, Garten und Küche an." „Vor dieser Wohnung erwartete uns mit seinen Freunden der alte Kron-Botanicus, eine ehrwürdige, geistreiche Gestalt in priesterlichem Kleide. Wie ich mit dem Barometer in der Hand ausstieg und das Instrument Niemandem anvertrauen wollte, lächelte er; mit vieler Herzlichkeit umarmte er uns und war l)ei dieser ersten Zusammenkunft fast verlegen bescheiden. Wir sprachen sofort von wissenschaftlichen Dingen; so ])egann ich von den Pflanzen, die wir heute gesehen hatten, er al>er lenkte das Gespräch geschickt auf allgemeine Gegenstände, damit es den Umstehenden verständlicher werde. In den für uns bereiteten Zimmern war ein prächtiges Essen aufgetischt und — hätte ich es glauben können, der berühmte Salvador Rizo, dem Cavanilles eine Pflanze gewidmet hat — er erschien als Bedienter und wartete auf." „Mütis hatte die Absicht, die ersten acht Tage in Diners und Ceremonien zu verschwenden, damit die Stadt sehe, wen er zu bewirthen habe und wie er zu Ijewirthen vermöge; daher wünschte er auch, dass in der ersten Zeit von Botanik und der- gleichen gar keine Rede sei." Während Bonpland der wiederkehrenden Fieberanfälle wegen sofort sich niederlegen musste, nahm Humljoldt an den neuen Festlichkeiten, bei denen die Hof-Uniform des königlich preussi- schen Ober-Bergrathes nicht fehlen durfte, mit vollem Vergnügen Antheil; er ahnte noch nicht, dass er 63 Tage lang in dieser Umgel)ung leiten werde. Bogota zählte damals etwa 21 500 Bewohner; es glich jedoch die Hälfte der noch zur Stadt gerechneten Wohnungen vollständig den elenden Behausungen Halbwilder. Die am grossen Markt- platze belegenen Haiiptge])äude waren verfallen. Der vicekönig- liche Palast, 1785 durch Feuer arg mitgenommen, lag noch jetzt grossentheils in Trümmern und diente nur für Unter])ehörden, während der Vicekönig, aller Etiquette zuwider, in einem Privat- hause zur Mietlie wohnte. Der Sitz der Audiencia hatte durchaus unangemessenes Aeusseres ; die erzbischöfliche Kathedrale di'ohte, — 105 — ()l)\vohl für ihre Restauration liis \ov Kurzem gearbeitet war, mit Einsturz. Von den dreisaig sonstigen Kiivhen inid Kapellen war mindestens die Hälfte in liedenklicliem Zustande; das einzige Gotteshaus neueren Datums gehörte den A^ertretern des Rück- schritts, den Dominikanern. Dem Treiben dieses Ordens stand licinalie in j(Hk'r Beziehung das C'olejio del Rosario gegenülier, dessen Rector. der die Fremden mit eingeholt hatte, seit Jahren im Mathematik-Unterricht der Nachfolger von Miitis war. Miguel de Isla, der Humboldt nmnclie wichtige Auskunft ertheilte, bekleidete noch den Lehrstuhl der Medicin an dieser Hochschule; sie besass eine naturwissenschaft- liche Sanunlung, für die Yalenzuela voi- Kurzem interessante Naturalien aus der Gegend von Jiron eingesendet hatte. Die Münzstätte hatte als Präge-Anstalt keine Bedeutung, bot al)er wegen ihrer Aufzeichnungen ül)er das vereinnahmte Edelmetall einiges Interesse; das IIosi)ital der l»armherzigen Rrüder war freilich in zieudicher Ordnung, es genügte indess um so weniger, als gerade jetzt ein neues Vordringen der schwarzen Blattern gefürchtet wurde; die öfientliche Bibliothek enthielt Avenig von Werth, und das Theater war längst geschlossen. Die vornehme Welt, die auf der Alameda, einem von riesen- mässigen Daturen eingerahmten Spaziergange, sich Nachmittags zu zeigen pflegte, lebte in einem Luxus, welcher den beiden Reisenden Insher auf dem Festlande Amerikas noch nicht ent- gegengetreten war. Wie über jene Kutschen erstaunten sie auch ül)er die damastenen Kanai)ees, die Teppiche und die grossen Sjiiegel. „Uebrigens sah ich auch", fügt Humboldt beschwich- tigcmd hinzu, „Barometer und Thermometer, Elektrisirmaschinen und achromatische Teleskope: Geräthe, Avelche zum Theil der Reparatur wegen den Weg zwischen London und J3ogota dreimal zuifickgelegt hatten. Glaswaare ist hier so theuer, dass eine iiarometerröhre zwei Piaster kostet; Oefen giebt es nicht." Matiz liegleitete Huml»oldt bei seinen Stadtwanderungen; in den Kirchen wurden Denksteine und Gemälde l)etrachtet, in den Privathäusern Sammlungen von Curiositäten, unter denen die von Manuela Santamai-ia de ^Faiii-iipie die interessanteste war. Bald hatt<' Humboldt auch in der eigenen Wohnung ein kleines Museum eingerichtet, das von halb Bogota neugierig besichtigt wurde, namentlich von den schönäugigen Töchtern der Stadt. — 106 — Ueberall zeigte sieh Sinn fiir gelehrte Saelien; es war längst Mode geworden, junge Leute von Stande nach Spanien zur Aus- Inldung zu sehieken; Alles dilettirte in Naturlbrschung, und eine der ei'sten Bitten, die Humboldt erliiUen musste, bestand in der genauen Untersuehung des Bogoüier Lieblingsgerichtes, der ein- zigen auC der Hochebene vorkommenden grösseren Fischart. ^'') Zur Förderung praktischer Verl )esserungen und zur Verdrängung des Casino-Treibens hatte sich unter viceköniglicher Finpfehlung eine „patriotische Gesellschaft" gelnldet, welche iil)er Fragen der verschiedensten Ai"t verliandelte, wie iil)er ('ochenillezucht und Finfuhr von Kanieeleii. h^rgebnisse solcher Wünsche Avaren nicht aufzuweisen. Lelihalt verfolgte man den Gedanken, auch in Bo- gota ein „Consulat" einzurichten: eine eigene Handelsbehörde, die weitgehende Rechte erhalten sollte; aus ^ladrid Avar aber noch keine Antwort eingetroflen. Die Zeitungen, deren jiingste von Eduardo Luiz Aznola und Jorje Lozano seit dem 1. Jaimar herausgegel^en wurde, enthielten mehr Raisonnements als That- sachen, so dass Idoss einzelne ihrer Blätter für Humboldt von Werth Avaren. Im Verkehr der Gel)ildeten zeigten sich, Avie schon in Faca- tativä hei-vorgetreten war, Spaltungen und Parteiungen, die so scharf und so gehässig nur in einer einsamen Kleinstadt sich entAvickeln konnten. Der vicekönigliche Hof schloss sich nach Möglichkeit al), so liebensAvürdig auch Mendinueta's Gattin Avar, der Humlioldt gern seine Huldigungen darl trachte. Da die Eti- quette dem Vicekönige am Orte der Residenz Geselligkeiten verliot, AA^irde Humboldt nach dem Landsitze Fucha eingeladen. p]in viceköniglicher Secretär, Ignacio Sanchez Tejada, „ein rosen- stilartig geschAvätziger ]Mann", ülterhäufte die Fremden mit Ge- fälligkeiten aller Art. Eine interessante Bekanntschaft Avar der alte, fast blinde Miguel Rivas. Das gesellige Leben litt jetzt schAver darunter, dass zAvischen den aus Spanien gekommenen und bald AAieder nach Spanien gehenden Räthen des obersten Triljunals und den P]ingebornen europäischen Geblüts noch immer der alte unversöhnliche Gegen- satz herrschte. Unter den Ersteren stand jener Marques A'on San Jorje, der aus altem Conquistadoren-Adel stammte und der grösste Grundljesitzer auf der Hochebene Avar, ol)enan ; er vertrat aber zugleich in eigenthümlicher Weise eine nach Selbstständigkeit — 107 — riiiiiiMidc Hürj^crscliart. Sein Diiulci' \vai-. cltciiso wie Riva.^, Mitulicd des Stadtraths; er war ausserdem "Redaeteur der einen Zeitun«^" von l>();i'ot;t. Sein Haus war ^liinzrnd und sein Name belielit; er ucliöite /u den Kutliusiasten, welelie den Glaulien hegten, einem unzugiinuliclHMi Lande, einer zusaninienhanf;slosen Bevölkerunji; schon allein von der Oase Boraunem Eisenstein, von Schieferthon und einer graul ich-weissen Thonerde vor. Im ersteren finden sich eisen- haltige kalt(! Quellen (kohlensauer), iiöi'dlicli von Cogua gegen den Urs])rung des Rio Baraudiila liin; im meist mehr erdigen Schieferthon zeigt sich Steinkohle, wie zu Tausa, Cansas und am Cerro de Sulja. Sprächen diese grossen Kohlenmassen in solcher Höhe dafür, dass nicht alle Kohle im ^lineralreich den Pflanzen zugehört, sondern ein grosser Theil sich aus Kohlensäure im Meere niederschlage, und dass Kohlensäure früher als Pflanzen existirt hat? Oder ward der vegetal)ilische StoÜ' aus tieferen ])flanzenreichen Gegenden auf diesen Höhen zusammengeschwemmt? Auf der älteren Sandstein-Formation ist Flözkalkslein oder Zech- stein aufgesetzt, vcrslcinciiingslos, aber voll Holden: auf dem — 110 — Kalkstein ruht Gips, tlieils blättrig, theils dicht; in diesem Gips findet sieh der Salzthon und die SteinsalzrFormation. So die Schichtung im Allgemeinen." Humboldt ist auf diese ersten Beol)achtungen, deren Mängel später vollständig erkannt wurden, während seines Bogota'er Auf- enthalts vielfach zurückgekommen, denn es ärgerte ihn, dass die einzige europäische Schrift, die in Europa ülier Bogota existirte, eine Arbeit jenes Leblond, so ganz verkehrte Angal)en enthielt. Für eingehende Studien ])ot der RiH keine günstige Gelegen- heit, denn er zeigte schmerzlichst, wie dicht die Wildniss Bogota umgal). Kaum waren die letzten Hütten der Stadt im Rücken, so hörte auch fast jede Cultur auf. Bald musste der Bogota- Fluss auf einer Fähre, die wenig mehr war als ein Holzgerüst mit einigen Bündeln Schilf, überschritten werden. „I)al)ei ver- loren wir die Pferde, welche nelienher zu schwimmen hatten, und zwar ohne aneinander gebunden zu sein, damit sie nicht er- tränken; erst nach zweistündigem Warten konnten wir die Reise fortsetzen, die über Chia und Cachicä ging. Spät Aljends ge- langten wir nach Zipaquira', sehr ermüdet und hungrig; der dor- tigen Wirthschaft stand ein siebzehnjähriges Mädchen vor, welches gerade im Hause des Pfarrers war, um einem Marionettenspiel zuzusehen." Am andern Morgen ward das Salz werk besichtigt. ^^) „Man hat hier keinen Grubenljau, sondern nur einen Tagesschurf an- gelegt; die Hauptstelle, Mina de Ruta, sieht einem verpfuschten Steinln-uch ähnlich. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts haben die Europäer unter den Tropen schlechterdings nichts mehr und nichts weniger gethan, als die Indianer nachgeahmt; erst seit jener Zeit sind die Soolen angerührt worden." " Spanischem Sellistgefühl entsprach das Resultat der sach- verständigen Untersuchung, das Humboldt in eingehender Denk- schrift niederlegen sollte, nur sehr wenig. Er ])egann diese Arbeit, welcher während des ganzen Aufenthalts in Bogota ge- legentliche Stunden gewidmet werden mussten, mit den Worten: „Aufgefordert, meine Ansichten über das Steinsalzwerk von Zipa- cpiirä und seine Bearbeitung schriftlich vorzutragen, halje ich die kurzen Augenljlicke meiner hiesigen Anwesenheit benutzt, um auseinanderzusetzen, was mir hinsichtlich dieses für Yolks-Industrie und Kronschatz gleich bedeutsamen Betriebes als zAveckmässig — 111 — erscheint. Dem Naturforscher bietet das Salzlap:er dieselben Er- scheinung-cu, wie die Lager von Spanien, dir der Schweiz, Tirols, Steiermarks und Polens; da ich niiu lange Zeit praktisch mit dem Salzwesen Ijeschaftigt gewesen l)in, darf ich glaidjen, einige; Ideen gefasst zu halten, welche von den mit Zi])a(pu'ra's Local- verhältnisseu besser Vertrauten übersehen worden sind. Auf solche Erfahrung gestützt, bespreche ich in dieser Abhandlung die verschiedenen Zweige der Salzfaln-ication, nihnlich den IJetrieb des Werkes, den Stand der Quellen und die Kochung des Salzes. Dabei werde ich die gegenwärtig herrschende Bearlteitungs weise mit derjenigen vergleichen, welche jetzt in Europa als die vor- züglichste sich herausgestellt hat, und überall niil jenem Frei- muth reden, der meinem Charakter eigen ist, und in solchen Dingen von Allen, welchen die öffentliche Wohlfahrt am Herzen liegt, aufrichtig gewünscht wird." In dem hierauf folgenden Sachverständigen-Gutachten wird zunächst die technische Seite der Frage l)ehandelt und eine Reihe von A'erbesserungen des Anliaues empfohlen: „Ueber die Schwierigkeiten, welchen meine Vorschläge begegnen werden, kommt ein wirklich geschulter Bergmann leicht hinweg, selbst wenn er ein deutsches Salzwerk nicht studirt hat. Da lebt in Pamplona Jacob Wiesner, d(>ssen Tüchtigkeit mir gelobt Avird; er ist gebildet genug, um das Wichtigste, den unterirdischen Bau, zu leiten; von ihm geführt, würden meine jetzt beschäftigungslos in Honda auf Kosten des Staates lebenden Laudsleute, obwohl lediglich Arbeiter, gewiss sich nützlich machen können." In seinem Gutachten l)ehandelt Ilundioldt neben den Einzelheiten zugleich auch die Gesammt- heit der in Betracht kommenden geologischen Verhältnisse und namentlich das Problem, ob das ungeheure, oben im Hochgebirge viel»' Quadratmeilen weit sich verzweigende, tiefe Salzlager etwa Niederschlag (ünes ehemaligen Meeres sein könne. Die Abhandlung über Zipaquiräi wurde so umfangreich, dass sie den Bogotäer Aufenthalt ein wenig verleidete; der Vicekönig hatte jedoch ein Anrecht auf derartige Dienstleistung, denn Humboldt erschien als ein Special-(^ommissär der Krone und musste diesem Charakter getreu bleiben; so erhielt ei- denn auch alsbald einen zweiten viceköniglichen Auftrag. Die seit d'Klhuyar's Tode still liegenden Silbergruben der LImgebung von Mari(piita machten sachverständige B(;gutachtung — 112 — wünsclienswerth. „Für die Gruben von Santana und Monta waren jährlich 18 000 Dollars ausgesetzt; dafür war das Amal- gamationswerk geschaffen, eine Anzahl Gebäude erl)aut, wurde Quecksilber, Pulver und Salz gekauft sowie eine Reihe von Be- amten l)ezahlt; von 1791 bis 1797 lieferten die Gruben über 70 000 Dollars, sie hatten sich also fast schon frei geljaut, und dies in einem Lande, wo der König doch nur, um ein Beispiel zu geben, Bergl)au lietreibt und ein Militär- Ingenieur etwa 10 000 Dollars für Festungsbauten gelegentlich verschwendet. Wie kann eine Grube in zehn Jahren Ausbeute gewähren? D'Elhuyar's Tod, beschleunigt durch das schlechte Verhältniss zu seinem Schwäger Angel Diaz, hat das eben Begonnene ganz un- verständigerweise in Stillstand gebracht. Ich ha])e nicht ohne Gefahr die Monta-Grube befahren: eine hoffnungsvolle, verständig hergerichtete Grube mit erzführenden Lagerstätten, nicht bloss Gängen; d'Elhuyar liaute dort auf zwei oft zusammeuschaarenden Lagern; er verfuhr durchaus planmässig. In der That war es das Vernünftigste, von der tiefer, in der Quebrada de Morales liegenden Santana-Mine her einen Stollen gegen Norden zur Monta-Grul^e zu treiben. Die Zimmerung der Grube war solide, sie erhielt sich gut in den zehn Jahren; das Erz steht ül)erall noch an und könnte man auf ihm leicht noch jetzt etwa zwölf Mann anlegen. Santana konnte ich nicht anfahren, da dort seit fünf Jahren nicht mehr gearbeitet wird. Die Einführung der freilich kostbaren, aber nothwendigen Amalgamation in den Be- trieb der Santana- Werke beweist, was ein kenntnissreicher und dem Dienste seiner Regierung treu ergebener Mann inmitten der grossen Schwierigkeiten dieses tropischen Amerikas zu leisten im Stande ist; ein solcher Mann war d'Elhuyar, der in meinem Vaterlande bewundert wird und seiner Zeit in Spanien, ausser seinem Bruder, der Einzige war, welcher wirklich Chemie ver- stand. Hier ist er durch das Publicum verleumdet worden, welches behauptete, dass er der Krone den Anbau einer Mine aufgelastet habe, die nicht die Betriebskosten zu decken vermöge. Handelt es sich um Geldfragen, so sollte man nur in Ziffern und mit Rechnungen operiren, diese aber auch als beweiskräftig an- erkennen." Nun folgt eine Calculation aller Details und endlich die Schlusserklärung: „Wenn die Regierung die der Freiberger Anstalt ähnliche Amalgamations-Vorrichtung in Santana mit ihren — 113 — Gerüthscliaften uiul Maschinen bei])ohält, wenn sie dann in rich- tiger Wiirdiji:ung ihres wahren Interesses die Benutzung dieser Werke Privaten ülterlässt, welche den Anbau wieder aulnehmen und dadurch die jetzt von Tag zu Tag mehr sich entvölkernde Gegend aufs Neu(» heben: dann ist die nuilievolle Arl>eit, der d'Elhuyar sein kostbares Leben oplert(;, weder f'iir die Nachwelt noch für die königliche FinanzverAvaltung verloren." So bestä- tigte Humboldt d'Klhuyar's letzte Vorschlüge, die ihm unbekannt waren. Ueber die Ooldgewinnung in Amerika wusste man 1800 wenig; in Bogota erhielt Humboldt die ersten Angaben, welche es ihm ermöglichten, der modernen Edelmetall-Production näher zu treten. Freilich ward weder auf der Hochebene noch in deren Umgebung Gold gewonnen, freilich ])estand nicht bloss in der IIau})tstadt, sondern auch in Poi)ayan eine Miinzstätte: in Bogota landen sich aber die einzigen Quellen, welche eine Ueber- sicht über diese Frage gewährten. Sie hatte kein bergmännisches Interesse, denn es handelte sich bloss um Goldwäschereien, kein geologisches, denn von keinem der Fundorte war Ortslieschaflen- heit und dergleichen genügend bekannt; Huml)oldt ermittelte jedoch nach den Münzl)üchern, dass in Neu-Granada etwa ein Werth von 2 500 000 Piastern jährlich gewonnen und davon eine Summe von höchstens 5(K)0(X) Piastern ausgeführt werde, und knüpfte daran nationalökonomische Erörterungen, bei denen er Adam Smith folgt, „dem Unsterblichen", dessen grosses, den Reichthum der Völker erörterndes Werk in der deutschen Ueber- setzung von Garve ihn begleitete. Die Minenschätze der ameri- kanischen Gebirgsregionen, welche europäischer Phantasie so verlockend vorschwebten, musste Humboldt in Bogota mühsam aus Acten zusammenlesen. Ueljer Piatina erhielt er von Miitis nur ganz unklare Nachrichten, über Quecksilljer bloss gelegentliche Notizen; auch die seit Cartajena ihm so oft gepriesenen Sma- ragden Itildeten keine Reichthümer. Hundjoldt hörte von den Fundstätten l)ei Muzo, wo „die Edelsteine in Hornblendschiefer auf schmalen Gängen mit Quarz und vielem Schwefelkies ein- Ijrechen"; sie schienen ihm aber, fast wie Bergkristall, überall in den östlichen Bergketten Neu -Granadas zerstreut zu sein. „Die berühmtesten alten Grul)en waren liei Muzo in der Quelu-ada de Itoco, wo der Anliau El Kcnil de Minas heisst: doi-1 wuscli Si'humaclipr, SQdaraerik. Studien. u — 114 — man Smaragden mit Schleusen, da sie im verwitterten, abge- rissenen Gestein der Schlucht verstreut lagen, und behandelte sie wie Waschgold; neuere Smaragdgruben wurden bei Coscoes, westlich vom Cerro de Aripo bei Muzo, bearbeitet, wo indess Wasser fehlt. Seitdem die Krone das Smaragden-Monopol er- richtete und eine Direction einsetzte, giebt es für diese Edelsteine keine Bearbeitung mehr; denn man fand ])ald den Betrieb unter Beamten zu kostspielig und stellte alle Thätigkeit ein, so dass seit jetzt zehn Jahren kein neuer Smaragd mehr in den Handel gekommen ist." Die bergmännischen Arbeiten iil)er Zipaquira und Santana schlingen in das amtliche Fach des Ober-Bergraths , allein diese Interessen waren in Wirklichkeit dem Gesichtskreise des Ge- lehrten doch schon recht fern gerückt; es war kein Zufall, dass er mit dem Barometer in der Hand zu Ähitis kam; allgemeine physikalische Forschungen der verschiedensten Art hielten seinen Geist in regster Thätio-keit. Bogotas Lage war merkwürdig genug. Unmittelbar im Bücken der letzten Häuser erheben sich zwei nur durch eine enge Schlucht getrennte Kapellen-Berge; jeder trägt ein weisses, weithin leuch- tendes Marien-Kirchlein; das eine ist unserer lie1)en Frau von Guadalupe, das andere der von Monte-Serrato geweiht. Die Aus- sicht, welche sie darbieten, ist unbeschreiblich gTOSsartig, denn am Fusse der steilen Berge, gleich vor der Stadt, beginnt die einförmige E])ene sich auszudehnen, nur durch grosse glänzende Wasserflächen unterlu'ochen. Am Rande des Bildes erheben sich starre, festgelagerte Berge , hinter diesen mächtige Schneefelder, firnglänzende Kuppen und der stolze, rein weisse Kegel des Tolima. Miitis hatte aus diesem langjährigen Anblick Genuss gezogen, aber keine Belehrung; Humboldt meinte, dass diese in den ewigen Schnee hineinragenden Ketten le1)haft daran ei"innerten, „wie Berggipfel, auch wenn sie unter den kleinsten Winkeln am Ho- rizont erscheinen, einen majestätischen Eindruck hervorln-ingen; die untere Schneelinie ist in solcher Ferne immer ohne alle Un- gleichheit, in horizontaler Richtung rein abgeschnitten; hier berührt sie kaum die Gipfel der drei kastellartigen Kuppen, die Paramo de Ruiz heissen; nur die Mesa de Herveo ist, Avie der Kegelberg sell)er, von einem grossen, weit leuchtenden Schnee- mantel umgeben." — llo — Um dieses Naturtjemälde ijaiiz fibersclianen zu können, %vnrrle am 15. Juli die Kapelle von (Tuadalujx' erklettert, spater erfolgte ilie von Monte -Serrato. „Die sonderl)are Oertlicbkeit jener Ka- pellen macht sie für «ileichzeitige Beobachtung der stiindlichen magnetischen Abweichung ül)eraus empfehlenswerth. Ich liabe mit grosser Sorgfalt eine Yergleichung der magnetischen Incli- nation und i\rv Intensität der magnetischen Kraft angestellt; beide zeigen sich etwas kleiner in dei- oberen Station; die In- clination war in der Stadt 27,15°, vor der Kapelle Guadabqx; aber '26,80°. Solche Fragen, welche die Atmosi)häre unserer Erde betreffen, sind in den Tropen, der Gegensätze halber, genau(>r zu ergründen als in anderen Zonen; sie haben besonderes Inter- esse in einer so eigenthümlich gestalteten Gegend, wie das Tafel- land von Bogota ist, und vollends auf der Höhe jeuer stolzen Andeu-A^orsprünge." Für derartige; Forschungen hatte Mütis keine Vorarbeiten obwohl er früher einmal mit physikalischen Fragen z. B. mit der Untersuchung atmosphärischer Strömungen und der Beol)- achtung von Barometer-Oscillationen, sich beschäftigt hatte. Da- gegen fanden l)arometrische Höhenmessungen, die nicht ohne Interesse waren, in Bogota sich vor; sie wurden am 21. Juli in Jorje Lozano's Zeitung veröffentlicht und stammten von einem im Cauca-Thale lebenden Naturforscher, dessen Namen schon Pombo in Cartajena mehrfach genannt hatte. Er Ines Francisco Jose de Ca'ldas.*^^) Die Messungen dieses in der Wildniss auf- gewachsenen Mannes stimmten mit den Humboldt'schen und mit denen von Lozano, nicht aber mit den Resultaten von Mütis, der „einen hül »sehen, al)er selbstconstruirten barometrischen Apparat" besass. Von jenem neuentdeckten Genie hoffte Huml)oldt viel für die spätere Reise, zumal es hiess, dass Caldas im oberen Älag- dalena-Thale und auf dem Wege zwischen Bogota und Popayan viele wichtige Beobachtungen gemacht habe. Lebhafter noch als alle diese Gegenstände interessirte Hum- boldt die Pflanzenwelt. Als er zu Bogot.'i seine auf Cuba be- gonnene S(dbstliiographie*'*) weiter fülirte, beschäftigte ihn am meisten der Gedanke, wie es doch gekommen sei, dass er nun hauptsächlich als Botaniker sich füldc; er suchte aus der ent- legensten Kindheit die ersten Anregungen hervor, das IVüliesle 8* — 116 — Spiel mit einem Herl)arium, den l)otanisclien ITintergruncl .seiner cameralistisclien Studien, die erste ]3egegnung mit C. L. Wildenow und verschiedene Botanisir-Touren; er gefiel sich in dem Ge. danken, dass er eigentlich fiir die Botanik geboren sei und für sie auch besonders gelebt habe. Thatsächlich waren in seinem bisherigen Leben und Schaffen die Pflanzenstudien melu" zurück- getreten; er aber meinte: „Erst als ich anfing, mich mit Botanik zu beschäftigen, ward in mir der Wunsch rege, entfernte Welt- theile und die Producte der Tropenwelt in ihrer Heimath zu sehen. In Wildenow fand ich einen jungen Menschen, der un- endlich mit meinem Wesen harmonirte; er zeigte mir fremd- ländische Pflanzen und trug sich mit dem Gedanken, eine Reise ausserhalb Europas zu machen. Ihn zu begleiten, das war ein Wunsch, der mich Tag und Nacht beschäftigte. Ich durchlief alle Floren beider Indien, kaufte sämmtliche Rinden der Apo- theken, verweilte mit seligem Wohlgefallen bei dem Reishalm in meinem Herbarium und gewöhnte mich daran, unbändige Wünsche nach weiten und unl)ekannten Pingen zu hegen." Freilich erinnerte sich Huml)oldt noch recht wohl, dass neben l)otanischer Liebhalierei anderer Wissensdrang stark in ihm gewogt hatte, und neben Wissensdrang auch eine durchaus idealistische Sehnsucht, die auf seiner Reise nach England kraft- voll sich entwickelte. „In einem jungen Gemüthe, das achtzehn Jahre lang in eine dürftige Sandnatur eingezwängt ist, giebts ein wunderbares Glimmen und Glühen, wenn es, seiner eigenen Freiheit überlassen, auf einmal eine Welt von Dingen in sich aufnimmt. Das Streben nach Ländern, in denen wir durch grenzenlose Räume von den Unsrigen getrennt sind, schmeichelt jugendlicher Energie, giebt aber auch zugleich unserm Wesen eine melancholische Stimmung, in der wii' die Wonne der Thränen empfinden. Ich fühlte mich eingeengt, engbrüstig und wäre in die fernste Südsee geschifft, selbst ohne irgend einen wissen- schaftlichen Zweck. Der arme Forster quälte sich vergebens, zu ergründen, was dunkel in meiner Seele lag; mit dieser Stimmung kehrte ich 1790 über Paris nach Mainz zurück und hatte ent- fernte Pläne geschmiedet." So kam doch in den Monolog, welchen Humljoldt am 4. August zu Bogota niederschrieb, jener botanischen Tendenz ungeachtet, richtige Selbsterkenntniss zur Geltung. Nicht ein — 117 — S]io(.'ialstuiliiim liatte es ihm so angctlian, dass er in die weite Welt ziehen niusste, sondern der vorwäi-tssti'eltende Trielt seines Wesens nnd seiner Zeit, dei- Pi'ang, das liisheri;xe theoretische Wissen unter grosse Gesichtspunkte zu sammeln und zu orchien, der Instinkt, dass der ]31ick eines wahi-en CUdehrten im neun- zehnten Jahrhundert sich gewöhnen müsse, Krdtheile und Welten zu umlassen. Es war nati'irlich. dass Flumhohh in (h.'r Nälu! des ergrauten Botanikers Alles hervorsuchte, was l'ür eine Geistesverwandt- schaft zu reden vermochte; die l'flanzen-lnteressen waren in der That l>ei ihm ausseroi'dentlich stark geworden und er sah es gern, dass Mütis ihn wie eine Autorität für liotanische Fragen betrachtete, seihst für die Chinchona-Fi-age, die gerade jetzt wieder l)rennend war; lIuml)oldt brachte die ersten Druckbogen einer in Madrid erschienenen Abhandlung über die Kina-Arten, in welcher Zea die Yertheidigung der Lehre seines Meisters mit Anfeindungen von Ilipölito Ruiz und Jose Pavon verl»unden hatte. Es war klar, dass in Spanien der Gelehrtenstreit sehr >»ald wieder anfiel )en musste, zumal Lopez geradezu heraus- gefordert war, seinen frühereu Angrifien neue Kundgebungen folgen zu lassen. Mütis hielt es für sehr günstig, dass er gerade jetzt einen ^lann wie Humboldt von der Richtigkeit seiner An- sichten ülieiv.eugen konnte. Während 13onpland krank war, nahm Hnmlioldt Alles an, was Mütis darbot, und vertheidigte, schnell überzeugt, dessen Classification in zwei an die Pariser Akademie der Wissenschaften gerichteten Briefen, denen er die Mütis'sche Aufstellung über die sieben Species sowie Proben und colorirte Abbildungen beifügte. ^^) Für solche Bundesgenossenschaft war ]\rütis ausserordentlich dankbar; er schenkte seinem Gaste aus dem Manuscri])t der Flora Bogotana etwa hundert colorirte Zeichnungen, die ebenfalls nach Paris geschickt wurden. Bei der Uebersendung schrieb Humboldt: „Ich denke, dass diese Sammlung, die für die Botanik ebenso interessant ist wie wegen ihrer Farbenschönheit Ijcach- tenswerth, nicht in bessere Hände zu legen sei als in die von Jussieu, Lamark und Defontaines." Die botanischen Fragen, ül)er die Huml»oldt mit Mütis ver- handelte, betrafen übrigens keineswegs allein solche und ähnliche Einzelheiten, wie z. B. die von Mütis nie in Blüthe gesehene — 118 — Baml)usa; der Umgang der l)eiden Geleln-teii förderte auch einen Gedanken, welcher in den Hnm])oldt'schen Aufzeichnungen unter den Ueherschriften „A^'egetations-Ansichten" und „Pflanzen-Bikler" Ausdruck fand. Für die Arbeit, welcher später der Name „Geographie der Pflanzen" ^^) gegeben ist, l)ot die Hochebene von Bogota charakteristische Gegensätze, namentlich scharfe Grenzscheiden des Wachsthums nach oben wie nach unten. Bogota war, der eigenthümlichen Landschaftscontraste wegen, für die tiefere Auffassung der Pflanzenkunde ein ganz besonders anregender Ort, und zwar nicht IjIoss durch die weitere Um- gebung, sondern schon in Spaziergangsnähe. „Der häutige Nebel, welcher auf dieser Hochebene, besonders an ihren Grenzen, herrscht, tränkt die Pflanzen und giebt ewige Frische der Vege- tation. Ilerljorisationen au den steilen Fejsmassen der beiden Kapellen-Berge gehören zu den Genüssen, deren Andenken schwer erlischt. In der Höhe der Kapellen, etwa in der al)soluten Höhe des Aetna, beginnt das myrtenblättrige Wachsthum der Hoch- steppen. Im Schatten von Tallea stipularis, von Weinmannien und schirmförmig ausgebreiteten Escallonien umgeben, fanden wir neue Arten von Fuchsien und Rhoxion sowie die prachtvollen Blüthen der Alströmerien und Passifloren. Von letzteren hat jede der Kapellen ihre eigene Art; die eine die Curubita, mit der man an grossen Festen die Altäre schmückt, die andere die schöne Tacsonia mollissima, welche wegen ihrer ess1)aren Früchte auch cultivirt wird. Den Felsen dicht bedeckend, wuchern hier gruppenweise Myrica pubescens, die Gaultherien, die purpur- blüthigen Thibaudien, Hypericum und unser schönes Genus Fragoa mit tannen- und cypressenartigen Blättern. Von den fieberheilenden Chinchonen verirrt sich keine mehr auf diese Höhen, dagegen steigt eine hohe Alpenpflanze, der wollige Frai- lejon, bis zum oberen Theile der Stadt Bogota hinab." Ueber wissenschaftliche Landmessung, wie sie jener Cäldas versucht haben sollte, gab es in Bogota kaum mehr als eine theoretische Ansicht; die praktische Bedeutung der Ortsbestim- mungen und der iilirigcn geographischen Arbeiten wurde, da die Anfänge von Esquiaqui und Cabrer keine Früchte getragen hatten, wenig gewürdigt. Die grosse Karte von de la Cruz, 1785 in England herausgegeben, die Huml.)oldt mit sich führte, war in der vicekönigiichen Kanzlei noch wie ein Regieruugsgeheimniss — 119 - bewabit. Jeuer, schon wälirond dei* Oriuoeo-Fahrlcii zum (ico- graplieu geworden, begann verschiedene Karten. Seine Neigung zur ])raktischen Astronomie hatte während ih'r Heise stetig zu- genommen. „Einsamkeit, Pracht des südlichen Himmels, Ruhe der Wälder lialjen mich an eine Arl)eit gefesselt, welcher ich während der Reise vielleicht mehr Zeit gewidmet habe, als mir bei der grossen Mannigfaltigkeit meiner Umgeljung gestattet war"; allein nicht bloss in freier Natur, auch in den Städten ward Astronomie getrieben. Jn JJogotä stand die Sonne zu hoch, um noch mit dem Sex- tanten gemessen werden zu können; die Fehler der Declination wurden deshalb durch die Beobachtung von Steiiihöhen gemindert. Aus dreizeliii Messungen dieser Art fand er als die mittlere Breite 4° 35' 42", während ^hitis 4° oG' angenommen hatte. „Der längere Aufenthalt in Bogoüi gewährte mii* den Vortheil, Mittagslinien zu ziehen, die Breite des Ortes durch südliche und nördliche Sterne zu bestimmen, kurz, eine Anzahl von solchen Dingen zu betreuten, au die l)ei der Ijisherigen Schnelligkeit unserer Reise nicht zu denken gewesen war.^ Ilumltoldt voll- endete einige geographische Arbeiten von grosser liedeutuug,''^) Zunächst übergab er an Miitis und an den A''icekönig eine auf vier Blättern Itefindliche Zeichnung des Magdalena-Flusses von der Mündung bis zu den Hondäer Stromschnellen. Das wai- die erste Aulnahme, welche man von dieser grossen Verkehrsader des Innern besass. Bei der Ueberreichung der Karte hebt riumboldt hervor, dass er seine Arbeit besonders deshall) zweimal habe copiren lassen, weil sie ausser ihrem wissenschaftlichen In- teresse auch darzuthun vermöge, wie ungünstig der Magdalena, ein nicht mit dem Gebirgszuge gehender, sondern denselben durchschneidender Fluss, für regelmässigen SchillTahrtsverkehr sei. „Ich habe vorgeschlagen, dem grössten Schiilshinderniss, der Enge von Carare, durch einen Stollen abzuhelfen: einen unterirdischen Canal." Zweifelsohne liess sich jenseits der Berge, auf der Orinoco-Seite, ein l>esserer Schifi'fahrtsweg finden, und zwar mittelst des Meta-Stromes, an dessen Ufern, bis zur Mün- dung in den Orinoco hinab, vielleicht noch Reste der ehemaligen Jesuiten-Missionen bestanden. Humboldt, der die Einmündung des Meta in den Orinoco selber befahren hatte, legte auch den topograi)hischen Zusammenhang zwischen der Hochebene von — 120 — Bogota' und d(Mi Grassteppen des Orinoco in einer Karte nieder, so gut es ging. In J3ogota wusste man von dem Lande jenseits der Ost-Cordilleren fast nichts; die Unkenntniss liinsichtlicb dieses grossen Flussgel )ietes war höchst auffallend, nicht l)loss weil in den Orinoco-Gegendcn . viele bis zum Rücken von Bogota hinauf- reichende Angaben zu erlangen gewesen waren, sondern auch weil noch in Havana geographisch wichtige Documente sich er- gelien hatten. Wenn Karten, welche die Flussläufe zwischen Apure und Meta darzustellen suchten und bis an die Grenzen der neugranadinischen Provinz Casanare reichten, aus dem Innern des Landes bis nach Cuba für ITumljoldt geschickt worden waren, damit sie in die richtigen Hände kämen, so konnten doch sicher- lich die Archive der viceköniglichen Residenz eine grosse Zahl mindestens gleich werthvoller Quellen liefern. Solche Materialien waren auch vorhanden; in Bogota lagerten die wichtigsten Be- richte der portugiesich-spanischen Grenz-Commissäre, allein Nie- mand kannte sie, die letzten Vicekönige hatten sich für die süd- liche Seite ihres Reiches gar nicht mehr interessirt. Ausser diesen l)eiden Karten lieferte Humljoldt eine von der Bogotäer Hocheljene. Zu derartigen Arlieiten kam das Profil, welches Huml)oldt ül)er die Strecke Cartajena — Bogota entwarf. ^^) Seit seinem Profil der pja-enäischen Halbinsel hatte er nur das der kurzen Strecke La Guayra — Caracas gezeichnet, in Bogota verfertigte er einen Durchschnitt des ganzen von Cartajena Ijis Bogota rei- chenden Landes. Bogota, Guadalupe und Monte-Serrato erschienen ihm nicht als geeignete Al)schlüsse eines umfassenden Bildes; deshall) fügte er die weiter im Rücken liegende Berghöhe, die wirkliche Grenze gegen die Grinoco-Gewässer, unter dem Namen Chingasa hinzu, obwohl er nicht zu dieser Wasserscheide empor- gestiegen war. Hinsichtlich der ganzen östlichen Cordillere Neu- Granadas herrschte in Bogota grösste LTnkenntniss. Einen Theil derselben bildete die Suma-Paz-Kette. „Sie liegt nur zwölf Meilen von der Hauptstadt entfernt und ist doch noch von Niemandem untersucht; die Spanier kennen ofienbar die Neugierde weniger als andere Völker." Die Bibliothek von Mütis hatte nicht bloss werthvolle l)ota- nische Wei'ke, so dass sie der Ijerühmten Sammlung von Joseph Banks in London sich vergleichen liess; sie besass auch inter- — 121 — essante Schriften ül)('i-N(Mi-C}raiia(hi, die in iMuopa fast ganz unbe- kannt wai-on: Sclinftcn ültcr die Tnulitioncn der Vorzeit iiml die fi-iihesten Geschichtsereigni.sse, Solche Nachrichten konnten im Inneni des Wald-Continentes und auf ^\r]• Iltihe i\r\- tropischen Anden inaucheii \vichti<>:en Aufschluss gewähren, namentlich die des liogotaers Picdrahita; IFunilioldt wusste nicht, dass dieser bereits von Pater Julian so gliinl)i<>- verehrte Schriftsteller sein Buch erst in Sjianien angefangen und später an d(!r neugi-anadinischen Kiiste zu Knd(; gefiihrt hat. Die Chronik dieses Geistlichen, die ausser- halb Dogota's entstanden ist, erzählte von dem grossen Reiche Cundinaniarca, dessen Ruf bis zu den Incas gedrungen sei. Humboldt erkannte nicht, dass derartige Erzählungen eines zum Inca-Geschlecht gehörigen, ])hantastisch angelegten Mannes ledig- lich auf Kinitildung beruhen. EIxmiso berichtete Piedrahita's Buch von den Bewohnern jenes Reiches die wunderl»arsten Dinge, die Humboldt ebenfalls gläulng annahm, zeigte doch ein Blick in die Geschichte aufs Bestimmteste, dass zur Zeit der Ankunft der Spanier die Hochebene von einem sesshaften, Kleidung kennenden und Ackorl)au treibenden Volke bewohnt war. „Die Europäer staunten nicht wenig, als sie, statt der nackten Menschen von der Kliste und der ^lagdalena-Müiulung, hier die Indianer in gewebte baumwollene Zeuge gekleidet sahen. Jene noch heute getragenen Ruanas sind indische Erfindung; die Frauen trugen ein Hemd mit Giirtel, iilier dem ein kürzeres Kleid auf der Brust mit einer Nadel zugesteckt wurde; auch ihre Todten waren be- kleidet. Nicht IjIoss zu solcher Bekleidung, sondern auch zu stetiger Arbeit zwang die Kälte; Mais und Kartotteln wurden gepflanzt, denn hier oben gab die Natur nicht Alles von selbst wie in den Niederungen. Man sieht noch jetzt, wenn man von Suba nach Zipaquirä reitet, Spuren altheimischer Ackerbestellung an Orten, wo die Spanier das Land unbebaut für Viehhut haben liegen lassen. Sollten auch vordem weniger Menschen als jetzt auf der Bogotäer Hochebene gelelit haben (mit der Hauptstadt ungefähr (30 0(X)), so Ijedurfte doch die Bevölkerung vor der spanischen Zeit, trotz ihrer Massigkeit im Essen, mehr Acker- ))au, denn ihr fehlte Korn, das hier besser als Mais geräth; ihr fehlten Kühe und Pferde, und da sie mit den benachbarten Stämmen endlos kriegte, fehlte ihr auch die Zufuhr aus wärmerer Gegend. Notli zwingt zur Arlieit, Kälte ist Noth. Die Unter- — 12-2 — miscLung von kalten und un{rucLtI)aren Erdstrichen auf mehr als 2500 m hohen Plateaus mitten unter die fruchtl»arsten Ti'0}>en- länder hat gewiss den grössten Einfluss auf die Menschen-Cultur gehaltt; hier oben hat das Volk sich ausgebildet, sich politisch mächtig gemacht, und von der Höhe herabsteigend, um die um- liegenden wärmeren Gegenden zu erobern, hat es seine Cultur und seine Bedürfnisse den ursprünglich unthätigeren Nachbarn aufgedrängt. Solchen Einfluss auf Menschenglück und Meuschen- bildung hat die Uneltenheit der Erdfläche; das ist der moralische Einfluss der Berge." Solche Beoliachtungen waren für Miitis l)einahe unverständ- lich; der „Patriarch" hatte niemals ähnliche Gedanken gehabt, oljwohl sie dem Volkscharakter sehr- geschmeichelt halben würden. Humboldt Ijetrachtete die ehemaligen Bewohner der Hocheljene nicht bloss als ein durch Ackerbau und Kleidung vor den Stämmen der heissen Waldgegenden ausgezeichnetes Volk, sondern auch irrthümlich als eine Nation von stattlicher Macht und grossem Ansehen. Die Chibcha-Alterthümer, die ihm gezeigt wurden, Ijoten ein vielseitiges Interesse ;^^) er sah eine Menge sauber ge- fertigter Goldsachen, die am Rande des Plateaus in Grältern gefunden waren, sowie eine Unzahl von thönernen Figuren, die zum Aufbewahren von Grabschätzen benutzt wurden; er erhielt auch eine merkwürdige Steinbüste, die aus dieser Gegend stammen sollte und die Anwendung starker Instrumente bewies ; er glaubte den Erzählungen von alten Strassenanlagen , von zerstörten Tempelbauten, von ringsum auf der Hochebene belegenen Festungen. Vor Allem wurde ihm die höhere Cultur der Vorzeit durch ein Manuscript ofi^enbart, das ein Pfarrer zu Gochanzipä, Jose Domingo Duquesne, verfasst und 1796 Mntis ül^erreicht hatte.''") Diese wunderliche Schrift entwickelte die alte Weise des Zählens, namentlich des Multiplicirens , die ehemalige Be- nennung der Zahlen und die eigenthümliche Rechnung nach Mond- jahren; daran schlössen sich allerlei Mittheilungen nicht bloss über die Bedeutung der Zahlen-Namen und das Bestehen von Zahlen-Symljolen, sondern auch unklare Vermuthungen über Um- wandlung der Mondjahre in Sonnenjahre; auch sie wurden von Humljoldt unbesehen angenommen. „Nicht l)loss in Mejico und Peru", rief er staunend aus, „sondern auch am flofe des Königs von Bogota verstanden die Priester eine Mittagslinie zu ziehen — 1-23 — und den Aiigculiliek des Solstitiuins zu hoobaclitcn; sie verwan- delten das Mondjahr durch Einschaltungen in ein Sonneiijahr. Ich l>esitze einen siebeneckigen Stein, der zu Bogota gefundeu ist und ihnen zur 15erechnung solcher Schalttage diente." Iluni- lioldt freute sich dieser ersten amerikanischen Anti(iuität, die ihm zu Händen kam; er bezweilelte nicht, was ihm erzählt wurde, und citirte rasch Analogien aus Asien, alles dies um so bereit- williger, als er ^lütis wegen der Beiträge für die Sprachenbiliel auch für ethnologische Fragen für eine Art Autorität erachtete; wenn er in den Muvscas ein Volk sah, das an Höhe und Fein- heit der Bildung den BcAvolmern Penis und ^lejicos ähnlich war, so stand für ilin nichts im Wege, auch den ülnigcn Tra- ditionen zu folgen, welche die alten Chroniken ausführlich be- richten sollten. Er gewahrte wohl, dass ihre Sagen nicht einem und demselben Ursprung angehörten, allein er glaul)te doch ohne genauere Untersuchung im Grossen und Ganzen Zusammenhang und Methode zu finden. „Zu den Völkern, die noch roh und ungeschlacht ohne Gottesdienst und ohne Ordnung lel»ten, kam von den Ebenen des Orinoco, also von Osten her, ein Wundermann mit langem Barte und geschnittenem Haupthaare, unbeschuht, aber mit l)ekleideten Schultern. Die Alten haben für ihn drei Namen, unter denen der gebräuchlichste Böchica ist: vielleicht ein astronomisches Sinnl)ild der Sonne. Böchica führt ein Weib von grosser Schön- heit mit sich, welchem ebenfalls die räthselhafte Zahl dreier Namen gegolten Avird; er unterrichtet die Menschen in nützlichen Dingen, aber das Weib widerspricht ihm und verführt das Volk zu unheili »ringenden Lastern: eine Pandora. Sind das nicht echte Symbole zweier Principien, in denen das Streben roher ISIenschen, Gutes und Böses aus zwei verschiedenen Quellen al)zuleiten, zur Geltung kommt? Das Unheil stiftende Weilj l)ewirkt durch Zauberkünste, dass die Wasser der Bogotäer Hochebene an- schwellen und Alles in einen See verwandeln; die Einwohner flüchten sich auf die Randgel)irge. Hal)en wir da nicht ^lythen einer Localül)erschwemmung, einer Deukalionischen oder Ogy- gischen Fluth? Böchica verbannt die Frau von der Erde und verwandelt sie in den Mond, der nun erst entsteht und zur Strafe für das angerichtete Unheil bloss Ijei Nacht erscheinen darf. Die Völker Ijemitleidend, öllnet er den Damm, der das Tafel- — 124 — iand iimgie])t, und der schäumende Wasserfall von Tequendama ist da." Humboldt betrachtete derartige, hall) urkundlich l»eglaubigte, halb poetisch ausgeschmückte Tradition wie einen „geognostichen Roman"; wenn er auch hervorhob, dass die Tradition nicht die Erinnerung an ein wirklich erlebtes Naturereigniss zu sein brauche, sondern auch die spätere Deutung eines seit Urzeiten bestehenden Naturschauspiels sein könne, so war er doch geneigt, an eine Reminiscenz zu glauben, denn er hielt el)en das Becken von Bogota für den Boden eines elu^maligen Süsswasser-Sees. Am 26. August besuchte Humboldt, nachdem er zu Soacha die Ergebnisse der Ausgrabungen geordnet und in einem Schweine- hirten den angeblichen Nachkommen des Adelantado Quesado gesehen hatte, in der Frühe des Tages jenen Wasserfall von Tequendama. „Der Zugang zu dem Riesensturz ist ausserordent- lich beschwerlich; man hatte aljer die Artigkeit gehabt, den Weg so zu bessern, wie es kaum für Vicekönige geschieht. In den steilen Berghang waren Stufen gehauen und um den Absturz herum an den gefährlichsten Stellen hölzerne Geländer angeliracht. Das letzte Stück des aixschüssigen Weges ist liesonders beschwer- lich, weil der Boden vom Wasserniederschlag immer feucht und glatt ist. Das Felsenthor mit seinen horizontalen Kalkstein- Schichten, durch das der Strom sich ergiesst, ist eine Spaltung, ein Querthal; es fragt sich, ol) die Oeffnung von anfänglicher Enge allmälig zu ihrer jetzigen Breite durch den Stoss des Wassers sich erweitert hat, wie einige wissenschaftlich gebildete Einwohner und fleissige Beolmchter der Localverhältnisse be- hauptet haben. Das System allmäliger Wirkungen, der Gedanke an schwache, langer Dauer bedürfende Kräfte Ijefriedigt uns wenig beim Anblick der Erdtrümmer, welche unseren heutigen Wohn- sitz ausmachen. Ich sah den Wasserfall zuerst von der Seite, indem ich mich ausgestreckt auf eine Sandsteinbank legte, welche der Fluss zum Theil trocken lässt; dort zeigt sich eine Menge kleiner Pflanzen mit vielfach gefiederten feinen, fast haarförmigen WurzelJilättern , die in die tobenden Wasser tauchen. Darauf beobachtete ich die Scene in einiger Entfernung von vorn. Fälle in der Schweiz sind wohl höher, aber viel wasserärmer. Der Rheinfall, die Orinoco-Cataracten, die Niagara-Cascade sind un- endlich fluthreicher, aber es giebt, wie ich glaube, keinen Wasser- — 125 — fall von solcher Höhe, welcher so viel Flüssigkeit herabstiirzen und verdunsten lässt. Das Schausj)iel ist in der Tliat mehr schön als schrecklich; das Geräusch ist nicht beträchtlich, da wegen der grossen Höhe nur wenig Wasser unten anlangt und die Felsenkluft, welche das Bett des Flusses bildet, thii-ch ihre Enge und durch ihre Kriimniung die Foi-ti)flanzung des !r?challes hindert. Die Wasser schiessen Idoss bei hohem Stande in einem zusammenhängenden Sturze hinal), in einem von der Wand ent- fernten Bogen; ist der Fluss seichter, so bietet das Schauspiel von Absatz zu Absatz sich schöner dar. Am oberen Theile des Sturzes sieht man die weisse Fluth in i)erlenartigen Sill)erfäden sich zertheilen, aber in einer Tiefe von etwa 100 m liildet die Verdunstung des Schaumes ein Dami)fmeer; das ist ein Anblick, den ich bisher nirgends in solcher Schönheit gefunden hal)e. Man sieht das Wasser in der Luft verschwinden; Schaumflocken, welche durch die Schwere nach unten zu konisch sich spitzen, verlängern sich allmälig; das Volk vergleicht das Herabschiessen dieser Flocken nicht unrichtig mit Raketen, denn das Auge ver- folgt den Flocken und sieht ihn dünner und dünner werden, bis er endlich sich verliert. Nur einzelne volle Wasserstränge ge- langen unverändert auf den Boden der Felskluft: sonst Alles Schaum und Dampf. Die Verdunstung ist so gross, dass, von vorn gesehen, der Wasserfall einem Silberteppich ähnelt, dessen Ränder nur hie und da die Erde berühren." „Von 7 Uhr ^[orgens bis 2 Uhr Nachmittags untersuchte ich die schöne, auch durch ihre Steinkohlen merkwürdige Um- gegend des Wasserfalls. Es gelang mir, die Instrumente in die Schlucht selbst, bis zum Fuss der Cascade, zu bringen; man braucht drei Stunden, um auf einem schmalen Steige, dem soge- nannten „Schlangenweg", spinnenartig hinabzuklettern. EtAva 140 m vor dem durch den Wasserprall ausgehöhlten Becken mussten wir stehen bleiben. Der Boden dieses äussersten Ab- grundes ist nur schwach vom Tageslicht erhellt; die Einsamkeit des Ortes, der Reichthum des Pfianzenwuchses , das entsetzliehe Getöse, Alles das macht den Fuss des Sturzes zu einer der wil- desten Gegenden der Cordilleren; es ist ein acherontisch schau- riger Ort. Nur Jose Ayala y Vergara hielt bei nur aus: die Nässe in der Felskluft zog mir ein starkes Leil)weh zu, wie ich denn überhaupt die kni'zc Expedition sehr mühsam fand." — 126 — Erklärte der mächtige Eindruck des Falls von Tequendama alte Sagen, so konnte der öde und schauerliche, nur von Hoch- steppen umgebene Guatavita-See'^') Mancherlei von den Erleb- nissen der ersten Entdeckungsfahrer erläutern. Jener Chronist Piedrahita erachtete das fast auf der äussersten Kuppe des Hoch- gebirges belegene Gewässer für den See, in welchem jener gold- glänzende Häuptling sich zu baden pflegte, von welchem im sechszehnten Jahrhundert so viel geredet worden war und der Ausdruck Eldorado stammt. „Gonzalo Jimenez de Quesada, neben dem Deutschen Federmann und dem Spanier ßelalcazar der Begründer von Bogota, drang den Opon-Fluss hinauf und ward, gleich nachdem er Salz gefunden hatte, durch missver-' standene Nachrichten ül)er den Dorado und die Guatavita-Lagune zum Weiterziehen aufgemuntert; er überstieg das Gebirge und kam bald zur Hochebene." Bogotaer Chronikschreiber des sieb- zehnten Jahrhunderts, die ihre mehr begünstigten Nelienbuhler von Lima und Mejico beneideten, erblickten den einzigen Ersatz, den die Vorzeit für die Wunderdinge von Peru und jNfejico ge- währen konnte, in dem See von Guatavita; dahin wurde von ihrer Willkür el Dorado, der viel berufene güldene Prinz ver- setzt. Diese Schriftgelehrten thaten so, als habe auf der Hoch- steppe ein Mann, dessen täto wirter Körper, statt mit Pflanzen- farlje, mit Goldstaub verziert war, nackt einhergehen oder gar in eisigem Wasser der Päramos sich baden können. Humboldt's Reise nach dem erbärmlichen Orte Quasca und der von doi-t be- ginnende Aufritt auf die unwirthliche Hochsteppe war erschöpfend und erfolglos. Gebildete Bewohner der Hochebene vor Ankunft der Europäer, Fluthsagen von charakteristischer Art, oifenbares Hineingreifen alter Gottesdienste: diese drei Momente begrenzten Humboldt's ■Vorstellungen von der Vergangenheit des Bogotäer Landes. Dem Naturforscher, den praktische Fragen auf Schritt und Tritt in Anspruch nahmen, fehlte noch historisqjier Einblick in die Vor- zeit des fremden Landes; er zog das Studium der jüngsten Ver- gangenheit vor und verschaffte sich höchst interessante zeit- geschichtliche Quellen, welche hinsichtlich der letzten dreissig Jahre viele praktisch Avichtige Thatsachen ans Licht l)rachten. Schon in der heissen Zone hatte Huml)oldt manche amtliche Daten ül)er die spanische Colonial-Wirtlischaft erhalten: allein — 127 — das waren nur al)geri8sene Details gewesen, die zwar nicht un- richtig, aher doch recht langweilig und auch fragwürdig waren. In Bogota gal» ihm der eigene Einfluss und der gute Wille jenes Tejada ganz neue Aufschliisse iiher die jiingste Entwickelung imd die Gegenwart; er enii>fing die sonst geheim gehaltenen hand- schriftlichen Rechenschaftsberichte der drei letzten Vicekönige. In ihnen fanden sich die merkwiirdigsten Dinge iiber Land und Leute, Anbau und Bergwerkswesen, über wilde Indianer, Steueri)rqiecte, Weganlagen und dergleichen mehr. IIuml>oldt ahnte den vollen Wertli dieser Materialien, aus denen ein allen europäischen Voraussetzungen so entgegengesetztes Wesen sprach. Da er die Einzelheiten noch nicht zu würdigen vermochte, schrieb er selber Bogen für Bogen ab, mochten sie über Kirchen- patronat, Kriegsbereitschaft, Rechtspflege, Polizei oder noch so eigenartige Fragen handeln; er begann eine staatswissenschaft- liche Beschreiljung von Neu-Granada.^^) In diesen Berichten interessirten namentlich zwei Angaben, die geogi'aphisch von grosser Tragweite zu sein schienen. Schon zu Cartajena hatte Humboldt gehört, wie in der Gegend der Cupica- Bucht und des Napipi -Flusses die pacifische Küsten- Cordillere so tief sich senke, dass ein Uebcrgang von dem Stillen Meere nach den Gewässern des Atrato-Stromes, ein inter- oceanischer Canal,'^) ohne erhe1)liche Schwierigkeiten zu bewerk- stelligen sei; die Vicekönige bestätigten den so merkwürdigen Sachverhalt. Die andere Thatsache, die in diesen Berichten bestätigt wurde, bestand darin, dass tief im Innern Neu-Granadas, im Chocö-Land,^*) die Wässer der atlantischen und pacilischen Seite so nahe aneinander stiessen, dass die Indianer ihre Boote ül)er eine Scheidewand zu schleifen vermochten; für das geo- graphische Verständniss des Landes schien eine derartige Notiz von grösster Bedeutung zu sein. Zu Bogota wurden, wie duieli (li(; erste wissenschaftliche, so auch durch die erste politische Autorität, Aufschlüsse von ganz besonderem Werthe geliefei-t; in vielen Bezic^hungeu idciili- ficirte IIuml)oldt seine Ansichten mit den Anschauungen der königlichen liotanischen Expedition und der königlichen Regie- rungskanzlci , allein in den Hauptsachen gab er seine Selbst- ständigkeit keineswegs gefangen. Klaren Blicks ei-kannte er zum Bei.sj)i('l die iiinnst unter den Möiieheu <:;ieltt es Neuerer. Umsonst ward vor Kurzem diese neue Philosoidiie l»ei Strafe der Amts- entsetzung den Leinern au hiesiger Hochschule verboten, die Jugend studirt für sich weiter; erst kürzlieh ereignete sich eine wunderbare Geschichte: es wollte nämlich Pater Rojas, der liebenswürdige Augustiner - >röneh, ölVentlich im Convent das Copernicanische System vertheidigen; dagegen rührte sich der Dominicaner-Orden sowie Plaza, der Kron-Fiscal. Der Yiceköiiiir überliess die Entscheidung geistlichem Spruch und nun übei-- zeugte der alte Miitis den erzluschöflichen Patli, dass das New- ton'sche wie das Copernicanische System nicht bloss in Ilypo- tbesi, sondern auch in Thesi vertheidigt werden könne, dass der apostolische Stuhl niemals gegen Copernicus sich ausgesprochen habe; zudem besitze eine Sentenz der römischen Lnpiisition in spanischen Landen keine rechtliche Kraft; die Oflenbarung er- strecke sich nicht auf astronomische Fragen. Jener Augustiner- Mönch vertheidigte also kurz vor meiner Ankunft öflentlich seine Thesen, und jetzt lodern in Bogota, da der A^icekönig die Vor- schläge für Lehrstühle der Chemie, Physik, Anatomie und Phy- siologie gebilligt hat, neue llofl'nungen auf." An solche Hoflnungen glaubte Humlioldt von ganzem Herzen; er hielt das in der Mitte von Neu-Granada wohnende A'olk für gesund, das der Hochebene insbesondere für eutwickelungsreif; fand er dort doch nicht die Krebsschäden der Küstengel )iete: die Sclaverei und die Vermischung mit äthiopischer Rasse. Seit dem Magdalena-Thal hatte er nur wenige Schwarze gesehen. „Von Antio(piia wird nach dem Cauca-Thale, namentlich nach Popayan hin, ein bedenklicher Handel mit Sclaven getrieben; hier oben ist es anders, aller Boden liegt in der Hand einzelner Reicher, die übrigens an ihren Sitzen zugleich Ortsvorsteher und Schänk- wirthe sind; der Feldl)au geschieht durch freie Leute, welche Erbzins zahlen, so dass sie nicht willkürlich vertrieben werden können. ^lan zwackt ihnen freilich die Feldfrüchte möglichst billig al», indem man ihnen Geld vorzuschiessen versucht, was in Amerika ül)erall, wo freie Arbeit sich findet, das grosse Uebel zu sein scheint; bei Baumwolle, Cacao, Tabak, Indigo wie l)eim Zucker macht sich der Reiche so zum Herrn der ihn umgebenden Aermeren — allein wie viel nützlicher ist dieser Anbau in den Händen ein- Scbumacber, SUdami'rik. Studien. q — 130 — zelner Familien, von denen Vater und Sohn selbst die Erde bestellen, als der grosse Negerbetrieb, bei welchem jedes Blatt, jede Frucht, ja jeder Safttropfen Blut und Aechzen kostet. Zwar entl)ehrt die auf Familien vertheilte Industrie der grösseren Maschinen, was z. B. in Guaduas beim Zuckerl )au drückend gefühlt wird; wie gross ist aber doch der moralische und politische Vortheil, keiner Sclaven zu bedürfen, den Boden von freien Händen be- arbeitet zu sehen! Der Betrieb durch Sclaven setzt unnatürliche Verhältnisse voraus und begründet neue, noch unnatürlichere; was gegen die Natur verstösst, ist unrecht, ist schlecht und ohne Bestand." Der Aufschwung der freien Arbeit auf der Hochebene von Bogotji interessirte Humboldt in allen Phasen und Formen. „Bei Soacha wachsen in den Klüften des rölligen Gesteins knorrige Cactus-Stämme, auf denen arme Landleute vortreö'liche Cochenille ziehen; ich habe die neue patriotische Gesellschaft aufgefordert, diese Cultur durch Prämien zu heben." Zur Förderung der wirthschaftlichen Verhältnisse in Bogotas Umgebung erschien ihm als erste Hauptsache die Anlage eines Ijrauchbaren Weges nach Honda, dessen Kosten ein Zoll sicher decken werde. Ausser- dem aber sprach sich Huml^oldt in eifrigen Worten für die Noth- wendigkeit aus, der Hauptstadt den Zugang zum Orinoco zu er- öffnen, nämlich die grosse Wasserstrasse des Meta-Flusses. „Wäre auf ihr der Handel noch wie ehedem ei'lauljt, so könnte das Salz dieses Landes ein wichtiger Handelsartikel für grosse Theile Venezuelas werden, denn es mangelt in der Provinz Apure und in einem Theil von Guayana; Varinas l^ezieht es zur Zeit über Barcelona und Puerto Cabello. Die Verkehrsfreiheit könnte ausserdem in hiesigen Gegenden den Weizenl)au beleben, da dessen Ernten ebenfalls nach den Aufschwung nehmenden Provinzen Venezuelas ihren Abfluss finden würden. Den Nutzen und Segen dieses Handelsweges leugnet nur der Eigensinn von Carta.iena und die dortige Vorliebe für den Verkehr mit dem Auslande. Die Eröffnung des Geschäfts von Tegua und von Medina, das für Ijogota wegen der A-^ersorgung mit Rindvieh so wünschensM'erth ist, würde die Getreide-Ausfuhr sehr erleichtern. Man entgegnet darauf bloss, dass der Schleichhandel sich vermehren werde; aber in Wirkliclikeit ist dies nicht zu fürchten, da trotz aller Vor- sichtsmaassregeln in diese ungeheuren, die ausgedehntesten See- — 131 — srrenzen dailiictcmlon Colonien doch Alles hincinkoumit, was das Volk iKMlai'f. J.st der Sehleicliliaiidel liilliirer iilicr d(Mi Aleta-Fluss als über den Saiitainaita-IIaren, so wiiil letzterer sich verinindeni, ersterer jedooli in Wahrheit der Ileoieruiig nicht «!:erährlich werden." Diese Vorschlä<^'e unterbreitete lluniliohlt dem A'iceköni<»-e in einer ei<2;enen DenkschriTt; im Tagel)uch aber schrieb er frleidi. zeitijr: r-J'^i" (hatiucr Geistlicher lianion Goniez will es nnter- nehnien. den Weg- zum Meta-Fluss zu eroflnen; ehe noch die Anslidnung des Planes begonnen hat, ist er in einen Process verwickelt worden. Hier im Lande ist kaum au (his Nothwen- digste, an Wege, zu denken; denn wo Maulthiere gehen können, verlieren die Lastträger ihr ]5rot, und ehe neue Strassen geplant werden, sind die alten, auch uothwendigen, gangbar zu machen." Der Monat September war angebrochen und die Al)reise vor der Tliiir. „Unser sechswöchentlicher Aufenthalt konnte Mütis leicht lästig werden, denn er beherbergte uns; ausserdem wuchs die Gelahi-, dass wir die Wellumsegelungs-Expedition in Guayaquil verleiden möchten. Endlich war JJonpland so weit genesen, dass zur Abfahrt gerüstet werden konnte. Die letzten Tage in Bogota sind fürchterlich gewesen; wir waren mit sehr vielen Menschen in A'erl>indung getreten, während ich noch die Denkschrift über Zipaqnini zu Ende Imngen musste, machten diese Alle ohne Ausnahme Besuche. Wir erhielten Emi)fehlungsbriefe für sämmt- liche Stationen des Weges bis nach Popayan, wo Ca'ldas zu treffen ist. Von allen Seiten bot man uns Baargeld an, so Tejada wie Mütis selljer. Am 6. Septeml)er schiieb ich an Wilhelm: am 7. erhielt ich den ersten Brief aus Europa, der mich in diesem Lande erreichte. Er sprach die Besorgniss aus, ob auch der Sturz des Ministeriums Urquijo meiner Reise hinderlich sein werde." Dies war die erste Kunde von der grossen reactionären Umwälzung, die in Spanien sich vollzogen hatte; am Tage ihres Eintreffens sollte nach Humboldt's astronomischen Handl>üchern eine SonnenlinSterniss stattfinden, jede halbe Stunde; wurde die Sonne beobachtet; die Flecke, welche drei Tage zuvor auf ihrei- Scheibe erschienen waren, zeigten sich nicht mehr, aber die A^er- finst(»rung war für Bogota nicht sichtbar. „Am nächsten Tage geschah unsci- Ausritt mit elf rjnsttliiri'on: der Abschied im 9* — 132 — Miitis'schen Hause war rührend. Der alte Mann überhäufte uns mit Güte und mit Wolilthaton; er gal) uns Speisevorrath mit, den drei stämmige Maulthiere kaum f()rtschlep])en konnten. Unser Abzug war fast so glänzend wie unser Einzui>-. Eine "'rosse Pchaar von Reitern l)egleitete uns l)is zur Brücke von Boza, avo Abschied genommen wurde; nur Josd Ayala y Vergara ritt weiter mit. Wir erreichten nicht Cibatt^, wo Avir schlafen solltcMi, blieben vielin(;hr in Puente Grande. Am 9. Se])tember ging es über die unwirthliche Hochsteppe von San Fortunato und dann durch einen unendlich schönen Wald zu dem lieldich l)el(;genen Ort Fusagasuga, der schon der wärmeren Zone angehört; dort besitzt Lozano ein hübsches Landhaus." Hie Reise rückte von hier m\y langsam weiter. Das Mag- dalena-Thal wurde gekreuzt, die neugi-anadinische Mittel-Cordiller(i überstiegen, das Cauca-Gel)iet aufwärts durchzogen, l)is endlich nach zwei Monaten Popayan erreicht war: der Geljurtsort von Cäldas. Mit wehmüthiger Freude folgte der alte Mütis in seinen Gedanken den kraftvollen europäischen Gelehrten, deren An- Avesenheit ihm den Leljensabend so A'erschönt hatte. Als ihn ein Vierteljahr später die Brüderschaft des Colejio del San Rosario als ihr Mitglied aufnahm, sah er in dem feierlichen Act vom 14. December einen Beweis, dass der Verkehr mit den fremden Gelehrten die Bogotaer über seinen eigenen Werth und eigenen Ruhm belehrt habe. Von sell)stständigen Leistungen musste er nun absehen, denn seine Kräfte schAvanden schnell dahin; aber, l)isher ohne Schüler dastehend, empfand er in den letzten sieben Jahren seines Lebens, der Zeit persönlicher Ohnmacht, das Be- dürfniss, jungen Kräften neue Wege zu l)ahnen. In der Heran- bildung einer neuen Generation fühlte er sich in die eigene Jugend zurückversetzt und l>lieb l»is an sein spätes Ende ein Förderer Avissenschaftlicher L^nternehmungen in Humboldt'schem Geiste, II. F'rMviicisco Calclas, iBK- 1. Studien in Popayan und Umgebung. Die kaum nu'lir als 7000 Bewolinei- zählende, von allon Culturl)crciclien weit entfernte Stadt Popayan ''■'') gewälirte am Anfang-e dieses .lahrhunderts einen Anblick tiefen Verfalles in Haus und Hof. Die bischöfliche Kathedrale lag heinahe in Ruinen; der Marktplatz, kaum zu zwei Drittheilen von niedrigen Ilausern umgeben, stand fast ganz unter Grras; die Wohnung des Gouverneurs war wenig mehr als eine Hütte; die äusserlich kaum hervortretende Münzstätte hatte für den Verkehr keine Bedeutung, selbst das berühmte Kloster der einflussreichen Frau- ciscaner bot wenig Sehenswerthes. Humboldt und Bonpland erreichten diesen Ort am 4. November 1801, etwa zwei Monate nach ihrer Al)reise aus Bogota. Von Fusagasuga waren sie über Pandi und Contreras nach Ibagud gegangen und von dort Ende Septeml^er und Anfang October auf dem unwirthlichen Quindiu-Pass über die Mittelkette der neugranadinischen Anden; sie waren erst in Cartago von den Stra})azen erlöst und dort nach einiger Rast auch von ihren Fusswunden l)efreit worden; dann hatten sie endlich über Buga und Cali das goldreiche Thal des Cauca-Flusses stromaufwärts durchmessen. „Die Stadt Popayan", so schreilit Hum])oldt, „findet sich noch da, wo ehedem ein Häuptlingssitz der Purace-Indianer stand, der hohen Bergkette gar zu nahe; ihre Lage ist so male- risch, dass man über schlechte Bauweise bald getröstet wird. Das niedrige Flussthal, oflenl)ar ein alter Seeboden, schliesst sich oberhalb von Cali, etwa liei Quilichao; allein auch Aveiter nach Süden hin zeigte sich, ol>wohl das Feld hügelig wird und un- gefähr 300 Toisen höher liegt, die Fortsetzung der Thalbildung. In ihr wälzt dei- Cauca-Strom seine un])ändigen, jeder Schill'fahi-t — 136 — trotzenden Wogen dnreh seliluudartige Yertiefungen. Der Stock der grossen Mittel-Cordillere Itaut sich ainpliitlieatralisch auf; die Felsuiassen von Santa Bjirl»ara und Coconucos folgen. Dann steigen schneebedeckte Vulcane empor: hier der Ireundliche, ja feierlich geschmückte, aus l)reiter Basis dachartig sich erhellende Pui-ac^, dessen Schneemantel scharf contrastirt gegen das schwarze, vegetationslose Gestein, aus dessen Tiefen, Opferfeuern gleich, I)ampfsäiüen aufsteigen; dort der ernste, düstere Sotarii mit ali- gestumpftem Kegel. Südlicher erscheint l)ei heiterem Himmel in blauer Feme, fast gespenstartig, der schlanke Zuckerhut der Teta de Mazamorra, gegen Nordosten der wetterverkündende Cerro Pusna, hinter dem in kalter Grösse der Unine-gatuna her- vorbricht. Andauernder Wolkenwechsel an der ungeheuren Berg- kette lässt selten ganze Tage lang ein so grossartiges Schauspiel gemessen. Gegen Westen von Popayan steht in der Mitte des Thalgi'undes die isoliile Riesenkuppe von Julumito, inselförmig, schon aus weiter Ferne erkennltar. Dahinter erhebt sich die Cordillera del Chocö: die am linken Ufer das Thal abgrenzende waldige Bergkette. In der Stadt selbst zeigen sich an allen Ecken prächtige, schlanke, fünf- bis siebenseitige, basaltähnliche Säulen, darunter findet sich eine offenbar Ijehauene, wie wir denn auch in einem Hofe zwei etwa vier Fuss hohe Statuen mit Kopf, Perlenschmuck und kleinen Händen antrafen, alier ohne Füsse. Grosse Gesteinmassen müssen hier in Vorzeiten künstlich bewegt worden sein, um Grabstätten zu bedecken." „Boden und Klima sind freundlicher als in Bogota: allein hier hat das Goldsuchen den Ackerljau nicht aufkommen lassen, ist doch Popayans Umgebung kaum mehr als eine grosse Weide mit schlechtem Yiehstande. Die Stadt holt nicht bloss Rind- fleisch, sondern auch einen grossen Theil des Cacaos aus dem Magdalena-Thale sowie Mehl aus den Bergen von Pasto." Auf dem Markte der Stadt sah Humljoldt die Kalkerde, die als Speise feilgeboten "wurde, da man sie mit Coca ass; aus dem Archiv jenes Franciscaner-Klosters erhielt er nach vielen Mühen zwei Briefe des Mönchs Jose Joaquiu Barrudieta vom 25. November 1761 und 23. Juli 1763, welche ihm für den Lauf des Caqueta- Stromes "gichtig zu sein schienen; vor Allem war es das Problem des Erdmagnetismus, das ihn lebhaft fesselte und immer länger in Popayan festhielt; ausserdem ^vui-den umfangreiche Mineral- — 137 — Saiiiiiiliiiiircii tili- is zur Schueelinie führte und die Untersuchung von drei Kratern gestattete. „Dem Ilauittschlunde entfuhren damals rothgeU)e Scliwereldäm})le mit einem Gezisch, das stärker war als der Lärm von vierzig Schmiede-P]ssen in vollem Geldäse und ähnlich dem Ton einer Dampfmaschine, deren A>ntil am Cvlinder plötzlich geöÜnet Anrd; man hat lange Zeit Mühe, seinen Sinnen zu trauen, und ist stets geneigt, den Schwefeldampf für Flammen zu halten. Im südlichen Theile des Schlundes sah man deutlich einen siedenden, mit Schwefelhaut bedeckten Wasserspiegel." Bei der Besteigung des Purace wurden die Fremden von dem Vorsteher des genannten Klosters, Francois Pugnet, be- gleitet, was um so anerkennenswerther zu seiu schien, als das Wetter weuig einladend war. Die Leute, mit denen Humboldt und Boni>land in jener Oase verkehrten, waren theils Spanier, die schon seit Jahrzehnten am Orte lebten, wie Diego Nieto, der Gouverneur, der zugleich mit Miitis und PJscallon die europäische Heimath verlassen hatte, oder wie Francisco Diego, der Tabaks- Administrator, ihr Wirth, der mit Moreno ins Land gekommen war, wie der ^lünzmeister Joaquin Valencia, ein Bruder des in ^ladrid lebenden Grafen de la Casa Valencia; theils waren, ihre Bekaimten auch Creolen, wie Manuel Alvarez, ein Schwager der Bogotaer Lozanos, wie Manuel ^laria Arboleda, der Provisor des Bisthums, ein Verwandter von Caldas, „entschieden der an- genehmste Mann der ganzen Stadt, einfach, launig, thatkräftig, völlig uneigennützig und von dem besten Weltton im geselligen Leben, al)er ein Gegner des Gouverneurs, wie denn solche per- sönliche Gegnerschaften hier im Lande ülterall sich zeigten." Auch der Bruder dieses Geistlichen, Antonio Arboleda, gefiel den Fremden wohl. Humboldt schrieb an Mütis in einem Briefe vom 2'). November 1801, dem er Prolten der Bambusa beifügte: „Die Bewohner Popayans haben eine höhere Bildung, als sich erwarten Hess, aber doch weit geringere, als sie selber meinen. Hier halten sich Alle, die Tissot gelesen, ITir Aerzte, kennen — 138 — Alle Physik und Chemie, wenn sie in ein Buch über „Die Wunder der Natur" hineingesehen haben. Ausserdem ist hier der Sinn für die Wissenschaften, auf den man so viel sich einbildet, that- sUchlich nur schwach. Kaum hat uns Jemand auf unseren schwierigen Fahrten begleiten wollen; Niemand hat uns nach dem Namen einer Pflanze, eines Steines gefragt oder aus eigenem Antriebe die Wimderwerke untersucht, die iimd umher lagern. Trotzdem freue ich mich, hier doch einige gute Anlagen zu sehen; es zeigt sich ein geistiger Aufschwung, wie er 1760 noch nicht l)ekannt war. Hier giebt's doch ein Streben, gute Bücher zu besitzen und die Namen hervorragender Männer kenneu zu lernen; es giebt eine Unterhaltung, welche interessantere Gegen- stände bewegt, als die Frage wegen Geburtsvorrecht und Adel: es giebt mehr Kenntnisse und Httlfsmittel fürs Wissen, als sogar in Havana. Das ist gute Vorbedeutung, allein der jetzige noch unvollkommene Standpunkt kann nur dann verlassen werden, Avenn die Unterrichts- und Erziehungs- Grundsätze vollständig sich ändern. Es muss erkannt werden, dass in zwei Tagen nicht Alles sich erlernen lässt, dass es gut ist, wenig zu wissen, das aber gründlich; unser Geist gleicht dem Wasser, welches an Tiefe in demselljen Yerhältniss verliert, in dem es über die Erdfläche sich ausdehnt. Ausserdem können die dem spanischen Amerika noch fehlenden physikalischen Wissenschaften nur in einem starken und kraftvollen Geschlechte feste Wm-zel schlagen; was lässt sich von einigen jungen Leuten erwarten, welche, umge1)en und bedient von Sclaven, die Strahlen der Sonne und die Tropfen des Thaues fürchten. Solche Jugend kann nur eine verweich- lichte Rasse geben, eine für die grossen von den Wissenschaften und von der Gesellschaft geforderten Opfer unfähige Rasse." Cäldas war damals in Popayan nicht anwesend; über ihn hörte Humboldt nur durch Dritte. Er preist ihn am 15. November in seinem Tagebuch. „Geradezu ein Wunder in der Astronomie, arbeitet er hier im Dunkel einer al)gelegenen Stadt seit Jahren; Ins vor Kui'zem hat er von dieser ultima Thule aus kaum weitere Reisen als nach Bogota unternommen. Sich selber hat er die Instrumente für Messungen und Beol)achtungen hergestellt. Jetzt zieht er Meridiane, jetzt misst er Breiten! Was A^iirde solch ein Mann in einem Lande leisten, avo mehr Unterstützung ihm zu Theil Avürde! Es geht doch durch dieses Südamerika ein wissen- — 139 — scliartliclics Di-äiigvii, das (lahciiii uanz uiil»ckamit ist, hier alicr grosse UiiiwaiKlliiiiji'cu /tir Foluc halicii wird." Der ^rami, den Iliiinlioldt uiul JJonplaiid so ^cnic in der dürltig" ausgestattctcu Arltoitsstube seiner Grebiirtsstadt ülier- rascht hätten, der Itescheidene Altersgenosse von Zea, war gleieli diesem in Popayan durch den anregenden Unterricht von Felix Restrepo zu höheren AutTassungen vorl)ereitet worden: er hatte Ireilich später in Bogota' studirt und dort auch einige Freunde gewonnen, namentlich Francisco Antonio Ulloa, alier ihm hatten nicht die Sterne geleuchtet, unter denen Zea ein Liebling von Mütis, ein Märtyrer ITir Jung-Hogotä und ein Stndienreisender in Europa geworden war. Da erschien i)lötzlich füi- sein zielloses Lelien ein Leiter: der königliche Botaniker und Astronom Doctor ^fütis, der Patriarch neugranadinischer Wissenschaft. Durch numl)oldt's Reiseplan war ein Brief hervorgerufen worden, den Caldas schon am 3. August 1801 von Mütis empfangen hatte. „Welch ein Schreiben — zwei neue Barometer-Röhren, zudem die Meisterwerke eines Linne; solch eine Art des Ver- kehrs ist eigenthümlich, denn sie wählt eine Form, welche die ungebildetsten Völker kennen, aber nur die grossen Geister ge- bi-auchen. Ich gestehe, dass ich iil)er dies Gastgeschenk ebenso erstaunt Avie dankl)ar bin; nicht genng kann ich es bewundern, dass ein Mann von Ihrem Verdienst eine; Skizze, die ich einem Freunde sandte, so w^ohl wollend entgegengenommen hat, dass dieser Mann mir zu schreil)en wünscht, es Ijedauert, mich bisher nicht gekannt zu haben, dass er mich ohne mein Wissen unter- stützt, ja mir Bücher und Instrumente sendet. Jcii fürchte, dass Fremde, geblendet durch die Liel)e zu mir, meine Kenntnisse übertrieben haben. Sic vermeinten vielleicht einen Gelehrten vorzustellen, einen Mann, Avelcher an Ihren weisen, tiefen und langjährigen Forschungen theilzunehmen vermöge; ich deidce in ganz anderer Weise. Welch ein Abstand zwischen uns Beitlen! Mütis gelehrt, ein Freund von I^inne, bekainit in Europa, Leiter eines glänzenden Unternehmens, dessen werthvolle Früchte mit Ungeduld von der wissenschaftlicluMi Welt erwartet werden, und ich? Ignorant, selbst meinen Landsleuten unbekannt, in einem Winkel Amerikas ein dunkles, l)isweilen klägliches Lel)en fristend, ohn(! Bücher, ohne Instrumente und andere wissenschaftliche Flülfsmittel, ohne irgeiuhvelchen Nutzen fiir mein \^iterland. — 140 — Dieser uiigelieure Uuterscbied der Glückslage und -des Wissens macht mich Ijangc, denn ich nehme nicht den Schein eines stu- dirten iNIannes in Ansj)rnch, da ich es nicht l^in." „Meine erste Erziehung war gering. Sechzehn Jahre alt, sah ich 1787 einige geometrische Figuren und einige Glolten. Glücklicherweise traf mich ein einsichtsvoller Lehrer, welcher jenes scholastische Zeug verachtete, das bei uns die schönsten Fächer der Wissenschaften überwuchert hat. Unter seiner Füh- rung widmete ich mich nach und nach der Mathematik und Experimental-Physik, so gut es ging; dann wurde ich zur Haupt- stadt gesandt und hörte in einer ihrer Schulanstalten die Un- gereimtheiten der Materia prima. Ich war nicht geltoren, Rechts- gelehrter zu werden, und fand weder an den Leges noch am Justinianus Geschmack ; so verlor ich die werthvollste Zeit meiner Jugend. Heimtiekehrt mit einem Universitätsgrad, der keine Kenntnisse verlangt", — Caldas wurde am !26. October 1788 JJacca- laureus der Jurisprudenz — „widmete ich mich leibhaft der Astronomie, die ja zur Schiffl'ahrtskunde , zur Geographie, zur Chronologie in so enger Verljinduug steht; aber was konnte ich leisten in einem Lande, in Avelchem Cii-kelquadranten, Teleskope und Pendel selbst dem Namen nach unbekannt waren? Vier Bücher, die ein glücklicher Zufall mir in Popayan zuführte, gaben mir von jener Wissenschaft und ihren Instrumenten Kunde; ein kleines Gnomon, das ich anfertigen liess, machte mir Sonne und Planeten l)ekannt, aber ich konnte keinen Schi'itt weiter thun, ol)wohl die Noth wendigkeit, mir mein Brot zu suchen, Gelegenheit darbot, das Studium ein wenig zu erweitern." So war Caldas wie ein Hausirer in den Gelneten des oberen Magdalena-Thaies herum- gezogen. Der zweite Aufenthalt in der Hauptstadt, der ins Jahr 1796 liel und mit Erwerbssorgen zusammenhing, verschaflfte dem immer kraftvoll vorwärts strebenden Manne einige literarische Hülfs- mittel, a\)Gv nur wenige. Er sagt: „In Bogota sah ich damals zum ersten Male das Astronomie -Werk von Joseph Jerome la Lande sowie Besout's Schrift ül)er die Elemente. Derartige Bücher bewiesen mir die Unmöglichkeit, im spanischen Amerika Astronom zu sein. Trotzdem schrieb ich aus der letzteren Schrift die Sonuentafeln a]), um tlie Declinationen berechnen und sie bei meinen Breite-Beobachtungen benutzen zu können; ich kaufte — 141 — auch oineii Coiupass, ein Schiffsharometer, zwri Thermoinctci' 1111(1 ciiKMi Rcficxions-Octanten; darauf lolgtcii praktisclic Mcs- sun<^on. Am lo. August luaass ich die Hölic der (luadalupe- Kapclle; im Octoltcr brach ich von I>og<)t;i wieder auf. um di(( Lage der Orte, die ich (hirchzog, astronomisch zu liestimmen; ich maass barometrisch die llöho von Lauu'sa, Tocaima, .Jijante und Pital; dort zei-brach mein Instrument; als ich nach 'J'imana' kam, waren die Oerichtsgren/.en zwischen diesem Amte und (h'in von Laplata streitig, deshalb übernahm ich es, die Ihnen bekannt gewordene Jurisdictionskarte anzufertigen. Die M()nd-KclipH(! vom 3. Deeember 1797 bot mir einen für meine Zwecke günstigen Aidialt: l»ei der Beobachtung half mir der Pfarrer von .lijante." Damals durchwanderte Cjüdas die ganze Timanu-Gegend und Hess dabei sein(> kartogra])hisclieu Zwecke nie ausser Augen. ^'') Am "24. Januar 1798 entdeckte er die grossartigen Alterthümer von San Augustin, die einen tiefen Blick in die noch ganz dunkle Vorgeschichte seines Heimathlandes gestatteten. Der erste Ort, den der !Magdalena-Strom bespült, ist der namenlosem Wohnsitz weniger Indianer-Familien; in der Nähe dessellien hnden sich die Spuren eines längst verschwundenen, aber ehedem kunstverständigen und arl)eitsamen Volkes: Standbilder, Säulen, Bethäuser, Tische, Thiergestalten, das Bild einer riesenhaften Sonne. Alles dies von Stein und in reicher Anzahl zeigt uns Charakter und Kraft eines grossen Volkes, das ehedem die Ufer des oberen Magdalena l)e- wohnt hat. „Als ich diese Oertlichkeit 1797 besuchte, sah ich mit Bewunderung die Kunstleistungen einer sesshaften Nation, von denen kein Geschichtschreiber die geringste Kunde uns be- wahrt hat. Es würde sehr interessant sein, die in der Nachbar- stadt San Augustin zerstreut sich findenden Stücke zu sammeln und zu zeichnen; sie würden die Stufe der Sculptur zeigen, zu der die Bewohner dieser Gegenden einmal gelangt sind und uns Proben ihres religiösen und politischen Lebens verschaflen. In den Wäldern von Laboyos und Timana kann man keinen Schritt thun, ohne auf Reliquien einer grossen, jetzt versch^\ull- denen Stadt, des ehemaligen La Plata, zu stossen." Nach Popayan zurückgekehrt, erlangte Cjildas bei den Ar- l>oledas die Gestattung, seinen wissenschaftlichen Bestrebungen weitei" zu folgen: aus Cali wurde ein achromatisches INdeskop beschaiVt, aus der Nachbarschaft Hessen einige 'riieiinometer und — 14-2 — Barometer sich besorgen: bald waren soviel Instnimente bei- sammen, dass Caldas vier Emersionen des ersten Jupiter-Trabanten beoljachten konnte, die erste am 22. December 1798. Der rast- lose Mann verfertigte für seine wissenscbaftliclien Arbeiten mit grossem technischen Geschick verschiedene Apparate selbst; er schuf sich eine genau zu regulii-ende Sonnenuhr und ein Werk, welches für astronomische Zwecke ausserordentlich Itrauchbar war. Pombo, der diese in seiner Heimathstadt sich entwickelnden Bestrelumgen regen Sinnes verfolgte, kaufte mit Rücksicht auf sie von Humlioldt einen Bii-d'schen Cirkelquadranten. Die ^lessung von Berghöhen ' ') beschäftigte den immer eifriger werdenden Sohn der Anden granz besonders. Als Ciüdas 1800 mit Jos^ Antonio Ai'boleda und Jose Hurtado den Yulcan Purace erstieg, brach das letzte Thermometer-Rohr an einem Ende. „Ich hoffte, dass kochendes Wasser mir so wie sonst den Siedepunkt, und dass der Schnee den Gefrierpunkt angeben werde ; der zwischen diesen beiden Punkten liegende Raum in 80 Grade getheilt, sollte meiner Meinung nach ein neues Thermometer darstellen, allein ich fand, dass die Eintheilung in Grade viel enger wui'de. War denn der Schnee über Popayan kälter als anderswo? Der Siedepunkt musste sich geändert ha])en! die Hitze des kochenden Wassers steht in einem Yerhältniss zum atmosphärischen Druck, mithin ist das Thermometer el^enso gut für Höhenmessungen zu geljrauchen wie das Barometer." In solchen Beobachtimo-en ging Ca'ldas zeitweise auf, aljer er folgte auch praktischeren Arbeiten. So versuchte er die Be- steigimg des Coconucos-Yulcans und analysh-te das Wasser des Rio TiuagTe. Um das Problem, die Höhen durch ein Thermo- meter zu messen, weiter zu erproben, machte der Himmelstürmer sorgfältige Versuche in Poldazon, einem Landhause von Josö Maria Arboleda, und unternahm am 22. Juli 1801, um noch ge- nauere Experimente anzustellen, einen Ausflug nach Las Juntas, Paisbamba, Sombreros und Tambores, vereinzelt gelegenen Plätzen, wo er die Gastfreundschaft von entfernten Bekannten genoss. Derartige Fahi-ten waren noch nicht aligeschlossen, als bei Caldas jener Brief von Mütis eintraf, welcher besonders auf die Botanik hinwies. „Ich habe mich dieser Wissenschaft gewitlmet, ehe ich sie verstand", sagte Ca'ldas. „Zufrieden mit dem kleinen Cursus von Ortega, gab ich ihi" mich hin, da in den Biltliotheken Popa} ans — 143 — ausserdem uur die Institutionen von Tournefort aulzufinden waren. Mein edler Freund Poinl)o verschaflYe mir die von Antonio ]*alau angefertigte Uebersetzung der Pars practica von Linne, so dass ich rilanzcn l)estimmen konnte; aber die Philosoi)liia botanica vermochte ich weder hier noch in Cartajcna, weder in (^iiito noch in BogotiC zu erlangen. Jetzt plötzlich, als ich es am wenigsten erwarte, halte ich Linne's werthvollstes IJuch in meinen Händen: dies Buch ist mir zugesendet von Mütis, d(Mn ersten Botaniker unseres Volkes, als seine erste Gal)e. Mein ganzes Leben Avill ich Ihnen Avidmen als schönstes Denkmal Ihrer Gross- nnith und als höchsten Ehrentitel der Dankbarkeit; nie werde ich den 3. August 1801 vergessen. Während ich mich mit grossem Eifer dem Pflanzenstudium im elterlichen Hause zu widmen ge- dachte, ruft mich nun ein gewagter Process, den ich hier gewonnen habe, von Haus und nach Quito. Da verjüngt sich natihlich meine Vorliebe für die Astronomie; jenes Land ist ja noch immer ein offenes Buch, in dem Jeder studiren kann, der di(? mathe- matischen Wissenschaften kennt; es ist aber doch wahr, dass auch meine Botanik auf solcher Reise gefördert werden kann. Ich bin gewillt, dieser Forschungs-Sphäre mit aller Kraft mich zu widmen." „Meine Abreise erfolgt am 10. August; es ist mir nicht möglich, hier den Baron von Humboldt noch zu erwarten. In Quito ''^) werde ich die Freude haben, mit ihm bekannt zu werden und von ihm zu lernen," So hatte Caldas seine Vaterstadt Ijereits verlassen; bevor sie von Humboldt und Bonpland erreicht war. In der Begleitung seines Quito'schen Anwalts Torbio Rodriguez hatte er schon vor Monaten den nächsten, nach jener Hauptstadt führenden Hoch- pass eingeschlagen: den durch das Patia-Thal führenden Weg. Die an Ca'ldas so warm em])fohlenen Fremden verliessen am •29. Novemljer Popayan, wo zu vielen Enttäuschungen noch die Erfahrung sich hinzugesellt hatte, dass das Wetter ihrer wissen- schaftlichen Unternehmung im ganzen Cauca-Thale ungnädig war. In ihrem Abschiedsgeleite befand sich auch Arboleda, der nächste Freund von Ca'ldas. Die Jahreszeit verlangte es, dass der Weg über Almaguer genommen wurd(;; so begann denn bald der schwere, Tag für Tag mehr ermüdende? Gebii-gsritt, diu- ül)er die gefrorenen Ilocheljenen und durch die wilden Schluchtenthäler der — 144 — Provinz Pasto führte; die Oede der G(^gend trieb zu mögliclist schiK^lem Weiterreisen, ebenso der Wiinscb, liald von denn liir die Erdumsegelung l)estinnuten Schifte Nachriclit zu erhalten. Am 2. Januar 1802 tralen IIuml)oldt und Bonpland zu Ibarra, wenige Tagereiscni vor Quito, mit Ca'ldas zusamnnm. Dieser war den Fremden entgegen geritten und fülirte sie nach dem Ilaus«' des Correjidor Jose Antonio Parco, wo er, ungemein gesprächig, alle Mittel aufwandte, um Ibarra, eine der freundlichsten Oi-t- schaften des Anden-Hochlandes, als eine geschäftlich vielvcn-- sprechende Stadt und als den besten Anhalt für grössere wissen- schaftliche Unternehmungen herauszustreichen. Unfern der Häuser ])egann die Aufstufung zu dem öden, unheimlichen lmbal)ura mit seineu gelbgrauen Wänden und dei- nur wenig beschneiten abgestumpften Kuppe; durch das Thal des Taguandö-Flusses Idickte ernst und ge})ieterisch der gross- artige, eisumpanzerte Cayaml)e mit firngekröntem Haupte und mächtigen Gletschern; auf der andern Seite erhob sich die scharfe Spitze des jähen Cotacachi. Solch ein Rundbild, das Cäldas immer unvergesslich blieb, war eine Probe von der riesen- haften Gebirgswelt, nach deren wissenschaftlicher Durchforschung er, wie Humboldt, so lebhaft sich sehnte. Jener hatte bisher zu solchem Studium, -seines Processes halber, selten kommen können; diese unglückliche Gerichts- Angelegenheit hatte ihn an die Stadt und deren nächste Umge- bung: s-efesselt, aber auch da war dem forschenden Manne ein Arbeitsfeld geboten worden. An einer Kirche von Quito erinnerte eine mit Bronze be- schlagene Marmortafel an wissenschaftliche Arbeiten ersten Ranges, desgleichen auf einer der Kuppen des Pichincha ein weithin sicht- bares Steinkreuz. Diese Denkmäler bezogen sich auf die erste grosse Gradmessung, welche zur Entscheidung des Streites zwischen den Newtonisten und Cassinisten zur Feststellung der Grösse der Erde 1735 ausgesendet worden war. ''9) Mit Entsetzen hatte Cäldas theils selbst gesehen, theils durch Dritte erfahren, dass schon vor einem halben Jahrhundert viele dieser bedeutsamen, wissenschaftlichen Leistungen gesetzte Denkmäler zerstört worden seien, obwohl sie zugleich die Namen grosser Gelehrten feuerten: die von Pierre Bouguei-, Louis Godin, Charles Marie de la Condamine, Joseph de Jussieu und ausserdem noch die Namen von zwei tüchtigen — 145 — spanisclHMi See-Oflizioron: von Antonio do UUoa und von Jorjc Juan y Santacilia: „also von Männcin, deron AVcrkc nocli jotzt für (las Sludiuni des Quito'sehcn Landes, ja lur das Yerstündniss Südamerikas unentbelirlieli sind."' Kine DfMikselirift ülier die Wi(Hlerherstellunu- der Pyramiden von Varu(|nf und die lOrncnie- rung des Gedenksteines von ^rama-Tarcjui, eine mil glidienden Worten geschriebene A''erdanimung ihrer Zerstörung nelist A'or- schlägen t'üi' neue Messungen unter JJcrücksichtigung der vor- handenen Trünnner: das liilth^te tlie erste Gabe, welche Ciüdas' an Ilundiohlt iiberreichte. Ilundioldt schrieb damals in Il)arra: „Die Werke von Bouguer und de la Condamine haben doch auf die Amerikaner von Quito bis Popayan einen sonderbaren EiuHuss gehabt; seit JJouguers Durchreise scheint der Boden dieses Landstrichs classisch a:e- worden zu s(>in; was auf die ITeimath sich bezieht, will man lesen. Wohl hat die Regierung zu Quito vor einigen Jahren die Pyramiden der französischen Akademiker zerstören können, sie hat abei' nicht den Funken des Geistes zu vernichten vermocht, der im A'olke entllammt ist." .SchnniHclier, SUdamerik. Studien. 2. Verkehr mit Humboldt uud Bonpland. Die HePi'Rtrasse, die von Ibarra nach Quito ^'') führt, ist beim Dorfe Cotocollao lieroits in ein frenndlidio?, eulturversprechendes Gel)iet ^-etreton, welches aiio'enchm sich al»hel»t "'egen die sonne- verbrainiten Oeden nnd kalten Hochland -Wildnisse der letzten Wegstrecken. Kla'i-e Bäche geben nun den Feldern Griin, Laid)- bünnie erscheinen hie nnd da, es griissen Ortschaften von einiger Erheblichkeit. Sind auch die Bergriesen, welche die Hauptstadt umstehen, meist noch durch Yorberge verdeckt, ist auch von dem grösseren Theile des Quitoer Plateau-Bodens wegen Hiigel- ketten nichts zu sehen, so Avird doch die Strasse allmälig be- lebter. Die Reihen dov Hütten nehmen mehr und mehr vor- städtischen Charakter an, das langersehnte Ziel rückt näher uud näher; bei einer Senkung d(n- Strasse, die in einen ziemlich engen Bergkessel hinal »führt, tritt die Stadt seil »st hervor. Es beginnen volkreiche Gassen mit städtischen Iläusern; da sind Kirchen, Klöster und andere auffällige Gel)äude; dem an die Einsamkeit gewöhnt gewordenen Gemüthe winken A'erkehr und Gesittung. Diese Strasse ritt am G. Januar 1802 Caldas mit Humboldt und Bonpland entlang. Für ihn sollte di(? Hauptstadt für längere Zeit der Mittelpunkt grösserer Arbeiten werden. Sie bildete mit ihren etwa o5 000 Einwohnern den Ijedeutendsten Platz des gesammten A'icekönigreichs Neu-Granada; sie war äusserlich prächtiger und mehr europäisch als Bogota', die vornehme Welt wohnte aber fast das ganze Jahr hindurch auf den l)ald in grösserer, l)ald in geringerer P]ntfernung vor den Stadtgrenzen sich ausln-eiteiulen Landsitzen; obgleich auf diesen sehr grosse Einfachheit herrschte, zeigte sich doch viel mehr spanischer Adel als zu Bogota. — 147 — In diese Kreise durch SchreilxMi des Vieek«)ni<^s eiiifi-efiilirt, traten TTunilioldt und noui»lnii(l niclit l)loss mit dem Reres, Casa-.Jiroii, \'ina-()reUana, Solando, Maenza, mit den Condes von Gnerrero, l'uüonrostro, Sanjose und wie sonst aUe die Granden hiessen, welche hier IVei von dem Geremoniel eines viceköniglichen Hofes mit den liesten P^lementen der nürgerschal't in steter JJeri'dirunu; sich l'ühltcn und zum Theil ihres Reichthums weucii im Lande allmächtig" waren. Der Manines von Selvalegre, Juan Pio Montufar, l)eher])ergte Ilumholdt zunächst .^in seinem grossen, am ITan))t])lalze lielegenen Hause, in welchem neciuemlichkeiten sieh landen, wie man sie nur in Paris und London hätte erlangen können". Vom Palcon der Wojnnmg liess ein Theil der Stadt sich iil)erl dicken. Nebenan lag das unansehnliche Stadthans, gegenüber das diistere, auf einem getrei)i»ten Unterbau sich erhebende Präsidentschafts -Gebäude, zur Linken der bischöfliche Palast mit hül)schem Eingangsthor, endlich zur Rechten die Kathedrale, ein unschönes, charakter- loses Rauwerk, dessen Fa^-ade offenbar niemals die A'ollendung gesehen hatte. Freilich war der Bischof (mh tüchtiger und ehren- hafter ^Lann: Jose de Cuero y Caicedo, welchei-, ein Sohn des Cauca-Thales. ehedem von Felix Restrepo erzog(Mi, jetzt infolge von Antonio Arboledas Empfehlungen gerne Cäldas, als Genossen derselben Schule, in seinen Interessen unterstützte; die Mehrzahl der Geistlichen war iil)rigens durch Faulheit und Lüderlichkeit ausgezeichnet. Eine glänzende Ausnahme liildete Juan de Larrea wegen seines unermüdlichen Wirkens für die Wiederaufrichtung der verfallenen Wohlthätigkeits- und Kraidveni»liege-Anstalten. Neben der früheren Jesuiten-Kirche, deren Front vor Zeiten l'ater Sanchez mit kunstgewandten Eingebornen dui-cli allerlei Scul})turerühmten französischen Akademiker; sie war freilich unversehrt, al)er schwerlich mit richtigen Angal)en. In dem Franciscaner-Kloster gal) es ein aus Gent stammendes Thongefäss, in welchem der erste Weizen sich gefunden hatte, der von den C^ourpiistadoren in dem Hochthale ausgesäet worden war. Das Archiv der Audiencia bewahrte das Wichtigste, was Quito besass, nämlich eine Sammlung von Karten, welche theils von Pedro Maldonado *^") aus der Zeit von 1740 — 50, theils von jenem Francisco Bequena aus den Jahren 1783 — 90 hei-rührten. Erstere, die höher gelegenen Theile der Präsidentschaft Quito betreffend, waren im Original von ihrem Verfasser nach Paris und London gebracht und dort gestochen, al»er ]»eim plötzlichen Tode ihres Urhebers ohne Veröffentlichung gel diel )en, so dass nur Copien vorlagen. Die Anderen, auf das Flussgel )iet des Amazonas sich beziehend, lagerten noch immer fruchtlos in den Bücherschränken, obschon sie das einzige fassltare Erge))niss der langiährigen Arbeiten jenes unverdrossenen BiMpiena und der kostspi(digen spanischen Grenz - Commission ausmachten. Für Huml)oldt war eine Verbindung dieser Vorarbeiten mit seinen sonstigen geographischen Matcn-ialien von grösster Wichtigkeit: er erliat sich ausserdem von (^a'hhis eine Co]»ie der Karte vom oberen Magdalena-Thale, sodaun dessen astronomische Beobach- — 149 — tungen, die Bereclimnifrf'ii <1. „den schönsten der Ne- vados", den Cayamhe; (>r studirte nicht nur die Geschichte der A^ulcan- Ausbrüche nach den Papieren und Büchern der Francis- caner, mit vollgenialer Kraft h3])te er sich aucli in alle die neuen Fragen ein, welche; dies einzigartige Hochland wachrief. Ca'ldas blieb mit ihm wie mit Aimd Bon])land in regem Verkehr. Er verglich seine Tnstruiucnlc mit, denen der euro- ])äischen Naturforscher, verhandelte mit Hundioldt ül>er die Idee, durch Wasserkochen und thermometrische Feststellung des Siede- punktes Höhen zu messen, erhielt Humboldt's eigene Thermo- meter ins Haus, um sie mit den seinigen zu vergleichen, und l)egleitete Humboldt, der frühere Ausflüge, z. B. den auf den Antisana am 14. März, ohne ihn gemacht hatte, am '26., um die für Quitos Höhe entscheidenden Beol)achtungen anzustellen; dabei erwarb er sich dessen volle Anerkennung. „Er ist ein ausge- zeichneter Physiker", wiederholt Humboldt l)ei dieser (relegen- heit und empfiehlt ihn als neuen Jünger auf das Wärmste dem alten Mütis. Der Patriarch von Bogota hatte den Provinzialen ermahnt, ja der Botanik besonders sich zu widmen. Dafür war Huml)oldt in Quito, soweit die wissenschaftlichen Details in Frage kamen, kein geeigneter Genosse; er ül)erliess alle Einzelheiten dem längst wieder arljeitsfähigen und sehr -umsichtigen Bonpland: studirte er doch kaum di(> Schriftstücke ül>er die Entdeckung der neugranadinischen Kina, die Santiago Lopez ihm ül)erreichte: ein Bruder des Miitis'schen Concurrenten und Capitelherr an der Quito'schen Kathedrale. Um erfüllten ganz die grossen Gedanken der Pflanzen-Geographie; als „A^'egetations-ldeen in den Anden" empfingen sie nach und nach Form und Ausdruck, namentlich während des regnerischen ^Nfärz-Monats, Um so theilnehmendere Aufnahme fand Ca'ldas für seine kleineren botanischen Anfragen liei ]>on])ian(I. Dieser gal) dem Anfänger das Wildenow'sche Werk „S|)ecies plantarum", damit er unter dessen Hülfe die Palau'sche Uebersetzung dei- Linne'schen „Pars practica" rZ('it «^cmaclil halle. Die IVciiuh'ii l\('is<'ii(hMi cniitliiiircii am 'IG. Mai von ^\r\• Pariser Akadciiiic ih'r Wisseiiseharten die wciiiti' crwriiKSchte Nach- richt, dass die Weltuiiisegelmij;- sicli nicht verwirklichen la,sse; VOM (h'r IVanzösischen Ivxpedition, der sie sich anschliesseu wolllcn. war eine unerwartete Richtunj«; eiu^'eschlageu. Sie besclilossen jetzt, nicht direct nach CJuayacjuil hinalizug-ehcn, sondern in nioji- lichst l)reiler Aus(h'hinin<:- das Oeltirgsland zwischen Quito und Lima zu durclistreifen, um ringen vermöge, ihnen auf der Fahi't nach M(\)ico in Guayaquil sich anzuschliessen. Er entwarf einen systematischen Reise})lau und schickte denselben an Miitis ein.^') Zunächst l)rachte er mw weitere Erforschung der Provinz Quito in Vorschlag, welche durch ihre Lage, ihre A'ulcane und die Reise der französischen Akademiker eine so eigenthümliche Bedeutung erlangt habe. Die Umgelnmg der IIau]>tstadt wäre mit Rücksicht auf die z(n-störte Gradmessungs- l'yramide von Yai-U(|ui aufs Genaueste zu vermessen, damit dies Denkmal der Wissenschaft wieder aufgerichtet werden könne. Ausserdem seien noch zwei besondere Forschungsreisen zu machen: die eine in das Amazonas-Gebiet, namentlicli in die vom Napo- Strome nach Osten begrenzte, dui-chaus wüste Gegend de los Canelos, dann durchs Gebirge nach Riol>amba zum Erforschen des Chimljorazos und seiner Nebenberge sowie der gegenüber- — 152 — liegenden "West-Cordillere. Schliesslich zurück nach Quito. Die zweite Reise sollte nach Guavaquil gehen, wo Juan Tafalla, der k^chüler und Vertreter der J3otaniker der peruanischen Expedition, noch imiuei- sich aufhielt, und von da ü1)er Tumljez nach Loja, dem Ilauptplatze für das ^^tudiuui der Kinarinde. Als erste Frucht solcher Untersuchungen preist Caldas eine topographische Karte der Provinz, für welche die Maldonado'sche Arbeit, die durchaus der Vergessenheit zu entreissen sei, eine vorzügliche Grundlage hilden werde. Dann sei das Gebiet der einzelnen Vulcane des Quito'schen Landes kartographisch nietlerzulegen und die Gestalt der Berge von verschiedenen Standpunkten aus zu zeichnen, da- mit die späteren Formations-Aenderungen genügend sich ülier- sehen Hessen; Humboldt habe einige solche Pläne und Bilder angefertigt, alier nicht ausreichende. „Jene l)eiden Reisen geben von der Höhenvertheilung der Pflanzen, von den Niveau -Verhältnissen der Vegetation das inter- essanteste Bild, welches bei den Gewässern des Amazonas be- ginnt, ül)er die Schneegipfel der West-Cordillere, über die Hoch- ebene und über die Berge der Ost-Cordillere geht und dann zum Meeresspiegel hinal)führt. Wäre es nicht herrlich, wenn den Pflanzen der Flora Bogotana hinzugefügt werden könnte, dass sie auch in Quito, und zwar in der und der Höhe über dem Meere wüchsen?" Diese Unternehmung bildete nach dem Ca'ldas'schen Plane nur die Vorbereitung für die grössere Forschungsreise, für die ins Ausland gehende, bei der auf Hum])oldt"s Begleitung ge- rechnet wurde. Caldas plante die Route : Guayaquil — Sonzonate — Guatemala — Soconusco — Ciudadi-eal — Guajaca — Puebla — Mejico — Veracruz — Havana — Jamaica — Puertorico — Cartajena— Bogota. Seine Denkschrift vermied jeden Hinweis auf ein Zusauimentreifen mit IIum]»oldt und Bonpland, sie enthielt aber auch keine Er- klärung darül)er, weshall) jene grosse Reise von Guayaquil bis Cartajena so schnell gemacht werden solle. Zwar wird darauf liingewiesen, dass durch sie für ein grosses kartographisches Werk die Lage der maassgebenden Hauptpunkte Südamerikas festgestellt werden könne; zwar heisst es auch, dass vielfach interessante Vergleichungen zu ermöglichen seien, z. B. für den Niederstieg von Quito zur See durch den von JNIejico nach Vera- cruz führenden Weg, und für den Aufstieg ^on der See nach — 153 — Bogota durch die Route Sonzonate — Mejico; geletiontlieli findet sich der Nutzen envähnt, welclien in ^rcjico das Sludiuiii der l'ofanik bei Mailin de Se.se und das Avv Minei-alogic lu'i Faiisto dKllinyar stiften könne; allein keines dieser Momente ist das Kntseiieidende. Die llaui)ti-iieksielit galt, trotz solcher Aus- sclinilickunii' der rasclien \'er\verlliung der Ilninboldtschen Ar- beiten zum IJesten des A^-rständnisses von Neu-Granada. „Seit Langem denke ich naeli iilier eine grosse, ilie iiolitisclie Karte des Königreichs betreuende Denkschrift und strebe ITir dieselbe, soviel ich vermag. Der Tag wird kommen, an welchem ich die letzte Hand an diese Arbeit legen und sie einem Miitis iiberreicheu kann. Wie schön, wie interessant wäre es, wenn vor der Flora Bogotana eine l)otanische Karte von Neu-Granada erschien. An die Kai'tographie der vorgeschlagenen Reise können sich meine ^Materialien fiir eine Karte des zAvischen Laplata und Popayan liegenden Gebietes anschliesscn ; ferner die Vorarbeiten fiir eine Topographie des von Popayan nach Quito führenden Wejres und die für den oV)eren !Magdal(>na von Tocaima l»is zu seinem Ursprung aufwärts. Dem l>aron habe ich Nichts von diesen Sachen gezeigt, ausgenommen meine Karte von Timana', einen nunner ersten Versuche. Zu den Eigenthündichkeiten, welche ich in den geographischen Arl)eiten dieses Gelehrten be- merkt habe, gehört die Lieldiaberei, dass er Gewisses mit Zweifel- haftem vermischt: l)eseelt voji dem Wunsche, Alles zu mnfassen, stellt er neljen ein Meisterwerk eine Skizze von unwissenden Leuten. Ich bin nicht der Zoilus dieses grossen .Mannes; ich verachte es, die Leistungen Andei-er herabzusetzen, allein die Wahrlnüt muss gesagt werden; die nachfolgenden Geograithen werden, glaube ich, genug zu verbessern haben, nicht an den Orten, welche der berühmte Reisende selbst besucht hat, wohl abei- an denen, welche bloss nach Erzählungen von ihm gezeichnet worden sind. Mir thut derartige Vermischung der (^udlen leid; ich hoff(i, dass l»ei der Veröflentlichung durch ii-gend eine Notiz das Ungewisse von dem Gewissen getrennt Avird, denn sonst können wir nicht die Fortschritte erkennen, welche die Geo- graphie durch diesen Reisenden gewonnen hat. Ich nnunestheils werde auf dem geographischen Gebiete zu unterscheiden wissen oder, besser gesagt, ich werde nur das Sichere aufnehmen, nur was ich mit eigenen Augen gesehen hal^e." — 154 — Hierauf redet Caklas über Stadtpläne, die ihm Iteseliafft werden sollen, während der Baron an solche Dinge gar nicht gedacht habe. „Ich l)ezweiflc, dass er auch nur eine eiir/.igc; derartige Zeichnung angefertigt hat." Ausführlich wird hierauf der l)otanische Theil der Arbeit besprochen unter Hinweis auf „Honpland, diesen jungen Botaniker, der wie ein Komet kommt und verschwindet". „Die Aufgabe ist gross; wir Reisende be- schreiben und skelettiren die Pflanzen, wir zeichnen sie, wenn sie uns neu zu sein scheinen; für ^lütis, den grossen Pflanzen- kenner, l)leiltt die Bestimmung und Bezeichnung vorbehalten. Das Barometer steht an der Schneegrenze etwa auf 16 Zoll, an dem ^leeresufer etwa auf 28; wäre es nun nicht neu und schön, die gesammte vegetationsfähige Erde in zwölf Zonen zu theilen, von denen jede einen Zoll des Barometers verträte? In diese Zonen würden die Gewächse eingetragen, die in ihnen vorkommen, so dass l)ei jeder Art später bemerkt werden kann: wächst in Zone 1, in Zone 2 — 5 u. s. w. Von Quito aus würden wir die erste Pflanzensendung al:»schicken, namentlich die der vier obersten Zonen, mit ihren Al)l)ildungen und Beschreibungen, ihren Yulgär- namen und Angalten über A^erwerthung. Die zweite Sendung müsste von Guayaquil ausgehen und die acht unteren Zonen um- fassen; die dritte fertigten wir von Mejico ab, und die vierte hätten wii- die Ehre und den- Ruhm, selbst in Bogota zu über- geben." In ähnlicher Weise soll die Zoologie bearbeitet werden; auch eine zoologische Karte von Neu-Granada wird in Aussicht genommen. „Der Baron hat mit mir über einen Gelehrten ge- sprochen, welcher in dieser Weise zu arbeiten begonnen hat; ich entsinne mich dessen Namen nicht" — es war C. G. Zimmermannes Specimen zoologiae geograficae von 1777 gemeint. Dann Avird im Reiseprogramm von der Mineralogie gehandelt. „Alle Muster nehmen wir doppelt; eines gelangt in die Hand von Mütis, das andere in die von d'Elhuyar, auf dessen Belehrung wir hoffen. Die Aufschlüsse, welche die mineralogischen Nivellationen ül)er die Theorie der Erde geben werden, sind gross und würdig der Beachtung eines Mütis; die geologische Karte wird, statt der Namen der ^Mineralien, die üldichen Zeichen angeben; Avenn wir Farben anwenden, wie brillant, wie philosophisch wird alsdann die Darstellung werden." Hierauf folgt die Astronomie; daran — 155 — schlies.sen sieh IJaromottn--, TluM-nioinctor- und Mairiiotnadel-Bool»- achtuniroii. -AVir av(m-<1(mi uns hcniülien, unsere Instruuienle mit denen des Haruns /u veriileichen; da diese in ('artajena mit den Fidalgü'selien vei-ji'lielien wurden, halten wii- den A'oillicil. dass unsere Resultate mit denen i\ov bei(hMi CJelehili'n veru-leichliar sind: trellen wii' Fidalg'o noch in C'artajena. so nclmicn wir eine n(!ue Vergh'ic'hunu; vor." Feiner soll die (»esch\vin(liände nmfassiMi soll, wird lauten: „liericht über eine Reise in beiden Amerikas, g(>]tlant unter der Leitung {\o}< berühmten Directors Jose Sintis, und glücklich ausgeführt durch seine Schüler Francisco Ca'ldas und N. N." Diesem Programun^ fügte C'aldas seine Denksclnift über die mittelst des Thermometers vorzunehmenden TTöhenmessungen hinzu, welche vom April ISO'J datirt war; er vermeinte, dass Ilumboldt's Urtheil über das von ilnn vorgeschlagene Verfahren nicht zutreffend sein könne, und glaubte an der Originalität S(;iner Entdeckung festhalten zu müssen. Jlumlioldt entschloss sich nicht dazu, Caldas aut seiner wei- teren Reise mitzunehmen. Einestheils kam der Kosteni)unkt in Betracht, andei-ntheils hatte er Ver])flichtung(Mi gegen seinen Gastfreund, den Mai'(|ues de Selvalegre, dei- auf das Lebhal'teste wünschte, dass ihm sein zweiter Sohn Ca'rlos Älontiifar^^) sich anschliesse. Jii dem Landhause des Marques, dem reizenden Chillo, auf das Liebenswürdigste bewirthet, verstand sich Hum- boldt dazu, diesen jungen Mann in sein Reisegefolge aufzunehmen: er Hess sich schon jetzt von ihm begleiten, z. R. auf den Pichincha- Touren, von denen die letzte, die des 28. Mai, auch Ca'ldas mit- machte.^^) „Am Tage zuvor spürte man Abends in Quito einige s(;hr heftige Ei-dstösse. I>ei dei- Wiederentzündung dr^ nahen Kraters hiess es, dass wii-, di[aii si«^lit auf einen IMick die niäclitigen Solineelierge ('ayanil>e, Cotacaclii, Corazon. Iliniza und die ii'an/.c Fclsenniasse de? Piehini'lia nnt ilii-en drei, den Kraler unigeltendcn 'riii'iinicn. de nachdem die Sonne liöliei' stieg, eikaimten wir deulliclist die J)äun»re, welclie aus dem Krater aufstiegen, dann lii'illt«' der A'ulcan sich in den duridi ihn selbst erregten Nel>el; es war kein Ge- wölk, das von aussen kam." Aueh bei diesem Unternehmen war Caldas zugegen, aber auch bei ihm füldte ei- sicii gegen den Mai-cjues-Sohn zurück- gestellt. An ^lütis schrieb er (himals, sein Herz ausschiittend: y,lch kenne l>ogota', liabc lange Zeil an den Ufern des ^fagdalena- Stromes gcdeld und die ganze Umgebung von Poi)ayan durch- messen, allein nichts kommt den mannigfachen Formen und OebiUlen des Hochlandes von Quito gleich. Aime IJonpland ist iiberwaltigt; bei der am IG. März sehr voreilig unternonunenen Besteigung des Antisana fand er schon mehr als fiinfzig neue Pflanzen und unter ihnen ganz neue Geschlechter. AVohl weiss ich, dass meine Kenntnisse auf diesem werthvollen Gebiete der Naturwissenschaft nicht den seinigen gleichen, dass ich ITir mich allein nicht das Neue von dem liereits Bekannten zu unterscheiden vermag, aber andauernde Arbeit und die ^letliod«', die mir dieser jungem Botaniker angerat hon hat, gelien sicher voran: hat docii Bonpland kamn die nächsten AVege und Stege l»ei Quito Ix'treten. Ich werde dergleichen Arlieiten fortführen und schon in vi(n- bis .'«echs ^^onaten Vieles beschaflen können: ich werde eifiigst sammeln und, da ich etwas Zeichnentalent besitze, (He nacii meinen Büchern neuen Arten abbilden. Alles, was in dieser Hinsicht Jetzt Noth thut, ist Papier zum PflanzentrockncMi. Ich habe mit aller Macht gearl)eitet, um die Pars practica'von Linne zu vervollständigen, und bin bis zu Pentandria gekommen, die Geschlechter miserer Flora Peruana entnehmend. Kineii Theil des Bonpland'schen Herbariums hal)e ich l»esichtigt und was mir sachgemäss zu sein schien, angemerkt: ich hofle später noch die ganze Sammlung zu sehen, wenn nn"r nicht etwas voivnthalten wird; wer weiss, ob nicht di<' Fui'cht, dass ich ii'gend eine neue Art an mich reissen könnt«', den Baron Itei seiner abschläüiuen Antwoi't bceiidhisst hat. Täglich laden Schilfe, die für Acapulco bestimmt sind, in (Juaya(piil. Da st<'ht also die Thür «dien, um — 158 — jVIejico zu besuchen und d'lillhuyar, einen Freund von Miitis. Für meinen neuen Rei^^eplan beginne ich schon morgen zu arbeiten; im Juli kann ich von hier direct nach Guayaquil ab- reisen, von da nach Acapulco gehen, die Regenzeit in Mejico zubringen, im Januar Yeracruz besuchen, von da nach llavana reisen und im .Tahre 1803 nach Bogotsi kommen. Nur anderthalb oder zwei Jalire wären lur diese Fahrt erforderlich, dann 1k'- sässen wir Etwas, um der Geringschätzung Humboldt's zu begegnen, ja, der Geringschätzung. Ist es nicht widersinnig, dass er jetzt mit einem jungen Manne reisen will, welcher wissenschaftlicher Kenntnisse vollständig bar ist, der als Fähnrich nach Spanien geht, um seinen ^lilitärdienst fortzusetzen! Warum bezahlt er selber solche Reise ? Warum steigt er mit ihm l)is zu den kleinsten geometrischen Aufgaben hinab? Ich habe gesehen, dass er, der freiwillige Märtyrer des Galvauismus, seine Zeit damit verlor, auf kleinem Terrain Winkel zu messen und ein Dreieck graphisch darzustellen, nur um seinen des Rechnens unkundigen neuen Schiller zu unterrichten. Wie konnnt es, dass dieser junge ^lann seinen Reisezug nicht belästigt, dass er ihn zu l)el ehren Zeit findet? Ach, dass auch die grössten ]\Iänner ihre Schwächen hal)en. Humboldt sagt, mein Körper sei zu schwach, um eine Reise nach Lima und Mejico zu ertragen! Man will mich nicht mitnehmen: das oeht aus all den Redensarten hervor, die der Baron und Bonpland mir machen. Die Gefühle habe ich in meiner Brust Yerl)orgen, habe Würde gezeigt inmitten meiner Verzweiflung, habe die Herren glauben gemacht, dass ich von ihren (rründen ül)erzeugt sei. Da ich nie so erscheinen wollte, als hätte ich eine andere Auffassung wie der Baron, setzen wir die bisherige Freundschaft fort, so dass ich seine Kenntnisse geniesse, "wie ich seine Instrumente benutze. Bis zu seiner An- kunft habe ich nicht geglaubt, dass ich in Astronomie und Geo- graphie so genau arbeitete; seitdem hal)e ich meine Beobachtungen vei-glichen und meine armseligen Instrumente vorgezeigt: sie hal)en diesen Reisenden gefallen. Zu Gunsten von Humboldt und zu Ehren der Wahrheit muss ich aber doch erklären, dass er mir sehr grosse Kenntnisse in der Astronomie erschlossen hat: er hat mich ausgebildet im Gebrauche des Getauten, hat mir ein Yerzeichniss v(mi r)()0 Sternen g(^geben, die Formel für die Be- rechnuno- der Declinationeii. Refractionstafeln für verschiedene — im — Plöheii über dem Meere.s.s})ie^ol, die Methoden von La Horda fl'ir di(? Berec'lmuim' der Mdiid-Distanzeii: lausend kleine jnaktische Iliilfen zur A^M'vollkoniMinnnti- meiner Ueohaelitunjicn: alles das verdanke ich diesem Pi-eussen. Wir haben zusammen in meinem Mause die mittlere Höhe von Quito liercehnet, zu *>'leichei- Zeit viele Tuben von verschiedener Grösse benutzend. Einmal habe ich diese Messunir mit ihm ifemaeht und sie dann dreimal d<»s Tages l'iir mich wiederholt, nnt l'euchteni und trockenem Ai)i>arat; trotz solcher Sorgfalt hofle ich noch auf neue Arbeiten, um nüch über diese Ilöhenlrage entscheiden /.u köniicii. Seiner Zeit werde ich die gemeinsame Berechnung einsenden und aucli meine eigene, welche die Höhen wohl grösser erscheinen lassen wiid. Der Genius des Barons ist sehr lebhaft; er arl)eitet äusserst schnell inid hält nicht an sich. Ich benutzte mit mehr Geduld die gleichen Röhren, reinigte das Quecksilber und die Säulen. Meine Weise werde ich fortsetzen und die Ergebnisse meinem Beschützer mit Jeder Post zusenden. Der Baron hat mit mir über den Einfluss des Mondes auf das Barometer gesiirochen: eine wichtige, Mütis gebührende Entdeckung. Deshall» habe ich ein genaues Beob- achtungsbuch liegonnen, das ich den Fremden nachsenden werde, damit die 'i'hatsache weiter geprüft werde. Ich habe in des Herrn von Hundioldt Wohnung die Beobachtungen iiber Begen- menge und Atmosiihärendruck gesehen, für die mir leider h('n, um das Wintor-Solstitium zu Ijcnhacliton und (hunil dio Friichtc mcinor Arbciton zu ornton. Denken Sic dal)oi nicht, dass ich diese so- fort veröflentlichen wolle; ich ar])eite nur versuchsweise, um eim^ Probe fiir die Richtigkeit meiner Operationen zu haben; stinnnen sie im Yerj^leich mit ilcn Resultaten der j^rossen AstrononuMi, nähern sie sich ihnen auch nur, dann Treue ich mich und fi^laube auf rechtem "Wege zu sein; weichen sie ab, so gelange ich nur zu dem Schluss, dass ich noch nicht zu beobachten verstehe, und b(>ginne von Neuem. Wenn ich nach Quito komme, die Beob- achtung des nächsten Solstitiums vollende und Alles l)erechne, schicke ich Ihnen mein Ergelmiss und berichten iiber meine Me- thode, damit Sie dieselbe verbessern und inicli Ix-lclucn. In ihrem Ibiefe geben Sie mir genau Auskunft ülter All(\s, was Sie bis Trujillo unternommen haben. Wie danke ich Ihnen dafür besser, als durch IJericht iil»er meine Beschäftigung während dov letzten drei ^Fonate. ]Jon})land hatte mir gesagt, dass er nach Jl)ari"a zuriickkehren möchte Avegen vieler ihm noch entgangener Pflanzen: ich habe gesehen, wie schnell Sie diese Lande (huvh- ziehen: auch l^lloa, IJonguer, de la Condann'ne erwähnen kaum o(hM' nicht (Mumal den Jm])al)ura, d"'ii jMojanda od(>r (.'uycocha. Daher glaubte ich in fast jungfräuliches Land zu kommen, ich vermaass den Il)arra auf die vorsichtigste Weise, ebenso den Imliabura, die L^fer von Yaguacocha und die von San Paldo; jetzt habe ich, um die etwaigen L'rthümer meines Cirkelquadranten f(»stzustellen, eine Menge von Beobachtungen vorgenommen; mit meinem schlechten Instrumente habe ich die Abstände des Mondes von der Sonne zu messen versucht, hoffe ])ald ein gutes Instru- ment von Cartajena zu erhalten. Dann beobachtete ich glücklich die letzte Mondverfinsterung, konnte alter ti'otz aller i\lühe dei' Jupiter-Tralianten nicht habhaft wei'den. Nun hat micli Miitis mit einigen llülfsmitteln versehen, z. B. mit einem F(n'nrohr von derselben Art und Stärke wie das Jhrige, so dass ich liolfcn kann, im Dcccinbcr oder Jarniar jene Satelliten zu (Jesichl zu bekommen. Während dieser Beise li;die ich den M(>rcur Ix^ob- acbtet, diMi Weg desselben jedoch nicht /.ii Iterechnen vei'- mocbt." Si-li ntii :icliiT. Südamerik. Stiidien. ii — 162 — „Ich l)estieg den jähen Cotacachi Lis zur Schneegrenze. Die schrecklichste und beschwerlichste Tour meines Lebens war die auf den Imbalnira; dies Gebirge erklomm ich am 15. Sep- tember und kletterte in den weiten Krater hinunter. Nur mit Schrecken denke ich an diesen Tag; ich sah mich hinabstürzen und wäre ohne Hülfe umgekommen, wenn nicht der Indianer, der mein Barometer trug, unerschrocken und tapfer, mit einer mir unerklärbareu Easchheit mich gefasst hätte. Der Krater ist nicht so gross wie der vom Pichincha, al>er entsetzlich: ver- l)rannte und abgerissene Grate, Schwefel, Sand, Bimsstein, Schnee: Alles durcheinander; das Loch hat' die Form eines um- gekehrten Kegels und nimmt den ganzen o])ereu Theil des Berges ein. Ich habe dort genaue Barometerbeobachtungen ge- macht und messe nun von hier aus die Höhe des Gipfels." „Meine Hauptbeschäftigung l)ildet zur Zeit die Botanik, was Mütis verlangt hat; der auf dieses Gebiet bezügliche Arbeits- plan ist sehr gross. Da ich nicht die Kenntnisse eines Humboldt oder eines Bonpland ])esitze, habe ich es für angezeigt gehalten, kein.-Gewächs auf der Flur zu vergessen, möglichst alle Pflanzen zu beschreiben und zu skelettiren, sowie diejenigen zu zeichnen, welche in meinen erbärmlichen Büchern fehlen. Ein erfahrener Botaniker würde das schon Bekannte auslassen; aber ich, hoch-, stens 300 bis 400 Geschlechter kennend, stehe vor unermesslich reichem Stofl\ der in meinen Händen vielleicht unnütz wäre, aber unter den Augen von Mütis Ordnung und Form gewinnen wird. Nächsten Januar geht meine erste Sendung nach Bogota ab: mindestens 100 Pflanzen-Skelette, unter denen nach den Al> schriften aus Wildenow, Gmelin, Schrober und der Flora Peruana viele neue Sachen sich finden." So zeitigte schnell Huml)oldt's Einfluss bei Cäldas einen Reichthum neuer Ideen und neuer Pläne; dem Creolen war es versagt, sie mit der Hülfe europäischer Wissenschaft zur Gestal- tung zu bringen; in der Wildniss seines Heimathlandes ging er einsam und unbekannt so hohen Idealen nach. Als Ende Januar 1803 der Cotopaxi, seit langer Zeit ein still liegender Vulcan, zu grossen Ausluüchen sich aufrafi'te, war Cäldas solchem Schauspiel fern; Hum))oldt und Bonpland hörten das Getöse der unteiirdischen Mächte an Bord ihres Schifl'es im Hafen von Guayaquil. Damals waren für C'a'ldas alle Hoflnungen auf eine ])eschiedswort für iSi'idamerika, das sich richt<'te an den „erhabenen Patriarchen der Botanik, Jose Celestinf) Alütis in Bogota". 11* 3. Reisen im Hochlande von Quito. Für Caldas bot die Stadt Quito, nach der er Ende Februar 1803 zurückkehrte, wenig Erfreuliches; die vornehmen Kreise, in die er von Humljohlt und Bonpland eingeführt worden Avar, ge- fielen seinem Stolze immer minder; den strelisamen Elementen fehlte das Zusammenwirken, namentlich gab es für die Interessen, denen er huldigte, gar keinen Mittelpunkt. Trotzdem stand der Popayanese unter den Einwohnern von Quito keineswegs ganz vereinsamt da, selbst für seine liotanischen Arl)eit(m fand er Genossen: z. B. in dem alten Anastasio Guzman; zu seinen ein- flussreicheren Freunden gehörte der Bischof von Quito und der Secretär des Regierungspräsidenten: Männer, die den europäischen Reisenden nur ganz gelegentlich liegegnet waren. Der Erstere nahm Ca'ldas gegenül^er eine väterliche Stellung ein; Jahre hin- durch von spanischen Intriguen gequält, sprach Bischof Cuero in ruhiger, aber sehr entschiedener Weise über die fortdauernde Knechtung der Creolen, die Rücksichtslosigkeit des Mutterlandes und den Niedergang der spanischen Colonien; in ihm zeigte sich eine grossartige Verbindung von Selbstbewusstsein und Unab- hängigkeitstrieb, von Anhänglichkeit an das INlutterland und Pflichtgefühl gegen die Heimath. Weit niedriger stand der andere Freund von C'aldas, Manuel Morales, ein aus Mariquita gebürtiger jugendlicher Bekannter von Mütis, dessen Secretariat wegen der Schwäche des Präsidenten mehr und mehr gefährdet zu sein schien; dieser unreife Stre1)er ereiferte sich iu heftigen Worten über den Druck der Europäer, ülter deren mangelhaftes A"er- ständniss für die grossen Interessen, die das spanische Amerika nojch vmgeboren berge, und ül)er die ,,steinkalte Politik" der — 105 — Spanier. Dio l^nzurricclcnlKMt mit den aiigccrlttcii \'«'rluiltnisscn fand Ca'ldas in Quito uanz allj^'cincin, scllist J(mh! vornclnncn Herren der Uundiuldl.schen l>ekanntscliaft vermochten solehei'Stim- mung sich nicht zu entziehen, wie sollte das eine so ehrj^eizigc Natur wie Ca'ldas, dessen Aug;en, wennj^leich sie Itesondei-s auf auteu Gebiete; die Meeres- höhe jedes einzelnen Punktes hätte ich berechnen können, mich stützend auf die jüngste irumboldt'sche Bestimmung des Queck- silberstandes am Rande des Stillen Oceans und auf die von diesem Gelehrten niitgetheilte Tralles'sche Formel; ich habe aber einen ainlern Weg vorgezogen, da uns dui-ch de la Condamine und IJouguer (b'e Höhe von Quito genau bekannt ist, woran die Be- obachtungen vun Humboldt nichts ändern werden." Ca'ldas handelt in dieser Schrift zunächst vom Weizen, der ehedem ) «ei Cartajena, — 166 — Santaiiiarta und Caracas c))eiisowohl wie l)ei Bogota und Quito ang(;ljaut wordeu sei. „Vor ttiufzig Jahren war noch die Um- gebung von Popayan mit Getreide Ijedeckt; dort hat am meisten jener Schimmel geschadet, welchen wir Staul) nennen, al»er nur in gewissen Höhen lindcMi. Wo der Weizenbau keinen Nutzen mehr darbietet, fängt die Region der Musaceen an; die Musa paradisiaca erhebt sich am höchsten, neben der unteren Grenze der Getreide-Regionen l)eginnend, dann folgt die Musa sapientum. Diese herrliche unschätzbare Frucht kennt nach unten keine andere Grenze als die Wasser des Meeres." Hieran schliesst sich eine Besprechung von Zuckerrohr, Kartoffel, Gerste und Yuca, von Cacao, dessen Werth man wohl noch nicht völlig erkannt halie, und endlich wird üljer Mais gehandelt, dessen Vorkommen von so bestimmten Temperaturgesetzeu al »hänge, dass man durch die Pflanze schon die Höhen annähernd bestimmen könne. Nach der Besprechung dieser neun Culturgewächse endet Cäldas mit dem Ausruf: „Die gegenwärtige Aufgalje meiner Studien ist weit. Ein Mensch allein kann an sie nicht die letzte Hand legen, es bedarf der Hülfe Vieler und einer Reihe von Jahren. Nun aber erst eine Nivellation aller Pflanzen! Gene- rationen werden noch dahingehen, ehe die Botanik die Grenzen der Verlireitung jedes Gewächses anzugeljen vermag. Ich über- reiche diese Schrift als unvollkommenen Entwurf; die Höhen, die ich als Grenzen des besprochenen Pflauzenwuchses angebe, sind nicht unveränderlich, sie sind lediglich Ergebnisse der auf der angeführten Reise vorgenommenen Barometer-Messungen." Der geistvollen Arbeit ^st eine Höhentabelle von vierunddi-eissig Punkten angeschlossen, welche mit Quito beginnt, sowie eine Tafel, welche einen vom Meeresspiegel ausgehenden Durchschnitt des Terrains auf der Linie Bogota — Quito darstellt; der Purch- schnitt zeigt die Tiefthäler des ^Magdalena und des Patia, die Hochthäler von Chota und Guaillabaml)a; die geographische Lage der wichtigeren Orte, wie Popayan, I])arra und Ütabalo ist ein- getragen. Drei Linien Ijezeichnen die Zone des Weizen- Anbaues, die eine die unterste, die andere die oberste, die dritte die mittlere Grenze. Am Rande sind die Gürtel für Platane und Zuckerrohr, für Cacao und Mais, Kartoffel und Gerste verzeichnet; das Blatt ist Mütis und Pombo gewidmet. Tu Bogota schien das Studium der botanischen Details wich- — IGT — th^cv zu s(^iii als derartige Uel»erl»licke und Schluss('olreer besser zu erreichen sei als auf (h'ni his- herigen Wege Tacunga — Ambato — Guaranda — Daliahoyo — Guaya- quil.*^'"') rfchon Pedro Mahlonado hatte diesen Ge(hinken vei-folgt; die von ihm vorgeschh'igene Linie sollte von (^uito i'dter Coto- collao nach Mindo und dann nach dem Piti-Flusse ITdiren, an welchem, unfern seiner I']ininüiidung in den Rio lllanco, «Mne nach Mahlonado zu benamende Ladestelle errichtet werden sollte; der Rio Blanco verbindet sich später iiiil dein Gnaillaband)a und bildet mit ihm den Esmeraldas-Strom. Vor mehr als sechzig Jahren war dieses Weges halber eine eigene Statthalterschaft Esmaraldas beschlossen und Maldonado sell)er zum Gouverneur einannt worden; an jenem Zusammenfluss war bereits eine ärm- liche Ortschaft entstanden; zwischen ihr und dem Ladeplatz Maldonado gab es einige Anbaustellen, allein die Regierung von Quito hatte gegen die königlichen Hefehle allerlei Einwendungen erholten, namentlich die Erwägung, dass solch eine rftrasse jedem Feinde den Zugang zur ILaui)tstadt eröfln(\ Das Wege- Unter- nehmen wurde daher aufgegeben, obwohl die Entfernung der Hauptstadt bis zum Fiti-Flusse nur M^enig über achtzehn Leguas betrug. Im Gegensatz zu ilim verfolgte nun Carondelet einen ganz andern Plan, welcher für das Land und die grossen A^er- kehrsinteressen Aveit förderlicher zu sein schien. Carondelet's Project war seit 1791 von Bischof Calama und seinen Freunden lebhaft befürwortet worden, wie demselben jetzt auch Bischof (^lero ein reges Interesse zuwcMidete; das neue Vorhaben ging dahin, den aufblühenden Oi't ll^arra direct mit dem INIeere zu verbinden, und zwar vermittelst eines Weges, welcher von Ibarra aus zunächst etwa in der Richtung des zur Linken bleibenden Chota-Mira-Flusses laufe und so bis nach dem Orte San Pedro führe, alsdann die niedi'ige Malbucho-Wildniss durchschneide und irgend- wo die Mündung des Santiago-Flusses aufsuche. Mit Genehmigung von Mütis ward Cäldas von Carondelet Ijeauftragt, die Vorunter- suchung für dieses Project zu veranstalten; er verstand ja Terrain- messungen und konnte deshall» auch gewiss Wegbau-Fragen an- nähernd beurtheilen. Mitte 18U3 l)rach Culdas von Ibari-a zu diesen Untersuchungen — 168 - auf, bei denen es l^esonders galt, die unwirtliliclien Flussläufe aufzunelimen ; ihn l)egleiteten nur Eingel »orne, unter denen ein Noiüiama-Indianer durch Geschicklichkeit und Waldinstinkt sich auszeichnete. Ccildas heschififte im Canoc den Mira, den Cayapas und den Santiago sowie den Cachavi, nach dessen Einmündung in den letzteren Fluss das bald darauf in den Ocean fallende Gewässer den Namen Tota annimmt. An jenem Mündungspunkt,, welcher als Lösch- und Ladeplatz der Seeschifle dienen sollte, Hess er den Urwald fällen und die ersten Hütten errichten, die er Bodega de Carondelet nannte. Auf diesem Wege, der ihn von der Höhe der Cordillere zur Seeküste brachte und den ersten Anblick des Weltmeeres, den langersehnten Genuss, gewährte, l)lie]) Cäldas seinem alten Enthusiasmus und den Humljoldt'schen Ideen treu. Die grössten Gefahren der Wildniss waren für ihn über- windbar, da sie auf Schritt und Tritt neue Wunderdinge zeigten; er beobachtete unverdi'ossen mit Barometer und Thermometer, legte nach eifrigen Vermessungen das Stromgebiet kartographisch nieder, dann entwarf er ein Profil des zwischen dem Küsteuplatze und IbaiTa sich erhebenden Landes, sammelte eine Menge Pflanzen nebst Beobachtungen über die Fundorte, namentlich auch Mate- rialien für die Chinchona-Kunde, berichtete über Salz und Gold, ül)er die Grenzen der Meerfluth, das Vorkommen der Croco- dile u. s. w. Mit etwa dreihundert 1)arometrischen Berechnungen kehrte er im August zurück und ül)erreichte dem Präsidenten die Karte des durchforschten Landstriches. Bald darauf erhielt Cäldas in Quito ein Schreiben von Mvitis, das ihn in den schmeichelndsten Ausdrücken zu energischen Nachforschungen nach den Kina-Bäumen aufforderte, die Ihm be- kannt sein würden von Popaj^an her sowie aus seinen Reisen im Magdalena-Thale.^^) Cäldas wusste von dem unglücklichen Ent- deckerstreit und kannte auch Humboldt's Ansichten im Allge- meinen; jetzt empfing er die alten Mütis'schen Zeitungsartikel zugleich mit der Nachricht, dass die Madiider Botaniker der peruanischen Expedition jenen Juan Tafalla l)ereits Jahre lang in den Waldungen der pacifischen Berggebiete wegen der Chiu- chonen und anderer botanischer Materialien in Begleitung von Juan Manzanilla hätten umherstreifen lassen; die Sammlungen dieses Forschers seien Anfang 1800 in Spanien eingetroflen, als- — 1C9 — l>ald von Ruiz und Pavon iu ('incr Diuckscluirt als sehr werth- voU liezeiclinet, unter seliarfer Zurückweisunj»; der die Cliinclionen betreftenden Ansicliten und Ausprüclu! von M litis und Zea. Der- artige Angriffe sollte jetzt Caldas abwehren ludl'en. Dieser ging, nachdem er seine theoretische Ingenieur-Aurgabc erfüllt hatte, sofort wieder in die Wildniss zurück, direct nach Intac, wo er volle Gelegenheit finden musste, den Lieldings- gegenstand seines Meisters zu prüfen und zu untersuchen. Diese ersten Kina-Forschungen von Caldas wurden im October 1803 durch ein Fieber, welches lange Zeit andauerte, unterbrochen. Nach der Genesung kamen die Ki'äfte nur langsam zurück; zu- nächst waren näher belegene Gegenden für die Studien auszu- suchen; Anfang 1804 ward zweimal der Pichincha bestiegen; es folgte eine Expedition nach dem A'^ulcan Corazon und sogar eine über die südlichen Grenzen des Quitoer Hochthaies hinausreichende Tour. Diese Arbeiten bildeten Yorljereitungen für die erste grössere Reise, welche den Miitis'schen Zwecken dienen sollte: für eine Südtour, die etwa derjenigen entsprach, welche Caldas früher als den Anfang seiner so viel umfassenderen wissenschaft- lichen Expedition geplant hatte; er hielt sie jetzt auch noch, besonders wegen der ^rütis'schen Wünsche, für ein wichtiges, wohl mehr als sechs Monate erforderndes Unternehmen, das mit Umsicht und Energie ins Werk gesetzt werden musste.^^) Am 10. Juli 1804 l»rach er von Quito auf, fest entschlossen, sein Wort einzulösen, dass er auf dem heimathlichen Gebiete mehi" zu leisten vermöge als Humboldt und Bonpland, deren Spuren er auf den meisten Stationen seiner Reise noch frisch autreffen musste, wenngleich bald schon zwei Jahre seit ihrem / Fortgehen verflossen waren. Humltoldt hatte gesagt, dass der Ca'ldas'sche Körper den Anstrengungen der Reisen, die er vorhabe, nicht ents])reche; Caldas l»eganu dw Expedition, für die er Wochen lang geiüstot hatte, krank und unbeholfen, wenngleich sein Enthusiasmus lim hinlänglich stärkte, um am 13. Juli kräftigen Muthes den letzten noch von fruchtbarem Lande umgel)enen Ort, das kleine Machachi, zu verlassen und in Gegenden der grössten Unwirthlichk(;it vor- zudringen. Zuerst ward dei* wilde, Tiopulh) genannte Gelnrgs- stock zwischen den A'ulcanen llliniza und Rumiilaliui überscluitten, die Bergscheide zwischen den Gewässern des Stillen Meeres und — 170 — des Amazonas; dann begann eine grosse Bimsstein -Wüste, deren Unfruchtbarkeit nur in den Grenzstriclien durch Lupinen-Rasen hier und da verdeckt wurde. Bei Gallo oder Mulalo wurden die Reste eines vielbesprochenen Inca-Hauses besichtigt und in dem gewerbefleissigen, auf endloser Sandfläche belegenen Saquisili mit Hülfe des Pfarrers Vicente Lopc^z für den Uebergang ü)»er die fast immer in Wolken gehüllte Ost-Cordillere gerüstet. Caldas war in Quito von einem jungen Manne; eingeladen worden, welcher Jenseits jener Kette, unfern vom Macuchi-Strome , inmitten der vollen Wildniss des Amazonas-Gelnetes einem Goldltergwerke von Juan Ponce vorstand. Er versprach sich viel von den Studien an einem so entlegenen Platze, wie Tagualo war, und getraute sich, trotz seiner geschwächten Gesundheit, das jenseits der Berge endlos sich ausdehnende, jeder Cultur entbehrende Waldland aufzusuchen. Am 17. Juli begann diese Fahrt, welche zunächst zu einer hoch im Gebirge l)elegenen, dem Marques von Selva- legTe gehörenden Schafhürde Atapulo führte, dann iiber verein- samte, nasse und kalte Gehöfte, wie Tigua und Sachaj)ungo, nach jenem Tagualo, einer ganz im Tropen-Dickicht versteckten Be- sitzung des Pfarrers von Saquisili; endlich war INIacuchi, der Grubenort selbst, erreicht, wo Caldas von jenem Quitoer Freunde bis zum 30. Juli festgehalten wurde. Hier waren es besonders die Kina-Bäume, denen das Studium sich zuwandte; Ponce Hess viele Stämme schlagen, damit Blatt, Blüthe und Frucht genau untersucht werden könnten ; in Blüthe und Frucht stand aber nur die Pata de Galliuazo genannte Art; die Ijeiden anderen, die vorkamen, waren nur nach Wuchs und Blatt zu l)eschreiben, doch zeichnete Caldas Alles, was er fand, mit grosser Vorsicht. Ausser den Chinchonen erschien ihm besonders der von ]\Iiitis so oft erwähnte, aus den Gebieten der Macas und Andaquies stammende Zimmetbaum von Interesse zu sein. Dann ging Caldas nach Saquisili zurück, um den unerquick- lichen Marsch dm-ch jene Sandwüste fortzusetzen, ))is Ambato erreicht war, ein nach dem jüngsten, grossen Erdbeben neu auf- gebauter freundlicher Ort, dessen Umgebung durch 01)stzucht sich auszeichnete, wie denn auch mehrfach an anderen Orten Spuren von früheren Acclimatisations -Versuchen europäischer Frucht- und Getreide- Arten entdeckt wurden. Es gab dort Birnen, Pfir- siche, Aprikosen, Aepfel und Erdl)eeren; Ca'ldas war von dieser — 171 — Tliatsache so erregt, dass er sofort eine DcMikschriCt über den Fruclitltau unter den Trojjen bei^ann. In der Nähe von And»ato wurde auch (V)cheniUe ucziichtet und Zuckerrolir angepllanzt. Die sehlinnnsten Verwüstunuen jener Katastro}ihe vom 4. Februar 17i)7 zeigten sich, nachdem die Cuachi^jamlia-Steppe durchschritten und die odi; Gegend von Saliafiagas überstiegen war, in der ebenfalls durrli neue Vulcan-Ausl)rüche g(;bildeten Wüste von Tapi, wo die Ruinen der allen und die Anfange der neuen Provinzial-IIau})tstadt Riobamba den traurigsten Anblick darboten. Ciildas bliel) als Gast von Francisco Javier Äfontüfar in der noch imuuM- unfertigen Ortschaft nur kurze Zeit. Riobamba lässt die I\iesengii»lel des Chind)oraz() und Carihuairazo einerseits, die des Tunguragua und Capacurcu andererseits wie ein grosses Panorauui überschauen; aber das Wetter war Caldas nicht günstig, Wolken und Neliel verhinderten die Messungen, deshalb kamen andere Dinge au die Tagesordnung. Caldas hatte in Humboldt's Briefen über Handschriften eines noch lebenden imlianischen Königs Leandro Zepla y Oro gelesen. Obwohl Entdecker der Alterthümer von Timaua', war er nicht historisch geschult, trotz- dem wurde seine Neugierde durch Geschichts-Urkunden von an- geblich so seltsamer Art lebhaft erregt. Seine Nachforschung brachte ihn in entschiedene Gegnerschaft zum llundjoldt'schen Bericht; er fand in jenem Zepla einen gewöhnlichen Jndiauer, der jene Manusci-ipte keineswegs zu besitzen Jjehauptete; ihr Inhalt sei ursi»rüuglich in der Purugay-Sprache abgefasst, aber mit europäischen Buchstaben geschrieben gewesen; er habe nur eine von seinem Grossvater angefertigte Uebersetzung gesehen, / von der er nicht wisse, ob sie spanisch oder peruanisch gelautet; sie habe von alten Vulcan-Ausbrücluin geredet, von einc^m Reich, das ehedem l)is nach Cartajena sich ausgedehnt hal)e, von sieben- jährigem Feuerregen des Capacurcu, von einer Auswanderung des Volks nach der Canelos-Gegend u. s. w. „Ich bin überzeugt, dass weder die Handschriften noch die alten Sagen existii'ten." Von Riobam))a ging die Reise am 9. August in gleich ein- förmiger Weise weiter; die erste Nacht l)lieb Caldas in dem von ziendich hohen Hügeln umgebenen und auf Flugsand erbauten Guamote. Dieser elende Platz war vor Jahresfrist in Quito viel genannt worden, denn er hatte damals den Mittelpunkt einer — 17-2 — Volkserhebung gel)ildct, welche über die so schwer heimgesuchte Mitte der Präsidentschaft mehr und mehr sich ausgedehnt und zu offenen Kämpfen geführt hatte. Den Anlass des Aufstandes ])ild(^te, wie bei der Erhelmng in Socorro von 1781, die Be- drückung der untersten Volksmasse durch Steuererhelnmg und durch IJcsteuerung der noth wendigsten Lebensmittel. Caldas be- tont in seinem Tagel)uch die irrigen Ansichten, die das Volk von Al)gaben und Zöllen meistens hege, die Gehässigkeit der Eingel)ornen und ihrer Blutsverwandten gegen alle Weissen und deren Genossen, die Zügellosigkeit der Indianer, sobald einmal die sie Ijannende Schranke durchbrochen sei, und die Rücksichts- losigkeit, mit der leider die Beamten noch immer in Quito und an anderen Orten zu Werke zu gehen pflegten. Mit der Revo- lution selbst fühlte Caldas nicht die geringste Sympathie, wohl aljer mit dem namenlosen Unglück, das diesell^e dem schon so schwer geprüften Volke gebracht ha]je, mit der Zerstörung und dem Blutvergiessen. Am nächsten Tage war die in angebauter Nachl »arschaft belegene Stadt Alausi erreicht, in deren Nähe, der Avestlichen Cordillere zu, die an Kina-Stämmen reichsten Waldungen be- ginnen, welche Caldas in der kleinen Ortschaft Cibambe auf das Sorgfältigste untersuchte. Am 11. August wurde die Emersion des zweiten Jupiter-Tral;>auten l)eo1jachtet, dann folgte von Puma- Llacta aus die Ueberschreitung des grausig öden Asuay-Päramo, die das klarste Wetter begünstigte. Die gefürchtete Höhe der di'ei Kreuze ward Quimso-Cruz geheissen und diente noch jetzt den Eingeljornen als eine Art Opferstätte. Sowie der jähe Nieder- stieg l)ei den Sümpfen von Puyol begann, zeigte sich in einem umschlossenen Thalgrunde ein einsamer Bergsee, in welchen ein an zahllosen Windungen reicher Wildbach mündete. Neljen dieser öden Lagune lagen auf einer Erhöhung in unbehauenen Steinen die Reste eines Inca-Baues, welche von Caldas, während sie als Wegeherberge gedient hatten, auf einen ehemaligen Köuigspalast bezogen wurden. Am folgenden Tage traf der Reisende jenseits Delec auf schroff aljfallender Höhe wirkliche Schlossruinen aus der Heldenzeit, die dem Hereinljrechen der Spanier voranging; er zeichnete diese ohne erkennbaren Mörtel aus behauenem Stein aufgeführten, mit Doppelmauer umgebenen Bauten, die den Namen Inca-Pirca trugen; sie lagen in der Nähe eines Inca-Chungana — 173 — geheissonon, kunstvoll vorziorten Steinsitzos inmitton violor anderer Baurpsto, Tn^pjjon und Gänj^o. Er vcrtilicli seinem Zeichnungen aufs Genaueste mit dcMien Antonio de Ulloa's und gewann die Ueberzeugung, dass diese in vieler Beziehung unzuverlässig seien; de la Condamine's l>esehreiliung von Inca-Alterthüuiern, die 1740 dureli di(^ KerlincM- Akademie der WissenschaHen veröfTentlicht worden war, kannte Caldas nieht. Bei Delee verlor die LandsohaTt das Itisherige düstere An- sehen, den C'liarakter der Zerstörung und UnlVuchtltai-keit. Nun entzückte das Geliiet von Tosai'liandia dundi Wachst liuni und Kraft, namentlich da, wo es vom Alanchangara durchströiut wird: „Betica nach Aral)ia, würden die Dichter sagen". In dem nach jenem Flnss genannten Orte ward Ga'ldas von Salvador Pedrosa empfangen, der ihn nach der Bischofsstadt Cuenca l)egleitete, dort gastlich beherltergte und mit den ersten Würdenträgern be- kannt machte, iiannMitlich mit ^felchior de A}'meric, dem jungen Statthalter, inid mit Pedro Fernandez de Cordova, dem Verweser des Bisthums. Acht Tage lang lag Galdas hier krank, so dass er erst am !27. August astronomische Arl)eit(Mi beginnen konnte; ])ei Domingo D(dgado fand er einen Theodoliten nebst and(M'en vorzüglichen Instrumenten der Londoner Firma Nairne & Blunt. Der Bisthumsverweser, der seit Mai 1804 sein Amt 1 «'kleidete, war ein in Lima ausgel)ildeter, weitgereister Mann, d(U' früher auch in Madrid die wissenschaftlichen Anstalten besucht hatte und jetzt gern dem Naturforscher in jeder Weise behülflich war. Kr begleitete ihn auch auf einer in der Zeit vom 8. bis 20. S(»})- temljer vollbrachten Expedition, die über die Ost-Cordillere / führte, hinein in die Wildnisse des Paute-Flusses, des aus den (Jewässern des (Jebietes von Cuenca g(>l>ild(»ten , s])äter in den Amazonas fallenden Stromes. Die Begleitung des Prälaten war für (\ildas, tler Itisher manche Transport-Sclnnerigkeiten gefunden hatte, ausserordent- lich erwünscht, denn Tordova war bei Hoch und Niedrig l)eliebt uml verstand es, mit Jedermann zu verkehren. Die Beise suchte zunächst Azogues auf. einen nadi den Quecksill»er-Lag(U'n von lluaichun benannten Ort, wo untei- (Jlock(Migeläute und Fest- lichkeiten der Einzug erfolgte. A'on da sandte Cordova dem Coadjutor .luan Ai'sinegas in Paute Auftrag, die Kina-Forschungen — 174 — durch Bescliaffung von Bäumen der verschiedenen Sorten vorzu- bereiten. Am 16. war die Ortschaft selbst erreicht, deren gesunde Lage Ciildas Ijesonders wohlthat. Er sah sich umgeben von di-ei Kina-Arten, die zugleich in Blüthe und Frucht standen; er zeichnete sie in allen Details und hielt sich überzeugt, die von de la Condamine in der Vorrede seines Reisewerkes erwähnte Art vor sich zu haben, d. li. die für die ursprüngliche botanisch(; Beschreibung benutzte. Ein eifriges Studium entwickelte sich; Cäldas durchzog die Waldungen von Tablacay und von Tejar, wo wieder die Pata de Gallinazo sich zeigte, überschritt den Supay-Urcu genannten Gebirgszug, um in San Cristöval, einem einsamen Indianersitz, seine Arbeiten fortzusetzen; dal)ei machte er eine grosse Anzahl liarometrischer wie astronomischer Beob- achtungen. Der Rückweg führte über Gualaseo und Jadan, nachdem die durch alte Indianer-Traditionen Ijerühmte Opferstätte Guagua-Suma passirt war. Am 5. October brach Caldas von Cuenca auf, um Loja zu erreichen. Auf dieser Fahrt suchte er im Thale von Tarqui nach der von ihrem ursprünglichen Platze verschleppten Marmorplatte, auf welche die französischen Gradmesser 1748 die Entfernung zwischen ihrem Observationspunkte zu Mama-Tarqui und dem damals noch stehenden Thurme der Kathedrale von Cuenca ver- zeichnet hatten; er fand die Reliquie auf einem Gehöfte und be- stimmte sie zum Geschenk für Mütis. Im weiteren Verlauf der Reise sah er dann Ruinen aus der Inca-Zeit bei Curcuduma, Las Juntas, Nabon, Oüa, Saraguru und üduchapa, me er auch schwache Reste mehrerer Inca- Strassen zu erkennen glaubte, namentlich drei, die von Cuenca nach dem Süden geführt zu haben schienen. Endlich ritt er am 12. October in Loja ein: das Centrum einer für seine Forschungen und für Mütis'sche Interessen ungemein wichtigen Gegend, welche nicht mehr, gleich Quito, den Contrast der Grasfhir und des Schneegebirges zeigte, wohl aber ein merkwürdiges Zusammentrefien kalter und heisser Zonen in seltsamen Uebergängen. Von dem schönen Casibaml)a- Thale aus, dessen Herz die kleine Stadt Loja Inldet, unternahm Caldas die Reisen nach all den berühmten Kina-Districten: nach Uritusinga, Cajanuma, Malacatos und Vilcabamba; er beschrieb jede Chinchoncn-Art, die er auflinden konnte, zeichnete ihre Details, malte sie farbig nach der Natur und prüfte ihre Rinden, — 175 — so gut es ohiK^ cliomiseho VoiTielitung(>u ging; (m- trockiiotn Blätter, Ulütlieii, Flüchte und brachte eine grosse Saniinlung von Kina-Arten zu Stande, trotz zahlloser Hindernisse und rasch almehmeuder Gesundheit. Nach Loja zuriickgek(?hrt, ward er von schwerem Fieber befallen und konnte; sich gliicklich scliätz{Mi, als ihm unerwarteterweise Beistand wurde durch den Arzt eines englischen Kriegsschifls, der auf einer Jagdi)artie an der Kiiste GuatcMualas von den Spaniern gefangen genommen war. Dr. William C. Wallace sollte über Panama' und (Juayaijuil nach Lima be- fördert werden, um dann zu Schilf behufs Auswechslung gegen einen spanischen Oflizier nach Cartajena zu kommen. In Guaya- ([uil war der Transport gestört worden; der Arzt, der während seiner Gefangenschaft vielen Fiel)erkranken sich nützlich erwiesen hatte, erhielt gegen sein Ehrenwort, sich dereinst in Cartajena zu stellen, die Freiheit, um Loja und die gesammte Kina-Begion zu ])esuchen. So kam der fremde ^lann an das Krankenbett von Ciildas; er behandelte seinen Patienten mit bestem Erfolg, pflegte den Genesenden, half beim Ordnen der Herbarien und staunte über die Kina-Kenntnisse seines neuen Bekannten. Offenbar fiihrte der nächste Weg nach Cartajena über Popayan, so dass Cäldas auf der Weiterreise einen interessanten, auch mit Geld versehenen Begleiter hatte. Nur wenige durchaus nothAvendige ]3eobachtungen und Messungen unterbrachen diese Reise, die am 25. December 1804 endete. Nun konnte Cäldas in seiner dürftigen Quitoer Herberge auf die letzten sechs Monate stolz zurücklilicken und getrost erklären, dass weit und breit in Südamerika kein Creole ein ähnliches Unternehmen durchgesetzt habe. Rasch entschlossen, / schrieb er zu Anfang des neuen Jahres nach Ordnung der ver- schiedenen Reisesamndungen seine Ideen ül)er die Kina-Bäume nieder. Drei Monate blieb Ca'ldas noch iu Quito, von Dr. Wallace begleitet und unterstützt. Am 28. Älärz 1805 schied er von dem Orte seiner wissenschaftlichen Entwickelung ohne Gruss uml ohne Dank. Dort, wo der unglückliche Process seine hoch- strebenden Ideen so oft gestört hatte, wai-en auch die schönsten Reisei)läne zu Schanden geworden: er hatt(> von der Aussenwelt Nichts sehen düi-fen als einmal den Occan an verkehrloser Stelle. Matt wanderte er wieder ins Innere seines heiniathlichen Lan- als die Hauptsache erschienen. Untei- Anspornung seines Kleisters hatte es llizo zu einer Alt Kunstschule im Kleinen geltracht, zu einer besonderen AL'iltechnik und Farljenltereitung. Er erzählt in einer eigenen AI handlung, wie er von Haus aus gewünscht halie, in der Miniatur- Malei-ei sieh zu vervollkommnen; seit zwanzig Jahren sei er in (h'r Uönigliehen botanischen Ivxpedition thätig und habe seine Farbenkenntnisse möglichst zu erweitern gesucht. „Mein Fach 12* / — 180 — geniesst wenig Achtung vor dem in Od malenden Künstlern, aber trotzdem hat unser Flora-Werk l)ei Allen, die dasselbe gesehen, wegen der Feinheit der Zeichnung und der Zartheit der Malerei Lob gefunden." Rizo beschreil)t nun die Anfertigung von vierundzwanzig Farbenschattirungen , wie er dunkel violett aus Campesche mit Cochenille, ein schönes Gelb aus der Tachuela- Rinde herstelle und ein besonderes Karmin der Stadt ^laricjuita kenne, eine Farl^e, die aus Früchten einer im Magdalena-Thal wachsenden Pflanze durch Vermischung mit Citronensäure ge- wonnen würde, u. s. w. Ausserdem handhaljt Rizo dreiuuddreissig Tinten; er kennt auch- verschiedene Tusch weisen und bemerkt z, B. bei einem Grün: „Dies nennen wir Blatt-Tinte, denn damit sind fast alle Tafeln unserer Flora untermalt worden." Dass die Technik in so kleinlicher Weise weiter arbeitete, war entschuld- bar, al)er die grosse Aufgalie, der sie dienen sollte: der wissen- schaftliche Theil der schon vor ihrem Erscheinen gepriesenen Flora Bogotana, lag ganz darnieder. Auch die praktische Seite der Kina-Frage war in Jahren nicht weiter gebracht, oltwohl sie aliermals Bedeutung hätte ge- winnen können, seitdem Anfangs 1802 die Weisung ergangen war, das Rindengeschäft von Bogota aus "SAdeder nach besten Kräften zu betreiben. Damals war Humboldt's Reisegenosse de Rieux entlassen und an seine Stelle wieder der alte Lopez gesetzt, der jedoch, olnvohl er nochmals selber nach den Fund- stätten sich begab, nur neue Enttäuschungen erfuhr. Kaum hatte er seine Angriffe Avider Miitis abermals erneuert, jetzt auch gegen Humboldt eifernd, als ein vom 14. October 1804 datirender Ministerial-Erlass eintraf, die Kina-Sendungen doch lielier end- gültig einzustellen; über die Güte des Artikels herrsche noch immer die grösste Unsicherheit, wenngleich Mendinueta gemeint hätte, dass bei richtiger Untersuchung die Bogotäer Rinde an Gehalt der von Loja gleichkomme. Der Vicekönig hatte erklärt, eine solche Prüfung müsse nach Humboldt's Ansicht von sach- kundigen und unparteiischen Personen vorgenommen werden; „ist sie erfolgt, so wird unser Artikel für den Handel ein reiches Feld gewähren und zugleich für die Besitzer der Kina-AValdungen wie für die Rindensammler von grossem Yortheil sein; sind dann diese Leute einmal mit der 1)esten Weise, die Kina zu hauen, zu trocknen und zu verpacken. Itokannt gemacht, dann — 181 — lassen sich Liefcruiii^svcrträgc aliselilicsscii, so dass si>äter soviel Rinde lur den Könit; angeliänft werden kann, wie man will. Privatpersonen sollten ilann ihre Kina iVci verhandeln köniu'n nml die Re<>;iernn^" niii-, um \'erl)csserun<;en oder sonstige: l>e- lehrungiMi niitzutheilen, sieh (Mnniisehen diirl'en; Ji^le andere Maass- regel wäre ein llinderniss iTir den Handel, dir l'rivaten werden schon alle mögliehe Vorsieht anwenden, nni iliir Kina-Hinden nicht in Misscredit zn Itringen." So vorgeschrittene Ansichten iiher das lang(! geplante nnd oft versncht(^ Monopol des Kina-llandels wai-en ITir Ca'ldas sehr bestechend, mehr alier noch die lOrwäguiigen, ol) ei- selliei" nicht befähigt sei, die wissenschaftliche Seite der langwierigen Frage endlieh dnrch energisches A'^orgehen /,u losen. Gegeniiber dem entnervten Wesen des botanischen Hauses musstc Ca'ldas in Angelegenheit der Kina sich zur Kelbrni 1)0- rufcu fühlen. Seine eigenen Leistungen standen, so jung sie waren, auf diesem Gebiete zweifellos höher als die des Meisters; ausserdem hatten alle seine Studien einen weit kräfti<>:eren Auf- 'O^ sehwung genommen als die Arbeiten des altgewordenen bota- nischen Hauses; (u- war mit systematisch durchgeführten Arljeiten nach IJogota' gekommen, nicht mit grossen Haufen wüsten Ma- terials; er hatte Herbarien mit etwa GCKX) Pflanzen, zwei Rande dazu gehöriger Reschreiljungen, viele Zeichnungen nutzbarer Ge- wächse, Sammlungen von Samen und Rinden, Rilder aus dem Lel)en des Volks, Almahmen von historischen nnd antiquarischen Denkmälern, Materialien für eine Karte des halben Vicekönig- reichs wohlg(!ordnet mit sich gebracht. Alles dies war an das Rogota'er Institut al »geliefert worden. Jetzt wurde Caldas, l)is die astronomischen Reobachtungen nachhaltig beginnen konnten, ^ nicht zur Vollendung seiner früheren Studien berufen, sond(;rn lediglich zu botanischen llülfsarbeiten verwendet. Er l>egann in die berghoch aufgehäuften, noch aus Mari([uita stammenden Col- lectionen Uebersicht zu bringen und die grosse, für die Flora Rogotana angesanuueltc; IMasse dui'chzusehen; es galt, das herzu- stellen, was die beiden Mütis Ijisher versäumt hatten; eine Har- monie zwischen dem minutiösen Studium der Einzelheiten und dem generellen Ueberblick. Solche Reschäftignng war für Ca'ldas W(M-thlos, weil seine neuen Ideen nicht Idoss unreif waren, son- dern auch mit denen des immer noch unfertigen Mütis'schen — 182 — Classification^ -Werkes nicht stimmten; er war desliall) liefriedigt, als Miitis ihn wieder auf Reisen schickte, diesmal, um die Region der Quina tunita, in der Zea früher sich aufgehalten hatte, noch einmal zu durchmustern. Nachdem er den Versuch gemacht hatte, von Bogota aus die llöho des Tolima-Kegels trigonometrisch zu messen, wobei ihn Jose Manuel Restrepo und Josd Manuel Ilurtado unterstützten, brach er Mitte August 1806 auf und durchstreifte dann der Chin- chonen wegen die Waldungen von Chipacon, Anolaima und La Mesa, die von Limones, Melgar, Cundai, Pandi und Fusa- gasugii. Nach dieser Forschungsfahrt meinte er alle in Neu- Granade vorkommenden officinalen Kina-Arten kennen gelernt zu haben; er habe sie sämmtlich wachsen, Idühen und Frucht tragen gesehen; erst nach seinen Aufnahmen könnten die wichtigsten unter den grossen Zeichnungen gemacht werden, welche in der Flora Bogotana die Chinchonen Ijeträfen. Mütis hegte bei dieser Entsendung von Cäldas eine Hoff- nung, welche nicht zu verwirklichen war; der alte Herr dachte nämlich trotz seiner Jahre an eine Umarlteitung seiner Kina- Schrift. Ignacio Sanchez Tejada, der als Secretär von Mendinueta einiges Interesse für die Mütis' sehen Arbeiten gezeigt hatte, rüstete, weil er mit dem neuen Vicekönige nicht wohl sich ver- ständigen konnte, zur Heimreise; da er ungern mit leeren Händen nach Madrid kommen mochte, hatte er Mütis bestürmt, wenigstens eine Probe seiner Arbeiten ihm uiitzugel)en; hinsichtlich der Kina- Frage hatte er ihm vorgestellt, wie die Angrifle von Hipölito Ruiz und Jos(? Pavon in Spanien nicht unljeantwortet blei))cn dürften, zumal Humboldt l^is jetzt densell>en keineswegs entgegen- getreten sei; die Mittheiluugen von Juan Tafalla würden viel Unheil anrichten; Zea dürfe nicht unvertheidigt Ideiljen, da er [>arate mit rhomboidischen Netzen sowie einen ller- schel'schen Apparat al »zusenden. Ohne solche Hülfe waren Ije- reits vier DoUond'sche Achromate von verschiedener Crrösse beschaÖ't, drei Teleskope nnd mehrere Thermometer, ein Winkel- messer, ein Oktaut, ein künstlicher Horizont, viele Magnetnadeln, ferner der astronomische Pendel von Graham, den de la Con- damine benutzt hatte, und jener Bird'sche Cirkelquadrant, der von Pombo 1801 Humlioldt abgekauft war. Hiernach besass die Sternwarte von Bogota eine für Süd- amei-ika nicht unerhebliche Ausrüstung, als Caldas Ende 1806 in das Geltäude einzog, dessen Hauptsaal durch die Marmorplatte von Tarqui geschmückt wurde: das Denkmal jener Akademiker, welche Caldas, obwohl sie nicht spanischer Herkunft waren, als seine nächsten Vorgänger betrachtete. Auf dieser seiner Stern- warte arbeitete er nun mit Benedicto Dominguez, den er zu seinem Assistenten heranzulnlden suchte, und mit dem jungen Lino de Pombo, einem entfernten Verwandten jenes Cartajenaer Freundes. Ausser der eifrigen astronomischen Thätigkeit, die sich jetzt entwickelte, war es besonders die Meteorologie, welcher Ciiidas systematisch sich hingab, seit Anfang 1807 von Jose Mejia / unterstützt. Bei diesen Beobachtungen ging er mit besonderer Sorgfalt zu Werke, um die Verschiedenheit der Thermometer aufs Genaueste festzustellen, denn er vermeinte nicht ohne Grund, dass Humboldt bei der Behandlung seiner Instrumente trotz aller Vorsicht mehifach sich halje täuschen lassen. 5. Die Neugranadinische Wochenschrift. Am 3. Januar 1808 erschien in Bogota die erste Nummer einer Zeitschrift, welche grosses Interesse einflösste.^') Der un- ermüdliche Ciildas gab sie heraus, mit finanzieller Hülfe von Diego Martin Tanco, dem obersten Finanzljcamten des Vice- königreiches , der den Werth gelehrter Arbeiten über das an Einnahmequellen immer ärmer werdende Land zu schätzen wusste ; Bruno Espinosa de los Monteros druckte sie, vermoclite jedoch ausser den gewöhnlichen Lettern Nichts zu liefern, namentlich keine Karten. Caldas gedachte durch seine Veröffentlichung zunächst das Interesse für die wissenschaftlichen Bestrel)ungen, das l)eim vice- königlichen Hofe durch Nichts zu erwecken war, in das Volk hineinzutragen; er wünschte rechtzeitig einzugreifen, damit nicht Ilumljoldt, Bonpland und andere Ausländer den Nationalen zuA'or- kämen; auch Spanien selbst drohte gefährlich zu werden, da in Madrid die Veröffentlichung der Mütis' sehen Kina-Schrift , die Tejada im Februar 1807 überreicht hatte, nicht dem Creolen Zea übertragen war, sondern einem Spanier, der nie Amerika gesehen hatte, Mariano Lagasca. Caldas wollte seine neugranadinischen Landsleute zu eigener Thätigkeit anspornen; den wenigen gel)il- deten Kreisen, die hie und da sich antreflen Messen, gedachte er aus den Schätzen der jüngsten Forschungen Alles darzuljieten, was von pi-aktischer Verwerthung zu sein schien; er bestrel)te sich, die schwachen, ausserhalb Bogotas sich zeigenden gelehrten Neigungen zu stärken und., wo noch Keime fehlten, Samen aus- zustreuen. — 185 — „Ein \'ulk, welches keine Wej^c hat, dessen Landwirtbscliaft, Industrie und Handel in den Anlan()iii»laiul drin VcrstorlxMien dadiircli darf^cl »rächt hatten, dass sie mit seinem l>ikU' den ersten IJand ihres grossen amerikanischen Keisewerkes sciiniückten, das solbil nach der Ankunft in Kuropa begonnen wurde, wusste iiiriii in Bogota' lange Zeit niciits. In lU'r von lTund)oldt schon am 1. Mürz 1805 in Paris zu diesem Werke i>;eschrielienen Vorrede steht Mütis obenan unter allen K(>nnern tropischer Botanik. „Wir besitzen zweiCels- ohne viele Pilanzen, welche in den llerl)arien unserer Freunde Mütis, Ruiz, Pavon, Cervantes, Mociüo und Sesse sich befinden. Da diese in Gegenden von analogem Klima gesannnelt halien, ist es natürlich, dass wir auch dieselben Gewächse sahen wie sie; eine angenehm zu erfüllende Pflicht wird es uns sein, das anzu- geben, was wir diesen hervorragenden Botanikern verdanken; wenn wir aber einmal, ihre Arl)eiten nicht kennend, von Neuem Namen an Arten ertheilen, welche schon zuvor durch sie bestimmt sind, so ist das nicht unsere Schuld. IVIütis hat viele Jahre vor uns die "Wälder von Turl)aco, die schönen Ufer des Magdalena, die Umgel)ungen von Mariquita durchforscht, alter dieser grosse Botaniker, dessen Freundlichkeiten uns zu dauernder Dankbarkeit verpflichten, ist nicht ül»er die Anden des Quindiu vorgedrungen, nicht in die Gegenden des Cauca-Thales, nicht zu der Hochebene, die von Almaguer Ins ll)arra sich ausdehnt." Später sagt Humboldt, ül)er den Tod von Mütis in etwas idea- lisirender Weise redend: „Ich habe von ileu Opfern gesi)rochen, die Mütis für die Wissenschaft dargebracht hat; überflüssig ist es also, von seiner Uneigennützigkeit zu sprechen. Er genoss lange Jahre volles Vertrauen der Vicekönige, aber er hat von diesem Finlhiss keinen andern Gel »rauch gemacht als zum Nutzen der Wissenschaften, zum Emporziehen des stillen Verdienstes, zum Schutze der Unglücklichen; er erfüllte stets mit grossem Eifer die Pflichten, welche ihm seine Stellung als Geistlicher auferlegte, nie aber suchte seine Frömmigkeit den Glanz seines Namens. Er war sanft, wie denn Sanftmuth immer vorhanden ist, wenn Herzensgüte mit C'haiaktergrösse sich verliindet." In der Bevölkerung der Hauptstadt machte der Tod des alten Gelehrten umsoweniger Eindiuck, als die allgemeine Auf- merksamkeit gerade ganz anderen Interessim zugewendet war. Der Thronwechsel, der in Spanien am 19. März 1808 durch die Abdication von Cärlo:^ IV. sich v(»llzogen hatte, ilie Abl'ühi-ung — 190 — von Fernando Yll., dem nouen Könige, nach Frankreicli, die Erboltnng von Joseph Bonapai'te anf den Thron der Bourbonen: das war schon seit einigen Monaten in Bogota bekannt. Nun erschien dort gleich nach dem Tode von Mütis der Fregatten- Ca})itain Juan Jose San Llorente, um für eine in Sevilla zu- sammengetretene und im Nannm des gefangenen Königs handelnde National-Regierung Anerkennung und Unterstützung zu verlangen. Der Abgesandte meldete die ersten Erfolge dieser Junta, ihre Siege in Andalusien und ihre Al)machungen mit Grossbritannien. Am 5. September 1808 ward vom Vicekönige, um ülier die An- träge San Llorente's zu berathen, eine Notablen -Versammlung berufen, in der dieselben zur Annahme gelangten; am II. Sep- tem! )er wurde in Bogota dem Könige Fernando feierlichst gehul- digt und bald darauf eine halbe Million Pesos dem A])gesandten der provisorischen Regierung übergeben, welcher Bogota alsbald wieder verliess. Da die spanischen Würdenträger in dieser ungewöhnlichen Sitzung eine erdrückende Majorität gehal>t hatten, lief Alles scheinl>ar glatt und einfach ab, allein die Creoleu, die in ihr geschwiegen hatten, discutirten nachher bei jeder Gelegenheit die Frage, wie es denn doch kommen möge, dass jene aus eigener Autoi'ität in Sevilla zusammengetretene Junta nicht auf Spanien sich l)eschränke, sondern auch in Amerika Recht und Gewalt beanspruchen wolle. Als der Tod dem botanischen Hause den Herrn und Meister genommen hatte, drohte, da kein Nachfolger da war, die Orga- nisation zu zerfallen. Mütis hatte nicht gewünscht, dass ein neuer Director der königlichen botanischen Expedition ernannt werde; einige Monate vor seinem Ende hatte er dem Vicekönige ge- schrieben: „Da die Krankheiten, an denen ich hinsieche, oder, besser gesagt, da die vorgeschrittenen Jahre bei mir so stark sich fühll)ar gemacht haben, dass ich die Zeit der Genesung kaum sehe, halte ich es für meine Pflicht und für die nothwendige Folge der mir anvertrauten königlichen Befehle, nachstehende Punkte vorzutragen. Mit meinem Tode erlischt das Amt eines Directors der l)otanischen Expt^dition von Neu-Granada; mit ihm fallen die Zweige dahin, welche ich Kraft meines Amtes der Obhut und der Sorge von Privatpersonen anvertraut habe. Diese Männer müssen für die Zukunft höhere Gehalte haben; sie können — VJl — auch eine solche AunH'ssciung ])eans|)iu('h('ii, wenn sie die Ai- ])eiten und l*llifhten i'ilK'rnelinien. die ich iliiien hinleilasse. Ohne Scliädigung für die Finanzen sind die "iUH) Pesos, mit (h'nen der Directorposten jährlich austreslattet war, dei'gestalt /u vertheilen, dass G(H) Sinforuso Mütis erhält, so dass er hiiilurt 1(HM) «>ni- l>langt; Ca'ldas, der hislanti" ndt den in anderen Fächern geniachlcn Ersparnissen hingehalten worden ist, kann von jener Sunmu! 10(X) IVsos liekonmien; Who, der unter nieinei' Leitung wähi-eud 24 Jahren als erster Maler und Hausverwalter gewirkt hat, 40(), 80 dass auch er im Ganzen 10(X> Pesos bezieht." „Zum Amte von Sinlbroso Miitis wird Alles gehören müssen, was in die Botanik schlägt, wobei er ganz b(»sondere Sorgfalt darauf zu verwenden hat, dass Zeichnungen und TT<>rbarien gut unterhalten, auch die letzteren fortgesetzt werden. Ciildas wird den astronomischen und geographischen Theil besorgen, mit dem er jetzt auch beauftragt ist, woliei dii^ )»egonnenen Beobachtungen in bishei'iger Ordnung und ^lethodc^ fortzusetzen sind. Kizo sollte die Geschäftsführung weiter wahrnehmen, so dass ohne seine Yermittelung Niemand etwas ausgeben oder durch andere Hand Zahlungen emi)fangen kann; ebenso müssten unter seiner Leitung die ^faler stehen. Jose Maria Carl)onell kann wie bis- her Schreiber der Expedition mit einem Gehalte von 500 Pesos bleiben, Sinforoso Miitis unterstellt, damit er die laufenden schrift- lichen Arbeiten verrichte; um ilni indess auzus})ornen und um ihm etwas zur Erholung zu geben, mögen 100 Pesos mehr be- willigt werden, unter dem A'orbehalt, dass er, wenn der bota- nische Garten sich verwirklicht, der für einige Pflanzen besondeie Sorgfalt und Pflege verlangt, als Vorsteher desselben dienen wird." „L^'lier die Summen, welch(> nach Verfügung der Krone und nach Anordnung hiesiger Regierung unter meiner VerantAvort- lichkeit aul" einzelne Reisen verwendet sind, wird Rizo ordnungs- mässige Rechnungen vorlegen in (lemässlieit der Weisung vom 11. F(;bruar 1787; Rizo geniesst mein volles A^ertrauen und meine wärmste Anerkennung." „Einen andern wichtigen Punkt bilden die Tnventarien über die zu nuMuem Unternehmen gehöi-enden G<>gen'stände, welche in dem botanischen Uauso sich Ixiflnden. Diese A'erzeichnisse, die ich S('llu'r machen werde, wenn Gott mir Leben und Zeit schenkt. — 192 — verlangen, sofern sie nach meinem Tode erfolgen, die Gegenwart der di-ei genannten Persönlichkeiten, damit jede von ihnen ihr eigenes Fach wahrnehmen kann. Die höchste Sorgfalt und zar- teste Behandlung erfordern die fertigen Zeichnungen, welche wegen der Feinheit des Papiers leicht der Schädigung ausgesetzt sind; ihre Schönheit bedingt ganz vorsichtiges Umgehen, weshalb sie bei jenem Acte keinen anderen Händen anzuvertrauen sind als denen von Rizo, gleichwie die trockenen Herbarien, die eben- falls grosse Vorsicht beanspruchen, nur in die Hände von Sin- foroso Mütis kommen dürfen." „Da diesem der botanische Theil zu überweisen ist, der hauptsächlichste, der zugleich im Hause den grössten Raum in Anspruch nimmt: so ist es recht, ihm auch das Gebäude selbst zu übergeben. Rizo leistet wohl in dem Hause seine Dienste weiter und behält dort das bisherige Zimmer, bis dass nach Voll- endung der in Aussicht genommenen Bauten und nach Aufstellung der Bibliothek die Räume in anderer Weise vertheilt werden. Damit Caldas immer freien Zugang zur Sternwarte, dem eigent- lichen Ort seiner Beschäftigung, habe, sollte ihm im hinteren Theile des Hauses eine nach der Strasse führende Thür gemacht werden, zu der er den Schlüssel erhält. Weil Lozano dieser Expedition als Zoologe beigeordnet ist und auf eigene Kosten einem neugranadinischen Fauna- Werke sich widmet, sollte ihm das bisherige Zimmer verldeiljen; ausserdem müsste er auf Kosten der Expedition die Malschüler benutzen dürfen, auch Skelette und Modelle, Farbe und Papier sowie einen der gehaltljeziehen- den Maler." Mit diesem letztwilligen Schreiben hängt es zusammen, dass Jose Ramon de Leiva zum Special-Inspector der Expedition er- nannt wurde. Am 1. Juli 1808 hatte Mütis an Rizo Vollmacht ertheilt, seinen Privatnachlass zu ordnen. Der getreue Famulus erklärte am 17. November vor Notar und Zeugen etwa Folgendes: Nach dem Willen des Verstorbenen sei, ausser der Sternwarte und dem botanischen Garten, noch ein natm'wissenschaftliches Museum, ein chemisch-physikalisches Lal)oratorium und eine öffent- liche Bibliothek anzulegen. Für den Fall, dass diese Wünsche so ausgeführt würden, wie 'sie in vorangehenden Berichten vor- getragen seien, solle Sinforoso nur die botanischen Bücher erben, während die astronomischen an die Sternwarte kämen, die geist- — 193 — liehen an die fünf Klöster von Ho<;ota', die iilti-i die hiesige orangefarbige Kina dii'scllie Art sei wie die von Loja, viel Staul» aufgewirl»ell; IIuml»oldt hat die Ungewissheit durch seine Gutachten nur noch vermehrt. Von ihm liegen drei Briefe vor, in denen er drei verschiedene Ansichten über die Kina von Bogota ausspricht. Dem Vicekönige ^lendinueta schrieb Humboldt von Lima aus am 7. November IHO'2, die Kina von Uritusinga sowie die anderen Arten von Loja seien gleich der orangefarbigen, rothen und gelben Kina, welche Miitis. entdeckt und bestimmt habe; sie wüchse in derselben Höhe und inmitten einer gleichartigen Vege- tation, lieshalb glaul^e er nicht, dass die l-iOJa-Binden Vorzüge vor den Bogotaern voraus hätten. An Mütis sandte Humboldt einen Brief, den ich gesehen habe und dessen Ldialt mir inelir- facli wiederholt ist; es heisst in diesem Schreiben, die orange- farbige Kina Neu-Granadas sei nur eine Abart der von Loja. Fin an mich gerichtetes drittes Schreiben besagt endlich: ,I)ie Kina voTi Loja, das heisst die echte, ist in Wahrheit verschieden von der orangefarl)igen Art wegen der Grösse ihrer Staubfaden und wegen ihrer Achsengeschwülste.' Ein Gelehrter wie Hum- boldt war berufen zur Lösung solcher Zweifel, welche Handel und Wandel, den Credit dei- Waare, die Gesundheit des A^olkes berühren. Ich halie es für meine PHicht gehalten, Alles sorg- fältig zu sammeln, was dazu beitragen könnte, die Ansichten über diese mteressante Frage aufzuklären." Cäldas dachte, dass in der neuen Welt jedem Denkenden ein wissenschaftlicher Dolmetscher erwünscht sein werde; unter den noch nnfertigen A'eihältnissen, namentlich denen derTro])en- gegentlen, müsse aueh der sonst Gleichgültige nach Belehrung siiclieii; liei dem Drucke einer ül>erwältigenden Natur begreife man, dass nur Kenntiuss der Einzelheiten, dass bloss specielles Studium Pfade in Wildniss und Dickicht schlagen könne, dass Waldmesser und Sprengpulver el>enso wenig ausreichten wie Anhänglichkeit au die Heimath oder Liebe zur Wissenschaft. An 13* /' — 19G — der grossen Aiifgal)e, die p]i-ge))nisse gelehrter Forsclinngen dem unreifen Volke zugängig und mitzbringend zu maclien, arl^eitete er mit rüstiger Kraft, seine Zeitschrift gewann von Woche zu Woche an Tüchtigkeit; bis zur Mitte des Jahres 1810 gewährte sie das Bild höchst angeregter, von aussen ungestörter, für die Ehre der Nation sehr empfänglicher Bestrelmngen. In kleinen Anfängen beginnend, zog sie ihre Kreise immer weiter; es ge- lang Cäldas, von Anfang an solche Gegenstände aufzufinden, welclie trotz ihres wissenschaftlichen Charakters ein allg(mieines und })raktisches Interesse besassen. 01)gleich er bis zur Uel)er- nahme dieser Redactionsarbeit kaum Etwas für die Oeflfentlich- keit geschrieben hatte, entwickelte er hervorragendes Schrift- stellertalent; ausserdem verstand er es, überall indirect anzuregen und, seine Kenntnisse darreichend, zur Mitarbeit aufzumuntern. So fing sein Blatt an, gelehrte I)el)atten und wissenschaftliche Preisbewerbungen ins Leben zu rufen. Derartige künstliche Hebel förderten zwar in der ersten Zeit das in dem weiten Lande noch schwache literarische Interesse nur wenig, aber der Redacteur trat selber ein, wenn es an anderen Kräften fehlte. Ca'ldas ver- öffentlichte nicht nur seine meteorologischen Arbeiten, Beschrei- l)ungen seiner Sternwarte, verschiedene specielle Beobachtungen; er verfasste auch infolge der ersten in Neu-Granada entstandenen wissenschaftlichen Debatte eine Abhandlung ü1)er den Einfluss des Klimas auf die organischen Wesen, angeblich um den Kampf zu schlichten, welchen die extremen Ansichten hervorgerufen hätten. „Die Einen räumen dem Klima, d. h. dem Gesammtzustand unserer Umgebung, den allein entscheidenden Einfluss auf das Mensch genannte Wesen ein; die Anderen verneinen jedweden Einfluss der Natur auf das Ebenbild Gottes." Cäldas untersucht die Wir- kungen der Nahrungsmittel, der Lel)ensweise, der Arl)eitssphäre, der Rasseneigenschaften; die Gegensätze einander scharf gegen- überstellend, cü-ingt er ein in alle die Klüfte, welche die Be- wohner Neu-Granadas daran hindern, eine wirkliche Volkseinheit zu bilden. Er nimmt seine Vergleiche aus dem Thierleben, iu'ingt eine für die Bogotaer Verhältnisse ansehnliche Literatur zu- sammen, handelt von atmosphärischem Druck, elektrischen Strö- mungen, Einfluss der Berge und Wälder, der Ströme und Winde. „Der Mensch verändert sich", so meint er, „unter dem Einfluss des sogenannten Klimas; seine Farbe wird weiss, schwarz, braun — 197 — und wie alle die ZwisclKMisliircii licisst'ii; sein Wuchs wird licscii- gross oder zwcrgciiklciii, sein Aiillilz edel oder Iiässlicli, sein Wesen kraftvoll oder schwach, den 'ruu'eiidcii o(h'i- dru l^aslcni zuänden bestehende Theil sollte Astronomie und Magne- tismus umfassen; der fünfte, ebenfalls beinahe vollendete, eine geologische Pasigra])hie oder eine Beschreibung der Lagerung der Gebirgsarten; der sechste endlich die Botanik, und zwar im — 200 — ersten Abschnitte die Besclireihnng der wähiciid der l?eitse neu- entdeckten Pflanzenarteu nebst allen Details, und im zweiten Abschnitte Monographien über Melastonias, Gräser und Crypto- gamen. ^lit d(^iu grössten T^uxus sollte dies in dci- gesammten Bucli-liuhistrie einzig dastehende; Pri\'at\vei-k, an welchem, ausser Humboldt, die ersten Gelehrten Deutschlands und Fi-ankreichs arbeiteten, ausgestattet werden; Seite lür Seite dieser Pi-acht- schrift musste Angaben enthalten, w^elche für Ncu-Granada atdu grösster Wichtigkeit waren oder Neu-Granada sogar direct be- trafen. Natürlich sah Caldas, der den A^ersprechungen des Ver- legers gerne glaubte, solch nahem Fortschritt in seinen heiss- gelieljten Studien mit julielnder Begeisterung entgegen. Tn der Arbeit für die neugranadische Wochenschrift l)lieb (Un- ernstfreundliche Lozano standhaft und treu. Eine eigenthüm- lich interessante Arl)eit von ihm war di(! Einleitung zui" Fauna Cundinamarquesa, nämlich der Artikel „Mensch", wxdcher be- sonders die südamerikanische Rassenvermischung Ijesprach. Das Erste, was Lozano drucken liess, war eine Al)handlung ttlter die Schlangen nel)st einem Plan, die in Neu-Granada vorkommenden Arten genau zu verzeichnen und ülxn; die Mittel sich zu ver- gewissern, welche gegen ihren Biss angewendet w^ erden könnten. Wie Cäldas für die Einfuhr des Lamas sich interessirte, so Lozano für die Uebersiedelung des Kameeis von den canarischen Inseln: eine Idee, zu deren praktischer Ausführung er seinen Bruder, den Marques, auch veranlassen konnte. Der Versuch misslang, angeljlich, weil der leitende Beamte nicht die nöthige Sorgfalt anwendete; die Frage aber, ol) das Kameel in dem gebirgigen Neu-Granada zu acclimatisiren sei, rief eigene Deltatten hervor, bei welchen Caldas mit Entschiedenheit betonte, dass Buffon's Ansicht, das Kameel passe für die südamerikanischen Ländei- nicht, durchaus unbegründet zu sein scheine und Lozano's Vor- schläge zu miterstützen seien. Grosse Beachtung verdiente auch das Vorhalten von Lozano, einen Farl)enmesser herzustellen, um sprachlich die Lichtschattirungen, die den Tropen in solcher Fülle eigen sind, Ijesser beschreil)en zu können; schon 1802 hatte er diese Idee an Älütis mitgetheilt, der dann Rizo Versuche machen liess, der Fortgang war jedoch unterbrochen, weil Lamark in Paris ein ganz älmliches Ziel im Auge halie und über dessen Erfolge erst genauere Nachrichten eingezogen werden müssten; nun ver- — 201 — öftViit lichte Lozaiii) dieses Prolileiii und lorderte zur Kritik auf: er hediufe der lliilt'e Dritter uiusoiiiehr, als «t uield l)loss den Hath von Miitis euthehre, sondern aucli nach der neuen ()r(hiun<:- der Dinuc im hotauisehen J lause nur .Mal- und Sehreilnnaterialien jreliclert erhalle, aber nicht die >ralei' liii' die Taleln seiner Fauna. .Sinl'oroso Miitis war kein iihulich l)eleliter Geist; r-r trat erst spät der Zeitschrüt niiher und auch dann nur äusserlich. «Seit Januar 1800 mit der IJearheitunj^- des wichtijisten wissenschaft- lichen Theiles der köniji-lichen botanischen E.xpeditioii beauftraj^t", so schreibt er am *2(i. Februar ISIO, „ vollendet zu haben, niindich die Naturf>-eschichte der Kina-Biiume." Sinforoso wählte diese Bezeichnun«;-, um für Cäldas die Geographie ih'v Kina-KäuuK^ oflen zu lassen; aber auch sie wai' nicht ein- j^eschränkt g'enug, denn was Siulbroso lieferte, bestand iiiii' in einem Abriss der Quinolo^iia l>og-otana.''"') Dei- XelVe hat die Arbeit des Classiliciiens und Syslemati- sin'iis, so i'ut es gin-^, zum raschen Abschluss gebracht; seine Schrift beginnt mit einem für die riiinchona angenommenen Typus, auf den das erste Blatt der dem Flora- Werke entnom- menen Abbildungen sich bezieht; dann folgt der Tyjms der Lanci- folia der Zea'schen Quiiia tunita, deren Beschreibung /.um 'J'heil vom Oheim, zum Theil vom Neften gemacht ist; daran schliesseii sich dreizehn Varietäten, welche mit einer einzigen, Sinforoso angehörenden und an die Spitze gestellten Ausnahme von Ca'ldas stammen; es kommt dann die Cordilblia, deren Typenbeschreibnng noch von dem alten Director herriihrt, während unter tlen fünf angenommenen Varietäten zw(n ohne Namen sind und die drei anderen den von Gäldas tragen. J)ie Type der Oblongifolia und ihre drei Nebenarteu sind mit Sinforoso's Namen iK^zeichnet wie die Typ(; der Ovalifolia und ihre zwei ersten Varietäten, die dritte stammt von Restrepo; endlich bilden den Schluss die drei nach den Blüthen l>enannten Arten in der ursi»iünglichen Be- schreibung von Mütis. Diese Arl)eit nalim sich sehr prachtvoll aus: denn dem Folio- Manuscript waren sechzig ausgezeichnet gemalte 'J'afeln beigefiigt, welclu! die ('hinchona in iliici- Kntwickelung zu Blülhe luid zu Frucht mit allen analytischen Details darstellten: sie nannte i'ilu'igens nur den verstorbenen Miitis als Verfasser. — 202 — Siuforoso's erster Beitrag zur Ca'ldas'sclieu Zeitschrift galt übrigens nicht bloss dieser Qiiinologia. „Nach A'ollenduug des Kina-Werkes", so schreibt ei- weitei-, „hal)e ich sofort die Flora liogotana zu bear))eiton liogoinicn. Das ist eine ungeheure Auf- gabe, auf die mein Oheiui, ohne sie beenden zu können, 45 Jahre verwendet hat; mehr als 2000 Individuen Itilden di(^ Sammluuir. Ich arbeite daran, sie nach dem Linne'schen System zu ordnen, jede Tafel mit den .Manusci-ii)ton und den Zergliederungen zu vergleichen, um das Fehlende zu ergänzen und die neuen Arten auszusondern, damit diese zunächst veröflentlicht werden können." Dabei blieb die grosse Miitis'sche Speculation iiber die Genera plantarum auch dem naui)terl)en imverständlich. „Meine Mit- arl)eiter Fjozano und Ca'ldas sind von demselben Eifer beseelt wie ich, und wenn nicht die Tagesgeschichte unseren Plänen Eintrag thut, wenn nicht die Nation an Fragen grösserer Trag- weite heranzutreten hat, so halten die Gelehrten in wenigen Jahren die Werke des arlieitsamen Miitis in ihren Händen. Dann werden die Feinde seines Ruhmes liekennen, dass die ihm eigene Be- scheidenheit das Planpthinderniss l)ildete, weshalb nicht schon während seiner Lel)zeiten solche Arbeiten veröflentlicht wurden. Weil wir uun augenl^licklich kehie Mittel besitzen, um ein grosses Werk würdig erscheinen zu lassen, und weil uns die neuen Bücher einer in den letzten Jahren so grossartig vorgeschrittenen Wissen- schaft fehlen, so müssen wir, um nicht der originellen Ent- deckungen verlustig zu gehen, zunächst in dieser Zeitschrift die neuen Classen der Flora Bogotana veröfi'entlichen , jedoch nur unter Beschreilmng der Arten, alles Weitere für den Prodromus der Flora Bogotana aufsparend." So enthalten denn einige Nummern der bescheidenen Cäldas'schen Zeitschrift einige sehr einfache Pflanzen-Beschreibungen aus dem so pomphaft begonnenen Werke, ziemlich allgemein gehaltene Charakter-Deflnitionen; die ersten Geschlechter sind nach den Mitgliedern der Expedition genannt; der Amaria, die dem Yicekönig aus Höflichkeit ge- widmet wird, folgen nämlich: Caldasia, Lozania, A'alenzuelia und Consuegria; eine Mutisia gal) es schon l>ei Linne. Cäldas fügte seinem Cartajenaer Freunde zu Ehren noch eine Pombea hinzu; ferner sollten Exemplare sich anschliessen, welche der Director schon früher getauft hatte; von ihnen ist jedoch nur die Buch- ueria veröflentlicht worden. — 203 — WaLi«'iiraktisch landwirthschaftlichc; Gegenstände sich bezogen. N'alenzuela schriel) z. B. ül)cr eine neue Grasart, welche zur Verbessernng der Weiden und zu Anlagen von Wiesen bi-auchliar sei, sodann iiber das Gtaiti-Zuckerrohr, das ganz Ix'sonders zur Cultnr sich eimie und auch in Peru seit Kurzem cnltivirt werde. Das Ca'ldas'sche Wochenblatt beschränkte sich nicht auf Nat\n-wisäenschaften, Geogra]thie und Medicin. Es war besonders jeuer Tanco, welcher dafiir sorgte, dass Einseitigkeit vermieden — 204 — wurde. Unter der Bezeichnung „Kinderfreund" machte er den Volksunterricht /Jim Gegenstand seiner vorständigen ßestrehungen, „Die öffentliche, unentgeltliche, gleichmässige und dauernd ge- regelte P]r/,i(!hung der Massen ist mein Stoff: diese Quelle aller Güter und Tüchtigkeiten, die ein A^olk liesitzt, und zugleich Ur- sprung aller nationalen Uebel und Mängel. Die ])olitische Philo- sophie möge sich al)mühen, die fiir die Wohlfahrt eines Volkes geeignetste Kogifü'ungsfbrm auszulindeii: wichtiger ist es, das beste Volksschulwesen zu ermitteln; dies gilt namentlich füi- unser Land, wo die Armuth so ungeheuer zunimmt, und die Rassen- wie die Klassen-Unterschiede so tief eingreifen. In der Hauptstadt bestand Mitte 1808 eine Freischule, die von der Krone unterhalten wurde. In Zukunft sollte auf Gemeindekosten in jedem der drei Bogotäer Stadtliezirke eine „patriotische Schule" l)egründet werden, die von der Kirche vollständig unab- hängig sein müsste, äusserlich gut ventilirt und innerlich gut eingei'ichtet, dazu verwaltet von einem gelnldeten, durch den Stadtrath zu ernennenden Lehrer, der die Kindei-natur kenne und namentlich beim Strafen mit ruhigem Verständniss verfahre. Der Stadtrath von Bogota, aber nicht die Colonial-Regierung, müsse für alle die Ortschaften des Vicekönigreiches, welche noch keine Gemeinde- Verfassung ))esässen, die Schulvorsteher ernennen. — Einmal in der Woche ist ein freier Tag; an dem sollen die Schüler erst zur Kirche gehen, um zu lieten, und dann in die freie Natur, um zu sjiielen. In einer solchen „patriotischen Schule", die auf vier Klassen und auf drei Jahre berechnet wird, giel>t es an Lehrgegenständen nur Lesen, Sclirei))en, Rechnen, Bibelkunde und Religion, sowie die Geschichte der Heimath und des ^lutterlandes. Was von den Schülern geschriel)en und von den Lehrern gelesen wird, das erscheint als das wichtigste Bildungs-Element. Zwei Schulfeste bringt das Jahr: zu Beginn das der Fürbitte für Eltern, Lehrei- und Schulfreunde, am Aller- seelentage die Gedächtnissfeier der Todten." Mit kräftigen Worten aus Fenelon sucht Tanco zu erwärmen; er flicht Kinder- gel)ete und Schulgesänge ein, Aveist auf Spartaner und Römer hin und kommt von dem Idealsten zu dem Aeusserlichsten , von den Schnlvisitationen, ja den Voi'steherbei'ichten zu den Bau- materialien. Die erste „patriotische Schule" wurde durch Antonio Arboleda, den Freund von Cäldas, in Popayan begründet; sie — 205 — veranstaltete am IT), .liili ISOi) ihren ersten Schulakt, den Ca'ldas wie ein Erei<>niss von »i-rosser allgemeiner JJcdeutun^: feierte. «Kindersc'hnlen können iJrntorte des iiasters nnd des \'erlire(',liens sein; unsere Criminal-Statistik 7,ei_i(> nwisten dieser Skizzen Itegleitele 1 \ — 206 — Caldas mit Noten; einige derselben kamen selbstständigen Ab- handlungen fast gleich. Wichtigen Fortschritt l)ildete eine geograpliische Arbeit von Jose Manuel Restrepo,^^) Avelche die Provinz Antioquia ])ehande]te und auf gründlichen Studi(m l)eruhte. In jenem bisher so stillen, bewegungslosen Gebirgslande war unter dem Gouverneur Fran- cisco de Ayala viel freies und energisches Lelien ei'wacht, es arbeitete Restrepo an einer Karte seiner Heimath, fiir dt^ren botanische Schätze er schon 1807 ein eigenes Herbarium ange- legt hatte; an die Restrepo'sche Landeskarte sollte eine andere sich anschliessen, die des Ingenieur-Offiziers Vicente Talledo,^*^) welche besonders die Provinz Cartajena darstellte. Caldas sannnelte auch Statistiken; er veröffentlichte Tabellen iiber die Sterblichkeit in Bogota und in anderen Orten über den A^erkehr von Laguaira, Cartajena und Veracruz, über die Aus- dünstung in Hospitälern und in Armenanstalten, auch über den Kinarinden-Handel von Cartajena. Diese Vorarbeiten für die Heilung der Heimathskunde bracliten den Mann der Theorie immer kräftiger in Verl)indung mit den Anforderungen des frischen Lel)ens und in Verkehr mit })raktisch strebenden Leuten. Da war der alte Ignacio Cavero, der in Veracruz sich abmühte, Manuel Rodriguez Torices in Cartajena oder Juan de Corral, jener Antioqueüer, dessen ener- gisches Wesen zugleich weit aussehenden Reformen und stillen Studien sich zuwandte. Die Bogotäer Wochenschrift gebrauchte für die einfachsten Geschäfte viel Arbeitskraft; die Hindernisse in der Di'uckerei, beim Postversand und gegenüber der Censur waren zahllos; namentlich fiel es auf Caldas recht drückend, dass in Bogota alle Einrichtungen fehlten, um Tafeln und Karten herzustellen. Natürlich bliel) die Thätigkeit des Gelehrten trotz der Wochenschrift vor Allem der Sternwarte zugewandt. Im März 1809 erhielt er vom Vicekönige den Befehl, dreimal im Jahr über seine astronomischen Arbeiten zu berichten. „Heute ist es das erste Mal", schreibt er am 1. Juli jenes Jahres, „dass ich mit dem Haupte dieses Königreiches ül^er meine Aufgaben reden dai'f." Caldas sprach sich iiber sein ganzes vorangehendes Leben aus: „Lesen Eure Excellenz diese wahrheitsgetreue Darstellung über das Wirken eines Mannes, der seit jetzt vierzehn Jahren — 207 — für nichts Anderes lel»t. als für den Fortsehntt der Wissenschaft." Nach einiger Zeit konnte Caklas auf seine astronomische Tliätig- keit mit Befriedijrnnir Idickeu; denn er fand für sie ein(^ Stelh* tüchtiger Froiiauanda. nämlich die Pi-olessur der Mathematik, in welcher er Caicedo y VcM-gara aldöste. Er eröfl'net(^ s<'inen ünteri'icht, der dann täglich eine Stunden dauerte, mit «'inei' Kcdc. welche als Muster von I']infachlieit und (ielehrsamkcil angestaunt wurde; der seit den Zeiten von Mütis verödete Lehrsaal im Colejio del Kosario fiillte sich mit Schiüern. Besonderes Interesse bewahrte Ca'ldas der Meteorologien, welchen- er mehr und mehr einen ])raktischen Charaktci- zu geben suchte, sowohl bei den eigenen Arbeiten, als auch bei den Be- strebungen Dritter, die in Cartajena, in Alegria uii7 verwandte ich einige Wochen darauf, alle Eclipsen des Mondes, wie der — 208 — Trabanten des Jupiters, die ich während meiner Reise in der Provinz Qinto beobachtet hatte, zu l»erechnen, damit ich die geog"ra})hische Länge jener Hauptstadt richtig bestimmen könne: die Basis aller ])ishe]'igen j\Iessungen im Siiden dieses Landes. In meiner Sammlung astronomischer Beoljachtuugen wird eine eigene Denkschrift ii])er die wirkliche Länge von Quito sich linden, in der ich zu dem Ergel)niss gelange, dass unsere spa- nischen Offiziere der Wahrheit am nächsten gekommen sind. Gleiche Berechnungen habe ich hinsichtlich Cuencas, Lojas m\i\ vieler anderer Orte jener neugranadinischen Provinz gemacht und bedarf jetzt nur noch des Schutzes eines aufgeklärten Herrschers, um meine geographischen Pläne zum Abschluss und das herrliche Gebäude einer Landeskarte zur Vollendung zu bringen." „Li zweiter Linie steht die „Chinchonographie oder die Geo- graphie der Kina-Bäume", zusammengestellt nach Untersuchungen der Jahre 1800 bis jetzt. Keine Nomenclatur, keine kleinliche Beschreibung,- sondern ein für Handel, Ackei-bau und Medizin brauchbares Werk, das nicht so sehr die Kinabäume als solche l)etrachtet, sondern mit Rücksicht auf die Gürtel, in denen sie wachsen, auf den Flächenraum, den sie einnehmen, auf die Grenzen ihrer Breite, so zu sagen die Tropen ihrer verschiedenen Arten, ihre Temperatur, ihre verticale Zone, deren unteren und oberen Rand u. s. w. Dies weitgreifende und schwierige Werk soll eine Reihe von Problemen lösen; z. B. ist der Fundort be- kannt, wird die Kina-Art bezeichnet, welche dort wächst; oder ist ein Ort der Anden angegeben, wird gesagt, ol) dort Kina-Bäume vorkommen können, oder ol) die dortige Rinde für die Verwen- dung taugt und dergleichen mehr. Es lassen sich sehr viele Gesichtspunkte, die für die Volkswirthschaft und Gesundheits- pflege äusserst wichtig sind, hinzufügen. So wird sich z. B. eine eingehende und methodische Allhandlung finden, welche die Frage betrifft, oIj unsere orangefarbige Kina mit der feinen von Loja, die bisher der König erhielt, identisch sei oder nicht. Meine Arbeit, rein geographisch, beruht auf astronomischen Beobach- tungen, Landesaufnahmen, geometrischen und barometi-ischen Messungen; sie gehört mir ganz zu eigmi, denn meine Ideen theilte ich an Mütis mit; ich hatte die Freude, sie vollständig gebilligt zu sehen und die Weisung zu erhalten, dass die Profile und die geographischen Pläne ausgearbeitet werden sollten. Als — 209 — Müti? mir die letzte Hiilfe angedeilien lasfien wollte, als er für mich eine Forschungsreise nach dem Quindiu-Geljirge einrichten wollte, die zur Vervollständigung ilieser geogi'aphischen Aibeit so wichtig werden konnte, ward er von der letzten Krankheit ergriflen. Die angefangenen Arbeiten wurden nicht fortgesetzt, die Zeichnungen aufgescholien; jetzt hoft'e ich lievollmächtigt zu werden, die Reise nach den Quindiu-AnckMi zu machen, die einen Monat, höchstens zwei, dauern wird: eine füi- die Kina-Geographie, luv die Beschreibung des Königreiches, ja für Yolkswirthschaft und Ackerl)au wichtige Expedition." „Dnttens beschäftigt mich eine Phytographie oder Geographie dei- Aeqnatoi- - Pflanzen, verglichen mit den Vegetal - Erzeug- nissen aller Zonen und der ganzen Welt, zusanmiengestellt nach Messungen und Heo)»achtungen, die in der Gegend des Aequators seit 18(X> vorgenommen sind. Diese nach grossem Maassstal)e angelegte Arbeit enthält drei Haupttheile: erstlich die ^ledicinal- PHanzen oder die medicinische Geographie der Gewächse, dann die für Kunst und Gewerbe niitzlichen, sowie die zu unserer Erhaltung dienlichen Pflanzen oder die wirthschaftliche Geographie der Gewächse, endlich die noch nicht als nützlich erkannten Produkte oder allgemeine Geographie der Pflanzenwelt. Diesen drei Abschnitten geht als Einleitung eine Abhandlung über die grossen Erderscheinungen vorauf, ül)er die Grenze des ewigen Schnees, das Aufhören des Pflanzenwuchses, die Einflüsse der Temperatur und der Elektricität, sowie vieles Andere, was auf die allgemeine Kenntniss der Vegetation unseres Planeten Bezug hat. Diese Arbeit machte in den letzten Monaten erhebliche Fortschi-itte, obwohl ich gern gestehe, dass sie noch nicht fertig ist und namentlich auf die Quindiu-Reise wartet, um ihren Ali- schluss zu Hnden. Eine Beilage dieser Schrift bildet die l)otanische Karte des Königreiches, auf ihr werden da, wo sonst nur Ort- schaften, Dörfei-, Städte, Ströme, Hügel und Bäche sich Hnden. auch die I*flanzen sich zeigen; ausser den einfachen Ortsangal)en liefere ich Gebirgsdurchschnitte von 4"" 30' südlicher bis 4^ IJO' nördlicher Bj-eite; annehmend, dass das Aug«? des Beobachters viele Milien nach Westen von einer grossen Gebii'gskette entfernt sei, halte ich meine Bilder nach Osten hin üiiei- einem Xebelgrund dargestellt; da erkennt man die Physiognomie der höhei-en Punkte, Scliamacber, SUdainerik. Studien. jd — 210 — eielit Ortscbaften , Städte, Tliäler und findet auch die Pflanzen, je nach der Höhe, in der sie wachsen. Achtzehn grosse JJlätter enthalten solche Profile, die genau den astronomischen, trigono- metrischen und Itarometrischen Ermittelungen angepasst sind; jedes Profil giebt die Topogi'aphie eines Stiickes der Anden wieder, dergestalt, dass die Zusammenstellung dieser Bilder einer aus der Vogelpers])ektive dargestellten Karte der Aecpiatorial- Anden gleichkommen wird. Als Mütis stai-b, waren kaum zehn dieser Profile vollendet; jetzt erhofte ich von dem Schutze der viceköniglichen Regierung den Befehl, die angefangene Arbeit zu Ende zu fiihren." „Dies sind die Pläne, nach denen ich arl)eite. Hier gehen meine Tage noch im Schoosse des Friedens hin, während ich mich den grossesten, dem Menschen nützlichsten und zugleich unschuldigsten Gegenständen widme. In den letzten vier Monaten habe ich die astronomischen Refractionen an Höhe und Breite unserer Sternwarte studirt; ein Element, das bekanntlich in der Astronomie die Hauptsache bildet; daher muss ich über dasselbe eine eigene Abhandlung liefern.'^ „Das reiche Herbarium aus dem südlichen Theile des König- reichs, eine Sammlung, welche der Regierung so viel Geld, mir so viel Mühe, so lange Reisen, ja die Gesundheit gekostet hat, wird untergehen, sofern nicht der Yicekönig rechtzeitig den th'ohenden Verfall al) wendet; die getrockneten Pflanzen, leicht zerstörbare Dinge und Leckerbissen für Würmer, verderben mit jedem Tage mehr. Das einzige Mittel , die angesammelten Kenntnisse zu bewahren, ist die Abbildung; ich beanspruche keineswegs, dass mein Werk mit solcher Pracht ausgestattet werde, wie die Flora Bogotana; ihre Grossartigkeit, wenn es zu sagen erlaubt ist, ihr literarischer Luxus, nutzt wenig und ver- zögert in Wirklichkeit nur den Fortschritt der Wissenschaft. Kleine Blätter, einfach getuscht, ohne Miniaturen und bloss in Schwarz ausgeführt, würden für meine Forschungen genügen. Mit einem einzigen Maler, der dieser Aufgabe sich widmete, könnte ich in einigen Monaten die Früchte umfangreichen Studiums sicherstellen; Lozano hat jetzt für die zoologische Abtheilung einen Maler erhalten, ol)wohl sein Arbeitsfeld nicht im geringsten dieselben A'ortheile verspricht, wie eine Flora Qüitonensis. A"on dieser sah Mütis nur siebenundzwanzig Pflanzen; — 211 — alle waren ilim uubekaiml iiiul neu, so dass er sie in seine Flora aufnehmen wollte." Der nächste Trimester-lJericht von Caldas l)ekundet, dass ihm mancher kleine Wunsch erfüllt wurde. Am 1. November ISO*.) zeigt er an. dass die astronomischen Beobachtungen fort- gesetzt sind, soweit es die Regenschauer gestattet haben; er iiberreicht den ersten AI »schnitt seiner Denkschrift über die astronomischen Refractionen von Bogota, dem noch zwei andere folgen werden, und widnu't diese Schrift dem Vicekönige, „dem Beschützei- der Astronomie in Amerika": ausserdem wiederholt er di<' Nothwendigkeit einer Reise ins Quindiu-Gebirge mit der Bemerkung, dass zur Zeit wohl die Schläge, die Napoleon's Tyrannei daheim dem spanischen Reiche versetzt hätten, grössere Ausgaben verbieten würden. Neun der Anden-Prolile sind dui-ch einen der jüngeren Künstler vollendet; aber das Malen der Flora Qnitonensis hat noch nicht begonnen, weil der Vorsteher der botanischen Abtheilung erst befragt werden sollte. „Ich machte die Reschreibungen", so hel)t Ca'ldas hervor, „in den Wäldern von Quito, zeichnete die Pflanzen, sah sie lebend an ihren Standorten, zergliederte sie; Niemand ausser mir kennt das Herbarium von Quito." Caldas hofl"t noch im Laufe des Monats tlem Vicekönige die erste Decade der 1802 l>is 1805 von ihm gesammelten Aequatorial-Pflanzen überreichen zu können. Die Form dieser Berichte lässt im Einzelnen deutlich ei-sehen, dass auch eigenartig und selbstständig gebildete Creolen vor dem A'erti'eter der spanischen Krone sich beugten und von der liöf- lichkcMt sogar zur Schmeichelei ül »ergingen. Mit dem letzterwähnten Caldas'schen Berichte ist einer von Rizo gleichzeitig, der den ruhigen Fortgang der Malerarbeiten liespricht. Rizo sagt am '29. Octol)er 1809, während des letzten Trimesters seien '29 farblose und 12 farbige Bilder vollendet; IT) (Um- ersten und eines der zweiten Ai-t l>etanden sich in Ailieit; in 19 Tafeln seien die Zergliedei'ungen eingetragen; die Bikler für Sinforoso's Quinologie lägen seit vier Monaten vollen(hit voi'. Jetzt schien einer der besten Wünsche von Zea und Ca'ldas, die Begründung eines chemischen Lal »Oratoriums, sich verwirk- lichen zu sollen. Jose Maria Cabal kehrte nämlich aus Europa zurück , nachdem er dort nicht zwei , sondern neun Jahie laug auf Kosten seines Oheims Miguel den Naturwissenschaften ol»- 14* — 212 — gelegen hatte. Er ])rachte grosse Bücberscbätze mit; ausserdem für den in Bogota geplanten botanischen Garten einige wichtige asiatische Pflanzen. „Die Chemie ist", ruft Caldas aus, „für die Naturforschung zur ersten Nothwendigkeit geworden; unser Land ist voll von metallreichen Lagern, voll von den interessantesten Erzeugnissen des Pflanzenreichs, von fast allen Schätzen der Erde; wir könnten das erste Volk von Amerika sein, wenn wir den Werth dieser Reich thümer zu unterscheiden wüssten, wenn wir die Vortheile einsähen', die wir aus den reichen Gaben zu ziehen vermögen. Umgeben von Smaragden und Amethysten, von Quecksilber und Piatina, von Eisen, Kupfer und Blei, auf Gold und Silber tretend, im Schoosse des Reichthums sind wii- arm, weil wir unsere Güter nicht kennen, Cabal wird nun seine Analysen beginnen und unsei- Erdreich untersuchen; man schicke Muster von Erzen, Steinen, Erden nach Bogota, da sollen sie von ihm chemisch bearbeitet werden; unsere Wochenschrift wird die Resultate veröffent- lichen; die Materialien sollen, systematisch geordnet, ein eigenes Museum bilden, in welcTiem die Jugend studiren kann." Unterm 25. Februar 1810 schreibt Oaldas über Sinforoso Mütis: dieser habe den Absichten seines Oheims und den Ei"war- tungen der Regierung vollständig entsprochen; jetzt sei Aussicht vorhanden, dass die Yeröfifentlichung der Flora Bogotana baldigst beginnen könne; dem Drucke ständen freilich die Menge der Pflanzen-Individuen, die Grösse des Herbariums, der Umfang der ungeordneten handschriftlichen Aufzeichnungen, der Mangel der jüngsten Ijotanischen Schriften noch immer als Schwierigkeiten entgegen, allein man müsse jetzt mit der classischeu, von allen Gelehrten gewünschten Arbeit vorangehen. Die Verzögerung im Erscheinen der Flora Bogotana sei l^ereits verderl)lich geworden, denn einen Theil ihrer Reichthümer hätten die Flora -Werke von Peru und Mejico sich angeeignet, wie auch die Schriften von Jacquin, Nee, Haenke, Humboldt und Anderen; Entdeckungen, die dem Mütis'schen Unternehmen angehörten, seien in fremde Hände gekommen und bei der Veröfl'entlichung oft durch Leicht- fertigkeit oder Uebertreibung entstellt. „So soll denn der Pro- dromus Florae Bogotanae rasch erscheinen, um die Arten fest- zustellen, die Mütis mit so unsäglicher Standhaftigkeit auffand, und um den Raul)zügen der Fremden in das Gebiet unserer — 213 — Landes-Flora eine Scluaiikc zu setzen. Auch die .Saniuiluiig, welche ich au.s Quito niitgel »rächt hal»e, soll nach der neuesten Weisung des Vicekönigs durch die Kiinstler der Expedition ge- malt und dann durch mich veröffentlicht werden; dabei werde ich dem Beispiele von Sinforoso ^^^itis Iblgen, so lange dasselbe als nachahmenswerth erscheint." Am 9. März li^lO iil>erreichte Caldas dem Vicekönige das erste Heft seiner „Denkschriften", wi^lche, etwa nionatlicli ei- scheinend, die Fortsetzung der linanziell nicht mehr haltltaren Wochenschrift liilden sollten. ^^) Wer nichts als diese ruhigen und stetigen Arbeiten sah, konnte glaul)en, dass das Volk in den alten Geleisen weiter lel)e, wenngleich nicht mehr in der früheren Lässigkeit, vielmehr angeregter und weiter strebend, al>er doch in dem gewohnten Stillleben des Colonialwesens, In Wirklichkeit war die Ruhe längst dahin. Als am 11. Oecember 1809 in i>ogota' die Sonnenscheibe ohne Strahlen, ohne Feuerglanz gesehen und Gleiches mit ängst- lichen Worten aus Pasto, Popayan, Neiva, Tunja, Santamai'ta und anderen Orten gemeldet war: da hatte diese Natur-Erschei- nung, mit deren Lösung Ca'ldas eifrigst sich l>eschäftigte , in der Masse des Volkes die Bedeutung eines A'orzeichens vom Heran- nahen aufgeregter neuer Zeit, einer Zeit schweren und blutigen Ringens. 6. Politisches Leben und Streben. Am 25. Mai 1810 laiidotcii in Cartajona de Indias Antonio Villavicencio und Carlos Montüfar, numl)oldt's früherer Reise- genosse; sie kamen von Spanien als Abgesandte der neuen, in König Fei'uando's Namen zusammengetretenen Regentschaft, welche, um den Widerstand gegen die französische Fremdherrschaft schärfer zu organisiren, die frühere National-Regierung al)gelöst hatte. Letztere hatte freilich beschlossen, amerikanischen Abgeordneten Sitz und Stimme in ihrer Mitte einzuräumen, aber aus dem Be- schlüsse war wenig geworden; der Abgeordnete für Neu-Granada, Mai-schall Antonio Narvaez zu Cartajena, war nicht einmal nach Europa abgereist. Nun hatte die in Cadix residirende Regent- schaft in den von ihr berufenen Cortes 26 Plätze für amerika- nische Abgeordnete offen gelassen und dal)ei liestimmt, dass vorläufig, weil jenseits des Meeres die Yertreterwahlen nicht schnell genug zu vollziehen wären, Ersatz-Deputirte aus den in Europa sich aufhaltenden Colonialen genommen werden sollten; dazu waren für Neu-Granada Domingo Caicedo Sanz de Santa- maria aus Bogota und Jose Mejia aus Quito ersehen. Jene beiden Allgeordneten der spanischen Regentschaft sollten nun das Weitere in Amerika sell)st veranlassen; sie erwarteten lebhafte ])atriotische Erregung und fanden sie auch, aber die Bewegung der Gemüther trug dort ein ganz anderes Wesen, als in Spanien vorausgesetzt wurde. Wohin sie sahen, stand das gesammte Creolentlmm, mit Ausnahme eines Theiles der Geist- lichkeit, im schärfsten Widerspruche gegen alle europäischen Regierungsleute; die Autorität der i'iber das ISloev gekommenen Beamten war mit dem Niml>us ihrer königlichen Einsetzung — 215 — claliiiigogaugi'ii; dif iM'hoidcn tl«'s NfuMorlaiKlcs liaiidi'Ucii. anstatt den alten Gegensatz nHiglichsl /u vciwiischeii. Itci jeder (Jelegen- heit, als ständen sie in I'ciudes-Land. Schon gleich nach dei- Aliroise jenes Fn'gaften-('a|iitaiiis Lhnciite hatte der \'icekönig von Santale ^faassi-egehi getrollen, welche die Masse eiltitteilen; Landeskindei-, welche höhere Regiei'ungsäniter Itekleideteii, waren in der Ilauptstadt wie in den Provinzen ahgesetzt worden; Antonio Nariüo war nach C'arlajena geschallt, damit er in (h^- engeren Ileiniath nicht schaden könne. Auf Rulieitson's Werk über die Geschichte Amerikas hatte man gelahiidet, dem Con- sulat von Cartajena war jed(^ Einfuhr von Drucksachen unter- sagt. lV)li/.ei wie Passcontrole wurden aufs Härteste gehandhald. Auf eine in Quito ausgebrocheiie Volksoi'hehung, an welcher Männer wie Moiiliifar's Vater sieli Itetheiligt hatten, war iiacli w'enigen Monaten von den Sjtaniei'n und Spanischgesinnten nut FJlut und Eisen geantwortet worden. Villavicencio und Montiifar trafen sofort I»ei ihrer Ankunft am neugranadinischen Gestade iil)erall auf den Gedanken, es sei nach dem Vorhilde des Mutterlandes auch in jedem der ameri- kanischen Reiche S])anisch(M' Krone eine eigene Regieiungs1>ehörde einzusetzen. Sie ei-hielten in Cartajena nicht bloss die Nach- richt, dass bereits am IJ). April in Caracas diese Form einer Selbstregiei'ung im Namen des Königs kurzei- Hand versucht worden sei, sie sahen aji Ort und Stelle sellist das Ergelmiss einer ähnlichen Bewegung, einer gegen die Alleingewalt des Gouverneurs Francisco Montes gerichteten Kundgebung des Volks- willens, indem zwei vom Stadtrath erwählte Personen dem Gou- vei-neur zui' Seite gestellt waren. Nach der Bestätigung dieses Regierungs-Ausschusses schifl'te Villavicencio auf dem Magdalena- Strome sich ein, während Montüfar nach Quito eilte, um den üebergrift'en der Spanier, unter denen auch sein A'ater litt, im Namen der Regentschaft aufs Energischste entgegenzutreten. In Bogota war der Stadtrath zum Mitteli»unkt der neuen Bewegung geworden. Der vertrauensselige, abei- handlungsunfähig(^ Vicekönig stand den lebhaftem Verhandlungen dieser Körper- .schaft so fern, als winden \on ihnen (b'e Interessen, die er zu wahr;(' Regierungen; in dei- Hauptstadt hul- digten den neuen Gewalten die Spitzen der alten Behörden, namentlich aucli der Stadtcommandant Juan S;i'mano; dort gehörte zu den Mitgliedern der neuen Regierung Sinlbroso Miitis, welcher auch schon unter den Vertrauensmännern d(is Stadtrathes gewesen war und alsl)al(l in die Al)theilung fiir Polizei und innere Ver- waltung eintrat. P]r erliess mit seinen beiden Collegen am 29. Juli den an alle Provinzen Neu-Granadas sich wendenden Aufruf zur Beschickung von constituirenden Cortes, die in der Hauptstac^t des Vicekönigreichs Santaf(= zusammenti-eten sollten, um iil)ei- die l)este provisorische Regicrungsform zu beschliessen, wobei nunmehr das Princip der Volkssouveränität stärker und stärker lietont wurde. Der Neffe des alten Kronbotanicus erschien den Vertretern der immer mehr vorschreitenden demokratischen Strömung nicht als vollständig sicher; deshalb erklärte Cäldas fiir ihn, hinweisend auf die Vorgänge von 1794 und auf die Haft in Euroi)a: „man habe vielleicht geglaul)t, dass Sinforoso durch die Mitgliedschaft im botanischen Hause an die alte Verfassung gebunden werde; allein es sei nicht so leicht , Ueberzengungen auszurotten, namentlich nicht, wenn sie aus Herz und Verstand zugleich stammten; er, Cäldas, bezeuge, dass der Amerikaner Mütis sich entschlossen habe, der Freiheit seines Vaterlandes alle Opfer darzul »ringen, selbst die grössten." Diese seltsame Erklärung findet sich in dem Amtsldatte der neuen Regierung, dessen Redacteur Cäldas selber war. '"'^) Er entwickelte für diese dreimal wöchentlich erscheinende Zeitung eine pul)licistische Thätigkeit, welche ganz vergessen liess, dass ein Naturforscher, welcher kürzlich zum Besten seiner unterstützungsbedürftigen Interessen noch höfisch schmeicheln konnte, der Verfasser der liegeisterten und ))egeisternden Artikel war. „Wir dürfen von Freiheit und Unal)hängigkeit reden", so endet das mit zündendem l'athos ge- schriebene Vorwort vom 27. August; „gestern noch waren dies verbotene Früchte?, heute sind sie Trost und (Jlück. Aber was ist Freiheit? Wir sind Sclaven des Gesetzes, damit wir frei seien! Unsere Völker, l)isher von Bajonetten und Kanonen bedroht, — 219 — athiucii jetzt auf untci- oinoi- iniUl(Mi Regierung, die sie selber eingesetzt halten, damit Handel, Aekerliau inid Kunst gedeihe, damit Wohlfahrt und Friede die (irundlagcii unseres n(>uen Lebens seien, auf das> Fernando VII., wenn er eines Tages unsere Heimath Ix'tritt, uns als ein A'olk tüchtiger, gliieklichcr, seiner würtlige Menschen linde." Hi'ickMickend anl' die i^ewegung vom '2i). Juli schrinlit Ca'ldas: „Hie Moi'genröthe des 21. sah die oberste Regierungsbehöi'de Neu - Granadas eingesetzt, sah sie aneikannt vom Volke, das sie geschaffen hatte, von der CJeist- lichkei